Träume

Ich hatte letzten Herbst im offenen Bücherschrank ein noch eingeschweißtes „Dream Diary“ gefunden und es ein paar Monate benutzt. Den jeweiligen Tag und die darauffolgenden Träume auf den vorgesehenen Linien beschrieben. Jeden Morgen beim ersten Kaffee.

Zuerst fiel mir auf, dass ich im Traum nicht mehr wusste, dass ich träume und auch nicht einmal den Verdacht hatte, ich könnte träumen oder versuchen aufzuwachen. Dann wurden die Träume immer verwaschener und banaler.

Nachdem ich krank gewesen war und nach meinem Geburtstag, stand ich an einem Morgen auf, stellte mir den ersten Kaffee auf den Tisch im Erker, an dem ich morgens so gerne sitze, nahm das Traumtagebuch und beförderte es zielstrebig und mit einem gewissen Wohlbehagen in die Altpapierkiste.

Meine Träume mögen es offensichtlich nicht, beobachtet und katalogisiert, in vorgegebene Felder eingetragen, verglichen und festgehalten zu werden. Warum auch? Kein Teil von mir mag das.

In den letzten Nächten sind sie zurückgekommen, meine wilden, klaren, verrückten, bildgewaltigen Träume. Zugleich mit dem Frühling.

noch Februar

Ein zäher Winter geht zuende. Ich bin wieder gesund, mein Geburtstag für dieses Jahr hat stattgefunden, die Flußkreuzfahrtschiffe sind aus dem Winterschlaf erwacht und es soll ab Mitte der Woche frühlingshaft werden.

Und weiter? Ein Schritt nach dem anderen, den Raum halten, Bewusstsein und Fokus (neben dem Wahrnehmen, was gerade alles geschieht) auf Gutes richten. Und glücklich sein, wann immer es geht.

Rekonvaleszenz

Ich habe, weil das friedlich und unanstrengend auf dem Sofa geht, endlich die vielen Steinchen des alten Sandsteinmosaiks meiner Oma mütterlicherseits eingeräumt. Die Mutter meiner Mutter wurde 1898 in dieser Stadt geboren und hat vor über 120 Jahren schon mit diesem Mosaik gespielt. Es gibt natürlich noch einen schönen Holzkasten mit Schiebedeckel und ein bebildertes Anleitungsheftchen. Das ist aber gerade beim Buchbinder.


Meine Oma hieß Luise. Sie war die Ersatz-Luise – unter ihren vielen Geschwistern hatte es schon einmal eine Luise gegeben, von der erzählt wurde, sie sei besonders klug und der Liebling des Vaters gewesen, des Schuldirektors. Und dann starb sie (verschwommen ist mir eine Geschichte mit nassen Haaren, weil der Vater mit ihr im Regen Fahrrad gefahren war und Hirnhautentzündung in Erinnerung) und als meine Oma auf die Welt kam, wollten sie halt wieder eine kleine Luise. Ich frage mich, was das wohl mit ihr gemacht hat.

Sicher ist: Sowohl meine Oma als kleines Mädchen ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts, meine Mutter um 1940 herum und ich so ab 1975, sogar meine Kinder ab 2000 – wir fanden alle das Legen mit den Steinchen, das Anfassen, das Geräusch faszinierend und entzückend und wir alle haben uns immer wieder erfolgreich vor dem Einräumen in die Rähmchen gedrückt, so dass diese Aufgabe nun im Jahre 2026 kurz vor meinem 56. Geburtstag bei mir gelandet ist.

Das Mosaikspiel war mittlerweile schon in Gelsenkirchen, an drei Orten im Sauerland, in Ostfriesland und ist nun wieder hier gelandet, wo es hergekommen war. Sogar auf dem Schreibtisch meiner Oma, der seit meiner Schulzeit dann meiner war.

Mein rechtes Knie hat seit Dienstagabend scheußlich wehgetan. Heute ging wieder ein (wunderbarer) Spaziergang in der vorfrühlingshaften, den Wetterbericht Lügen strafenden Sonne. Was hat geholfen? Ich glaube, aus dem gesamten Mix, den ich ausprobiert habe, waren Quantum Entrainment (also die Zweipunktmethode, bekannt aber nicht erfunden durch Frank Kinslow) und Pferdesalbe (danke für die Erinnerung, liebe Gabriele) besonders hilfreich. Treppen und das geliebte Ettenheimer Kopfsteinpflaster sind noch ein bißchen schwierig. Was sagt die Organsprache? Rechte Seite – Umgebung, Außenwelt. Knie – in die Knie gehen oder nicht? Beugen? Starre? Gehen – wo will ich hin, wo nicht? Mit den Gedanken kann man ein bißchen spielen. Was habe ich gelernt? Man soll keine Bewegungen aus Reels nachmachen, die man überflüssigerweise angeklickt hat.

Montagmorgen

Ich komme an den Punkt, an dem das morgendliche Querlesen im Internet Überdruß und Langeweile hervorruft. Kitschige KI Bilder und -Geschichten, bösartige Kommentare (und dumme) zu jedem Thema, egal was, eine überall durchschimmernde Untertanenmentalität, die sich befriedigt fühlt, wenn sie nach unten treten kann, das zwanghafte Breittreten von allen vorstellbaren Banalitäten im vermeintlich öffentlichen Raum – man braucht für diesen Überdruß nicht einmal die Tagespolitik, das Weltgeschehen, die großen Lügen, die schlimmsten Strömungen – die Zerstörung findet auch von unten statt, im Mikrokosmos. 

Und bei all dem nicht vergessen: Hinschauen, ja, davon zu sehr beeindrucken lassen, nein. Immer wieder den Fokus richten. Was ist wahr? Was ist wichtig? Was ist noch da? Was hat mich heute gefreut?

Es wird heller.

Das heißt natürlich, die Tage werden länger. Man merkt es schon. Es geht auf Lichtmess zu. Lichtmess. Imbolc. Eines der wichtigsten Feste im Jahreskreis. Ausfegen, Ausschütteln, Ausmisten, Aussortieren und: Aussichten.

Heute Nacht habe ich von viel Schnee geträumt, gleich werde ich aber erst einmal ohne Schnee durch den kalten Morgen zur Arbeit gehen.

Übrigens: In dieser Zeit, in der alles immer hastiger gehen soll, geht eins immer langsamer, die Post. Ich habe an einem Dienstag einen Brief eingeworfen, damit er am Samstag gewiss angekommen sei. Er hat volle 8 Tage gebraucht. Der alte Stechlin hätte es nicht geglaubt. Damals kam zweimal am Tag die Post, stellt euch das mal vor. Und wer nachmittags zu Besuch kommen wollte, schrieb am Tag zuvor und sagte Bescheid. Und das Telegramm war gerade erfunden worden.

Blow, blow thou winterwind

thou art not so unkind… (Shakespeare)

Ein warmer Wind hat über Nacht den Schnee aufgeleckt, die Spatzenbande macht einen Krach wie ein ganzer Schulausflug und von Südwesten her wird der Himmel blau. Bei solchem Wetter muss ich immer an „The secret Garden“ von Frances Hodgson Burnett denken mit den wunderschönen Beschreibungen von Gärten im Winter und Vorfrühling, und damit ans Dartmoor und an England. Ans England von früher. Und früher ist noch gar nicht so lange her.

2026

Der Dezember hat sich letztes Jahr sehr gezogen, die 3 Wochen bis zur Wintersonnenwende waren lang. In den Rauhnächten (ja, ich schreibe sie immer noch mit H) wurde es besser. Insgesamt war es eine herausfordernde Zeit mit viel emotionalem Auf und Ab, da passte die Reise zum Jahresanfang gut hinein. Nun bin ich wieder zuhause, heute zur letzten der Rauhnächte, der Nacht der Wunder.