Ein altes Schätzchen gefunden.

Rotkäppchen – der Wolf kommt zu Wort

Neulich schlenderte ich durch den Wald und dachte an die nächste Mahlzeit. Ich denke meistens an die nächste Mahlzeit. Ich bin ein Wolf. 

An diesem Tag lief mir etwas über den Weg, das sehr essbar aussah. Es war ein kleiner Mensch. So gut einen Meter hoch, und in diese seltsamen Hüllen eingewickelt, die immer um Menschen herumflattern. Oben, auf dem wenigen Fell, steckte ein rotes, zipfeliges Ding. In der Hand trug der kleine Mensch einen Korb, der uninteressant roch.

Ich dachte, ich frag mal… Und sagte: „Guten Morgen, wer bist denn du?“ „Ich bin Rotkäppchen und soll der Großmutter Kuchen und Wein bringen. Sie wohnt tief im Wald, hinter der hohen Eiche.“ 

Das klang ganz gut – und weil ich ein umsichtiger Wolf bin, schlug ich dem Rotkäppchen vor, der Großmutter doch auf der großen Wiese einige Blumen zu pflücken. (Menschen tun das – sie reißen Blumen ab, tragen sie in der Hand und stecken sie dann in Wasser, statt sie zu fressen, wie Rehe und andere Tiere es tun.) Das sollte das kleine Menschlein einige Zeit beschäftigen…

In der Zwischenzeit rannte ich zügig zur Höhle der „Großmutter“. Dummerweise haben diese Höhlen keine richtigen Öffnungen. Aber ich polterte einfach gegen den verschlossenen Eingang und piepste „Ich bin Rotkäppchen und bringe dir Kuchen und Wein!“ Und schon öffnete er sich.

Puh, war die Alte ein Brocken. Sie roch schon so zäh, dass ich sie lieber hinunterschluckte, ohne zu kauen. Ich fühlte mich wie eine Eierschlange. Als ich endlich fertig geschluckt hatte, legte ich mich ins Bett. Natürlich hatte ich die Großmutter vor dem Fressen ausgewickelt und so zog ich ihre Hülle über meinen Kopf und meinen Hals.

Nach einiger Zeit kam der kleine Mensch mit dem roten Dingsbums auf dem Kopf in die Höhle, ganz außer Atem und mit vielen Blumen in der Vorderpfote. „Großmutter, ich bringe dir Kuchen und Wein und Blumen!“

„Komm näher, mein Kind“, sagte ich, denn mit dem dicken Happen im Bauch konnte ich nicht aufspringen. Brav kam sie ans Bett, sah mich an und fragte: „Großmutter, warum hast du so große Augen?“ „Damit ich dich besser sehen kann.“ „Und warum hast du so große Ohren?“ „Damit ich dich besser hören kann.“ „Ja aber, Großmutter, warum hast du so furchtbar große Zähne?“ Ja, Schätzchen, warum wohl? 

Die Kleine ging gut in einem Happen hinunter. 

Wie war ich satt. Ich war so satt, dass ich liegen blieb, wo ich war und tief und fest einschlief. Ich träumte sogar – von Geräuschen und von Bauchweh und hatte ein ganz schweres Gefühl im Magen.

Als ich wach wurde, tat mir der Bauch immer noch weh. Das war seltsam. Normalerweise vertrage ich alles. Und die beiden waren ja sogar ganz frisch gewesen. Und ich hatte schrecklichen Durst. Außerdem lagen die Blumen nicht mehr auf dem Boden, sondern steckten in einem mit Wasser gefüllten durchsichtigen Ding. Das war komisch.

Draußen war ein Brunnen mit frischem, kühlem Wasser. Ich stolperte zum Brunnenrand und wollte mich gerade vornüberbeugen um zu trinken, da hatte ich den Eindruck, als fiele in meinem Magen etwas Schweres um. Fühlte sich nicht an wie Mensch-im-Bauch.

Vorsichtshalber ging ich direkt zur Tierärztin meines Vertrauens und ließ eine Ultraschallaufnahme machen. Kaum zu glauben, aber in meinem Bauch waren weder die Großmutter noch das Rotkäppchen. Jemand muss mich heimtückisch überfallen haben, als ich schlief (sicher wieder der Förster), mir mein Essen aus dem Bauch gestohlen und durch etliche Wackersteine ersetzt haben. 

Nach der erfolgreichen Operation und einigen Tagen Schonkost (meist Mäuse) schlich ich mich wieder in den Wald. Von Wegen, Menschenhöhlen, Rotkäppchen und Großmüttern werde ich mich künftig fernhalten. Wenn ich mir vorstelle, was alles hätte passieren können…

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