Einwintern.

Wir nisten uns ein. Bauen uns ein Herbst- und Winternest. Blick auf Eichen und Wiesen, nachts die Sterne unverstellt, Gänse ziehen in Keilformation von links nach rechts und umgekehrt. Bücher. Ein Holzofen. Kaffee in einem der gesammelten Becher.

Was mich gerade beschäftigt, ist das Feld „Arbeit/Beruf/Job“. Zwischen „brotloser Kunst“ und „das ist ja nur ein Brotberuf“ ist viel Platz. Ursprünglich war Leben untrennbar verbunden mit sinnvoller Tätigkeit. Unsere menschlichen Ahnen, bevor wir in der Evolution falsch abgebogen sind, kannten keine Tretmühle, kein Warten auf den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub, die Rente. Sie taten gemeinsam das, was not-wendig war, was dem Überleben der Sippe diente. Wer einmal erlebt hat, wie befriedigend und natürlich es sich anfühlt, gemeinsam das zu tun, was nun gerade dran ist (Sammeln, Ernten, Spielen, Musik machen, manches auch gleichzeitig, Versorgen, Behüten, usw.), erkennt, wie abgeschnitten von unserem Ursprung wir auch und gerade in der Arbeitswelt sind.

Übrigens: Zu vielen Themen gibt es hier im Blog keine Ausführungen mehr, weil ich die Gedanken keinen Fehlinterpretationen aussetzen möchte, das tut ihnen nicht gut. Prentice Mulford hat das sehr schön und klar beschrieben. Wichtige Dinge sollten nur mit Wohlgesonnenen besprochen werden. Menschen, die aus einem Fitzelchen Information eine absurde Geschichte ausbrüten, die aus einem Satz, der irgendwann in der Vergangenheit gesagt wurde, den man sich vielleicht in einem Smalltalk, weil man höflich sein wollte, abgerungen hat, Urteile über den Charakter eines anderen Menschen aufbauen und sich zu Beton verfestigen lassen, Leute, die alles weitererzählen, schaden Plänen und Gedanken.

Reisen.

Wir kennen „Reisen“ eigentlich nur noch als „Verreisen“, also in die Ferien fahren und zurückkommen. Dass das Reisen auch bedeutet, von einem Punkt zu einem anderen zu reisen, um dort zu bleiben, ist ein bißchen in Vergessenheit geraten. Mir wurde es jetzt ganz bewusst, als wir vom Südwesten des Landes in den Nordwesten reisten. Zogen. Drei Tage lang. Zuerst haben wir uns ausgiebig verabschiedet.

Dann ging es am ersten Reisetag bis hin zur Loreley. Umleitungen brachten uns in verwinkelte Dörfer, die viel zu eng sind für die panzerartigen Autos, die mittlerweile so gerne gefahren werden. Dann ging es am Rhein entlang. Wenig Wasser im Fluss. Und so eingezwängt zwischen Fluß, Straße, Bahnline und steilem Hang haben wir zwar gut übernachtet und am Abend auch fein gegessen, aber dort wohnen oder auch nur Urlaub machen, wollten wir dann doch nicht.

Am nächsten Tag ging es weiter am Rhein entlang, denn wir steuerten unseren zweiten Zwischenstop an, den Niederrhein. Allmählich wurde die Landschaft offener und die Bebauung weniger. An einer stark befahrenen Straße verbrachten wir die nächste Nacht in einem netten Gästehaus. Das Wetter war die ganze Zeit schön, sonnig, mild und windstill, was für ein Segen.

Und am dritten Tag rollten wir nach einem Frühstück in der Nähe der Niederrheinbrücke gemächlich nach Norden bis zu unserem Ziel. Wenn wir hier aus dem Fenster schauen, sehen wir eine von alten Eichen umgebene Kuhweide. Das ist unglaublich erholsam. Gestern Abend rief eine Waldohreule ausdauernd aus dem Geäst. Kreuzspinnen weben und spinnen alles ein.

Reist der Körper sehr schnell, wie z.B. beim Fliegen, kann es sein, dass die Seele langsamer hinterhergebummelt kommt und man am Ziel noch gar nicht richtig ankommen kann. Beim langsamen Reisen hat man den Vorteil, dass Körper und Seele gemeinsam fortkommen.

So.

Es ist eine schwere Zeit. Krieg, Hass, Verfolgung, Verwirrung, Spaltung, ihr wisst, wovon ich rede. Wenn man so darüber nachdenkt, wird einem klar, dass es seit Beginn des Patriarchats immer und immer wieder so war. Wir haben nur ein paar Jahrzehnte in einer vermeintlich heileren Phase gelebt.

Und trotzdem haben immer Menschen überlebt und weitergemacht. Wie kann man Orte und Gelegenheiten finden, um zu überleben und weiterzumachen? Mir fiel der Dreißigjährige Krieg ein.

Und wenn es um diesen Krieg und ums Überleben geht und man als Kind schon dankenswerterweise mit James Krüss gefüttert wurde, ist es unausweichlich, das dieses Gedicht im Gedächtnis aufploppt:

Es war einmal ein Landsknecht,
der hatte eine Maus.
Die Maus hieß Kommkarlinchen,
der Landsknecht Ladislaus.

Sie aß von seinem Brote,
sie schlief in seinem Bart,
sie wohnt‘ in seiner Tasche
auf weiter Kriegesfahrt.

Nur wenn in eine Schlacht ging,
der Landsknecht mit der Maus,
sprang sie ihm aus dem Rock
und nahm wie der Wind Reißaus.

Da war er sehr bekümmert
und lief ihr hinterher,
die Kreuz und auch die Quere
durchs ganze römische Heer.

Und weil sie lief nach hinten
und niemals lief nach vorn,
ging ohne ihn die Schlacht halt
gewonnen und verlorn.

Der Krieg wurd immer älter,
der Krieg wurd dreißig Jahr,
älter als mancher Landsknecht
altgeworden war.

Jedoch aus allen Wettern
kam heilen Leibs heraus
dank seinem Kommkarlinchen
der Landsknecht Ladislaus.

(James Krüss)

Und ich musste es jetzt wirklich aus dem Gedächtnis aufschreiben, das Buch (Wunderschön: Der fliegende Teppich, Gedichte und Geschichten für 101 Tag) ist gerade nicht greifbar. Ich wünsche uns allen ein Kommkarlinchen.

Trotz aller menschlichen Düsternis ist natürlich der September nahe der Tag- und Nachtgleiche, die Erde an sich, der Mond nahe dem Vollmond, wunderschön und es gibt immer viele Nischen der Freude.

Luxus

In den offenen Bücherschränken -wie ich diese Dinger liebe- und auch im (mittlerweile uralten) Kindle findet sich Altes und Neues zum Versenken, Versinken und Eintauchen. In den letzten drei Tagen habe ich gelesen: Pünktchen und Anton (Kästner) in einer besonders hübschen gebundenen Ausgabe, Am Montag ist alles ganz anders (Nöstlinger, Taschenbuch), Die tote Stadt und Der letzte Atlantide (Mader, E-Book – lustig, das ist aus der altdeutschen Schrift übertragen und dabei wurde neben anderen Buchstaben dauernd das Binnen-S und -F verwechselt, da hilft es, dass ich das Original seit fast 50 Jahren immer wieder mal gelesen habe und nicht an „Lustschiff“ statt „Luftschiff“ und Ähnlichem hängenbleibe). Nebenbei lese ich ein englisches Gartenbuch und auf Französisch eine Neuerwerbung aus dem Super U in Marckolsheim, „Nous sommes tous (un peu) chamans“, ein kleines Arbeitsbuch.

Und hier haben wir einen Fischadler gesehen. An einer unserer Lieblingsstellen, bei der ich immer an „Ferien auf Saltkrokan“ denken muss, an Melker, der ein Gedicht rezitiert: „Der Morgen atmet Ewigkeit, wie erster Tag uralter Zeit.“

Regentrude.

Ein satter praller Landregen wechselt sich mit sanftem Geniesel und dicken Schauern ab. Es zieht köstlich kühle Luft in die Räume, und der Ventilator hat Pause. Die Regentrude ist aufgewacht.

A propos Regentrude. Es gibt Kunstmärchen, die total schön und wirkliche Märchen sind, wie eben die Regentrude von Theodor Storm. Und Hauffs Märchen, die ich sehr mag. Und dann gibt es welche, auf die man verzichten könnte, wie die Schneekönigin und noch so einiges von Andersen. Geschichten, denen es dermaßen an Märchenhaftigkeit fehlt, dass sie verstörend wirken.


Dahingegen finden wir in der Regentrude einen deutlichen Hinweis darauf, dass die patriarchale (im Märchen die bäuerliche) Gesellschaft unnatürlich und schädlich ist und die Schäden erst durch das Erwecken (Wiedererkennen, Ehren) der weiblichen, lebensspendenden Kraft abgemildert werden können. Die Regentrude kann durchaus als eine Verneigung vor Göttinen wie der Frau Holle gesehen werden.

Wenn man ins Schlaraffenland oder die Stadt aus dem Märchen mit dem süßen Brei hineinmöchte, muss man sich durch einen Wall aus warmem Pudding oder Grießbrei hindurchessen. Und wenn man heute rausgeht, fühlt es sich genauso an, als sei man dabei mittendrin steckengeblieben.

Dafür gab es gestern Abend überraschenden Besuch:


Jahreskreis

Durch die schon merklich kürzeren Tage wird die Hitze nun deutlich abgemildert. Das ist schön. Bei 31 Grad und leichtem Wind war es heute sehr angenehm. (Die Tigermücken mildert grad noch nichts ab. Hyperaktive Miniblutsauger.) Die Eidechsen begleiten uns weiter durch den Sommer. Ich habe heute wieder einen Korb voll Bücher in den offenen Bücherschrank gebracht und einen Camilleri gefunden, den ich direkt gelesen habe. Übermorgen ist Neumond und Sonnenfinsternis. Ich empfehle sehr, die Worte meiner Freundin Sabine Kapfer dazu zu hören: https://t.me/c/2174296233/682

Und heute ist der erste Juli.

Egal zu welchen Themen die Menschen kommentieren, die „Sozialen Medien“ zeigen deutlich die erschreckende Verrohung, Empathielosigkeit und fehlende Schwingungsfähigkeit, die in den letzten Jahren, schon seit über einem halben Jahrzehnt nun, immer schneller vorangeht. Polemisch, engstirnig, abergläubisch und mit Tunnelblick werden Schuldzuweisungen und Beschimpfungen geplärrt. Täter-Opfer-Umkehr ist an der Tagesordnung, das System wird vor denen in Schutz genommen, die unter ihm leiden. 

Wir waren heute an der Nordsee, an einer Lieblingsstelle, wo nie so viele Menschen sind. Das Wasser war da, es war windig und nach dem hirn- und herzverstrudelnden Vollmond tat das sehr gut. 

Immer wieder: Rausgehen, Blickwinkel ändern, Gerdas Korbübung machen* und immer etwas haben, was uns freut.

Gefreut hat mich auch so sehr, alle meine Kinder zu treffen. Diese erwachsenen wunderbaren Menschen zu sehen, zu denen die wunderbaren Kinder herangewachsen sind.

* Gerdas Korbübung: Geistig an einen geschützten Ort gehen (bei mir nach Gerda halt der Felsendom) und dort einen geflochtenen Wäschekorb mit offenem Deckel sehen. In den Korb alles hineinstecken, was einen beschwert, ängstigt, ärgert, traurig macht, was man bereut und bedauert, egal ob groß oder klein, ob vermeintlich wichtig oder unwichtig. Den Deckel schließen und den Korb beiseite schieben. Sich fragen: „Und was hat mich heute gefreut?“ Mit diesem Gedanken in den Schlaf gehen. Das ist die tägliche Übung der Seelenreinigung, die ich nur empfehlen kann und die ich in den letzten Tagen, als es so furchtbar heiß war, einfach vergessen habe, leider. Nun denke ich wieder dran.

Beinahe kein Haiku.

Ich habe eben ein Haiku schreiben wollen und bin dabei an ein paar Begrifflichkeiten hängengeblieben. Unter anderem an „Selbstverwirklichung“. Erstens ist das Wort für ein Haiku eigentlich zu lang, und zweitens ist mir aufgefallen, dass es so selbstverständlich als „Spinnerei einer mittelalten bis älteren Frau, die nicht weiß, wie gut sie es hat und die in der Toskana töpfern geht“ gebraucht wird und damit dem patriarchalen System dermaßen in die Hände spielt, dass man eine sehr lange Abhandlung darüber schreiben könnte. Wenn also etwas nach außen „wie Selbstverwirklichung aussieht“, ist nicht gemeint, dass jemand sich selbst verwirklicht, statt sich zu verbiegen, sich verbiegen oder fremdbestimmen zu lassen, statt seine Wahrheiten aufzugeben oder sich dafür beschimpfen zu lassen und sich und seine geistige, seelische und körperliche Gesundheit gerade noch so rettet, sondern es ist gemeint, dass er egostischerweise einem Hirngespinst nachläuft. Für die eigentliche Bedeutung scheint es gar kein Wort zu geben.


ihr nennt es verrückt
ich bin nicht unkaputtbar
grad noch gerettet