Und heute ist der erste Juli.

Egal zu welchen Themen die Menschen kommentieren, die „Sozialen Medien“ zeigen deutlich die erschreckende Verrohung, Empathielosigkeit und fehlende Schwingungsfähigkeit, die in den letzten Jahren, schon seit über einem halben Jahrzehnt nun, immer schneller vorangeht. Polemisch, engstirnig, abergläubisch und mit Tunnelblick werden Schuldzuweisungen und Beschimpfungen geplärrt. Täter-Opfer-Umkehr ist an der Tagesordnung, das System wird vor denen in Schutz genommen, die unter ihm leiden. 

Wir waren heute an der Nordsee, an einer Lieblingsstelle, wo nie so viele Menschen sind. Das Wasser war da, es war windig und nach dem hirn- und herzverstrudelnden Vollmond tat das sehr gut. 

Immer wieder: Rausgehen, Blickwinkel ändern, Gerdas Korbübung machen* und immer etwas haben, was uns freut.

Gefreut hat mich auch so sehr, alle meine Kinder zu treffen. Diese erwachsenen wunderbaren Menschen zu sehen, zu denen die wunderbaren Kinder herangewachsen sind.

* Gerdas Korbübung: Geistig an einen geschützten Ort gehen (bei mir nach Gerda halt der Felsendom) und dort einen geflochtenen Wäschekorb mit offenem Deckel sehen. In den Korb alles hineinstecken, was einen beschwert, ängstigt, ärgert, traurig macht, was man bereut und bedauert, egal ob groß oder klein, ob vermeintlich wichtig oder unwichtig. Den Deckel schließen und den Korb beiseite schieben. Sich fragen: „Und was hat mich heute gefreut?“ Mit diesem Gedanken in den Schlaf gehen. Das ist die tägliche Übung der Seelenreinigung, die ich nur empfehlen kann und die ich in den letzten Tagen, als es so furchtbar heiß war, einfach vergessen habe, leider. Nun denke ich wieder dran.

Beinahe kein Haiku.

Ich habe eben ein Haiku schreiben wollen und bin dabei an ein paar Begrifflichkeiten hängengeblieben. Unter anderem an „Selbstverwirklichung“. Erstens ist das Wort für ein Haiku eigentlich zu lang, und zweitens ist mir aufgefallen, dass es so selbstverständlich als „Spinnerei einer mittelalten bis älteren Frau, die nicht weiß, wie gut sie es hat und die in der Toskana töpfern geht“ gebraucht wird und damit dem patriarchalen System dermaßen in die Hände spielt, dass man eine sehr lange Abhandlung darüber schreiben könnte. Wenn also etwas nach außen „wie Selbstverwirklichung aussieht“, ist nicht gemeint, dass jemand sich selbst verwirklicht, statt sich zu verbiegen, sich verbiegen oder fremdbestimmen zu lassen, statt seine Wahrheiten aufzugeben oder sich dafür beschimpfen zu lassen und sich und seine geistige, seelische und körperliche Gesundheit gerade noch so rettet, sondern es ist gemeint, dass er egostischerweise einem Hirngespinst nachläuft. Für die eigentliche Bedeutung scheint es gar kein Wort zu geben.


ihr nennt es verrückt
ich bin nicht unkaputtbar
grad noch gerettet

Juni

(Mal sehen, ob es funktioniert, eben bekam ich nur lauter Fehlermeldungen.)

Nun sind wir schon im Monat der Sommersonnenwende angekommen und die bekannte sanfte Wehmut über das rasche Verstreichen des Sommers macht sich bemerkbar.

Zur Wolfsmilch stelle ich mich jeden Tag
und lasse mich auf ihre Weisheit ein.
Auf ihren Schutz und ihre Schönheit.
Beobachte das Leben der winzigen Spinnen auf ihr,
die in winzigen Netzen winzige Fliegen fangen,
schaue den friedlichen Feldwespen zu
wie sie Nahrung in den kleinen Blüten finden
und bewundere die magische Geometrie ihres Wuchses.

Mehr lässt sich fast nicht tun, um sich nicht zu sehr in der verzweifelten menschlichen Weltlage zu verfangen.

Hier, jetzt und da.

An einem sommerlichen Tag im späten April am Ufer eines Teichs zu sitzen (ein kleiner Teich im Hochschwarzwald), ein Tag mit Wind und unglaublich viel Pollen in diesem Wind, und den Kaulquappen zuzusehen, in aller Stille, wahrzunehmen, wie die Schatten der schwimmenden Quappen über den Teichboden gleiten, ganz lang und ungestört dort sitzen, das ist mal Meditation. Kaulquappenschattenmeditation.

Gibt es ein passenderes und klügeres Gedicht als Mascha Kalekos „Rezept“?

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Die zweite Tasse Kaffee.

Immer noch ist sie etwas, was ich sehr genieße. Meine zweite Tasse Kaffee am Morgen, in aller Ruhe, wie heute im Erker mit Blick in den sonnigen, frostigen (!) Morgen. Am Wochenende wird wieder einmal die Zeit umgestellt. Ich werde nie verstehen, warum man nicht von etwas lassen kann, das keinerlei positive Auswirkungen hat, im Gegenteil. (Das lässt sich von Vielem sagen. 5 Minuten Querlesen am Morgen auf den diversen Kanälen reichen völlig aus.)

Sehen, fühlen, hören, was ist. Die Schlehenblüten, die Spatzen in der Hecke, der klare Himmel, die Wärme der Tasse, meine Hände auf der Tastatur, das obligate morgendliche Schmettern der (wie es sich anhört mindestens 8) Taxitüren, das Ticken der Küchenuhr. Gleichzeitig auf Sehen, Fühlen und Hören konzentrieren ist ein wunderbarer Trick gegen Grübeln, Gedankenkreisen usw.

Lieblingsplätze sind wie Anker in der Landschaft, in der geistigen und in der irdischen.

Krempel.

Ich bekomme in der letzten Zeit öfter Reklame für ein Buch namens „Keiner will deinen Schei*!“ angezeigt. Ein Buch, das ich mir nicht anschaffen werde. Ich bin von Natur aus eine Entrümplerin. Das hat keine moralischen und manchmal nicht einmal besonders praktische Gründe. Ich mag es einfach. Schon als Kind war es für mich eine Methode, bessere Laune zu bekommen. Genauso wie ich beim Reisen leichtes Gepäck schätze.

Wenn aber der Krempel (und auch meine Lieblingsdinge sind für andere natürlich „Krempel“) als etwas definiert wird, das man gefälligst loswerden muss, damit die lieben Erben sich nicht damit herumschlagen müssen, dann wird es komisch. Man darf doch wohl solange man lebt, die Dinge haben, an denen man sich freut. Soll mein Vater seine Bibliothek entsorgen, damit ich (oder meine Kinder) keine Last damit haben?

Das wäre es noch. Mit den letzten Kräften auf den letzten Metern noch ordentlich ausräumen, schnell überstreichen und durchfegen und das Leben, den eigenen Lebensraum besenrein verlassen, unauffällig und diskret, bevor man stört.

Entrümpeln ist eine Methode, eine Technik, die mehr Wohlbehagen für einen selbst schafft. Das heißt, was man selbst als ein Zuviel empfindet, was einen hemmt und drückt, das lohnt sich loszulassen. Aber doch nicht das, was irgendwer als „Scheiß“ betrachtet und sich dann im Buchtitel noch nichtmal traut, das Wort auszuschreiben.