Für einen, der es doch lesen möchte:
Frau Holle
Pechmaries Reisebericht
Ich werde am Anfang anfangen zu erzählen. Das ist gar nicht so leicht, wer weiß schon, wann und wie die Dinge wirklich angefangen haben. Vielleicht ist mein Name der Anfang. Ich heiße Marie. Ein hübscher Name. Ich habe ihn immer gemocht. Bis zu dem Tag als meine Mutter mir fröhlich eröffnete (etwas zu fröhlich, ich glaube, sie fühlte sich nicht ganz so unbedarft wie sie klingen wollte), dass ich einen neuen Vater bekäme und dazu noch, wie wunderbar, eine Schwester. Sie sei fast genauso alt wie ich und zudem wäre ein ganz lustiger Zufall dabei – sie hieße auch Marie. Hurra. Exzellentes Pech nenne ich das.
Der Mann war gar nicht übel. Natürlich war er der Vater der anderen Marie. Aber er war nett und fair und lustig, ich konnte es meiner Mutter nicht übelnehmen, dass sie ihn hatte heiraten wollen. Und so lebten wir ein paar Jahre als normal glückliche Flickwerkfamilie miteinander. Dann geschah etwas, das meine Mutter völlig aus der Bahn warf (und meine Stiefschwester natürlich auch). Der Mann starb. Meine Mutter hatte wirklich kein Glück mit Männern. Ich war traurig, die beiden am Boden zerstört, und als sie sich von ihrer Trauer erholten, wurden sie wirklich komisch.
Wo der Mann ordentlich, pünktlich und fleißig gewesen war, wurden die beiden zwanghaft, kontrollsüchtig und arbeitswütig. Gegenseitig stachelten sie sich zu immer früherem Aufstehen an, zu immer eifrigerem (und demonstrativerem) Arbeiten. Für die Nachbarn muss es so ausgesehen haben, als schicke meine Mutter ihr zartes, hübsches Stiefkind wie eine Sklavin zum Schuften. Sie selber erledigte im Haus alles mit einer solchen Akribie, dass ich nicht einmal mehr dazu kam, meinen eigenen Teller abzuwaschen. Wenn ich morgens aufstand, war das Haus für den Tag vorbereitet, die Öfen brannten, Holz war gestapelt, mein einsames Frühstück wartete vorwurfsvoll auf dem längst verlassenen Küchentisch, und während ich meine langen Haare zum Fenster hinaus auskämmte und mich freute, wie dunkel sie in der Morgensonne glänzten, schimmerte die selbe Sonne auf den paar goldblonden Haaren, die das züchtige Häubchen meiner Schwester freiließ, während sie am Brunnen an der Straße saß und spann. Sie saß fast jeden Tag an diesem Platz, obwohl (oder weil?) dort die meisten Leute vorbeikamen.
Und jeden Mittag, wenn sie zurück ins Haus kam, beschimpfte sie sich selber, weil sie nicht genug gearbeitet hätte, und meine Mutter stieß ins selbe Horn und beide beweinten ihre Untüchtigkeit, mit der sie dem armen toten Mann Schande machten. Ich war gar nicht mehr existent, hatte ich den Eindruck. Immerhin wollte auch niemand, dass ich etwas arbeiten solle – und ehrlich gesagt, es war auch keine Arbeit mehr übrig. Ab und zu ein paar Himbeeren in die Hand pflücken und direkt essen war das einzige – und das ging nur, wenn ich schnell genug im Garten war und die Beeren erwischte, bevor eine bienenfleißige Hand sie bereits zu Gelee verarbeitet hatte.
So werkelten und faulenzten wir vor uns hin, bis eines Tages – ja, bis eines Tages meiner Stiefmarie beim Spinnen tatsächlich die Finger bluteten, so fleißig war sie gewesen. Sie rief es zu meinem Fenster hinauf und zeigte mir ihre blutige Hand. Dabei bemerkte sie, dass die Spindel auch blutig geworden war und wollte sie im Brunnen abwaschen. Statt Wasser im Eimer bis an den Rand zu ziehen, beugte sie sich zum Wasserspiegel hinunter, das Knie auf den Hocker gestützt, auf dem sie beim Spinnen gesessen hatte. Ich rief noch, sie solle aufpassen, aber da lag sie schon drin, und als ich zum Brunnen gerannt kam, war sie weg, als hätte das schwarze Wasser sie einfach verschluckt.
Die nächsten Tage vergingen damit, dass ich meine völlig aufgelöste Mutter stützen und versorgen musste und mich um den Haushalt zu kümmern hatte. So kam ich selber gar nicht zum Nachgrübeln über das, was geschehen war, und am vierten Morgen wurde ich davon wach, dass der Hahn auf dem Misthaufen krähte als sei er verrückt geworden. Kikerikie, Kikerikie, fast klang es, als riefe er Marie. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster, um einen Pantoffel nach dem Radaubruder zu werfen und sah – meine Stiefschwester im Hof stehen, lebendig, gesund, völlig trocken, nicht einmal zerknittert, mit Häubchen und allem, und seltsamerweise klebten überall an ihr Goldmünzen, sie sah aus wie ein Baum mit goldenem Herbstlaub.
Nach dem Willkommen, das mit einer Ohnmacht meiner Mutter begann und damit aufhörte, dass die Goldmarie versuchte, eine Münze von ihrer Wange abzupopeln, die dort klebte, und feststellen musste, dass das nicht möglich war, drängten wir sie zu erzählen, wie sie vom Sturz in den Brunnen goldbedeckt in unseren eigenen Hof gelangt war.
Was sie berichtete, war erstaunlicher als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Sie war in den Brunnen hineingefallen und eine lange, lange Strecke hinabgestürzt, seltsamerweise ohne das Gefühl zu haben, unter Wasser geraten zu sein. Endlich landete sie, ohne sich zu verletzen, auf einer grünen Wiese.
Sie rappelte sich auf und folgte einem Weg in der Hoffnung, irgendwo auf Menschen zu treffen, die sie fragen konnte, wo sie sei. Nach einer Weile stand mitten auf einer Wiese ein Backofen. Sie wäre glatt daran vorbeigegangen (mit Fantasie wurde sie nicht so reichlich bedacht, dass ein Ofen mitten auf einer Wiese sie neugierig gemacht hätte), aber aus dem Backofen rief es nach ihr. Brote waren es, die riefen, sie seien fertiggebacken und wollten herausgezogen werden. Dies beruhigte die andere Marie, solche Aufforderungen kannte sie von zuhause, und sie zog die Brote eins ums andere hinaus und legte sie aufs Gras. Dann ging sie weiter und wurde als nächstes von einem Apfelbaum angesprochen, dessen Äpfel gepflückt werden wollten, sie seien alle reif. Marie baute eine ordentliche kleine Apfelpyraminde unter dem Baum und ging immer zufriedener mit sich selbst weiter.
Endlich kam sie an ein Haus. Ein merkwürdiges Haus, uralt und düster aber vertraut und anheimelnd zugleich. Aus einem Fenster im Obergeschoß schaute eine alte Frau heraus, die sagte, sie sei Frau Holle. Sie sprach mit großer Autorität und meinte, wo Marie nun einmal dort unten sei, solle sie bei ihr bleiben und ihr helfen, den Haushalt zu führen und immer kräftig die Betten aufzuschütteln. Das tat meine Schwester so gut sie konnte, und natürlich konnte sie es sehr gut und war so fleißig wie jemals zuvor. Nach einer langen Weile bekam sie aber Heimweh und fragte Frau Holle, ob es keinen Weg gäbe, wieder zurück nach Hause zu kommen. Daraufhin verabschiedete diese sich liebevoll von ihr, zeigte ihr einen Pfad und das nächste, was sie wusste war, dass etwas Hartes auf sie herunterprasselte und der Hahn zu ihrer Begrüßung krähte.
Während der ganzen Erzählung hatte sie vorsichtig an der Goldmünze auf ihrer Wange gezupft, sie aber nicht lösen können. Wir hoffen, sie wächst irgendwann heraus – von den Kleidern und dem Häubchen können wir das Geld ja einfach abschneiden. Das tun die beiden jetzt gerade und sie zählen laut dabei. Zum ersten Mal seit langer Zeit sehen sie richtig glücklich aus.
Sie haben fertiggezählt. Das Gold macht uns wohlhabend, sagen sie. Wohlhabend aber nicht reich. Reichtum, so sagt die Mutter, finge an bei dem Doppelten der Summe, die an Goldmarie geklebt hätte, und schaut mich mit einem auffordernden Blick an, den ich zuerst nicht recht verstehe. Als aber dann Goldmarie (was für ein Spitzname) zu mir kam und in ihrer süßen Art sagte, es sei doch ungerecht, dass sie nun ein solches Vermögen besitze und mit unserer Mutter teilen könne, und ich allein sei arm wie zuvor (aha), dämmerte es mir. Auch beim Geldmachen sind die beiden also tüchtig. Nun gut. Ich schnappe mir die Spindel und gehe Richtung Brunnen. Dort steche ich mir tüchtig in die Hand und beuge mich über den Brunnen. Mir wird immer schwindlig, wenn ich Blut sehe, und so falle ich unfreiwilliger in den Schacht hinein als ich es eigentlich vorhatte. Vom Sturz merke ich nichts, aber als ich zu mir komme, blutet meine Hand nicht mehr und ich liege auf einer Wiese unter einem weiten Himmel, vom Brunnen ist weit und breit nichts zu sehen. Da vorne muss der Weg sein, den Marie beschrieben hat, ich bin gespannt, ob ich auch auf sprechende Gegenstände treffen werde. Tatsächlich. Auf einer weiten Wiese vor einem Tannenwäldchen steht ein alter Backofen. Wie aus einem Hexenhäuschen, denke ich, mit einem langen, schiefen Ofenrohr. Drinnen toben die Brote: „Hol uns raus, hol uns raus, wir sind fertig.“ Ich schaue ins Fach mit der Glut – lange bäckt der nicht mehr, denke ich. Das Gras unter meinen Füßen ist feucht vom Tau. Ich sage zu den Broten (ich rede mit Broten, ich falle in einen Brunnen und rede mit Broten…):“Wenn ich euch heraushole, bin ich rußig und verbrenne mir die Finger, und ihr werdet im feuchten Gras ganz matschig. Da drinnen könnt ihr gut ausdörren, dann werdet ihr gutes Zwiegebackenes. Verbrennen könnt ihr nicht, dafür reicht die Glut nicht mehr.“ Im Weitergehen höre ich die Brote erstaunt murmeln. Nach ein, zwei Wegbiegungen komme ich zu dem Apfelbaum. Eine Pracht. Rotwangige Äpfel in der vollen, grünen Krone. Noch ehe die Äpfel rufen können, laufe ich hin, pflücke mir einen und beisse mit Wonne hinein. Auf den oberen Ästen hüpfen pickende Vögel, und in manche Äpfel haben schon Wespen ihre kleinen Schlaraffenländer gebaut. „Wir sind total reif, hol uns vom Baum!“ zischen die Äpfel mir zu. „Pflück uns, los!“ Ich sehe mich um. Weit und breit ist kein Haus zu sehen, zu dem der Baum gehören könnte. „Warum soll ich euch pflücken, mich im Baum zerkratzen und euch nicht besser als Fallobst auf die Erde legen? So bleibt ihr lange frisch für hungrige Wanderer und alle Tiere, die euch dringend als Nahrung brauchen, und wenn eure Zeit gekommen ist, lässt der gute Baum euch von alleine los.“ Im Weitergehen höre ich aus der Baumkrone ein fragendes Wehen und Rascheln.
Meine Füße werden allmählich müde und im Gehen werden die Erinnerungen an das, was die goldene Marie erzählt hat, immer blasser. Ich bin nicht mehr in ihrer Erzählung unterwegs, dies ist meine Geschichte. Während ich darüber nachdenke, gelange ich unverhofft an einen Zaun. Hinter dem Zaun ist ein Hof und in dem Hof steht ein Haus. Es ist wie ein Haus, das ich aus meinen Träumen kenne und ich habe den Eindruck, als hätte ich es in meinen Träumen geliebt und gefürchtet. Die alte Frau, die aus dem Fenster im Oberstock herausschaut, ist mir vertrauter als meine eigene Mutter und dabei macht sie mir gleichzeitig Angst. Oder ist es Ehrfurcht? In der alten Küche des alten Hauses sitzen wir und die Frau spricht zu mir. Sie sei die Frau Holle, sagt sie, und ihr gehöre das untere Reich. Wir Menschen kennten es von unserem Weg durch Geburt und Tod, und ab und zu kämen Menschen, so wie ich durch einen unbekannten Zugang hinunter, obwohl sie lebten, und könnten viel dort lernen. Nicht jede, die käme, ginge weiser als sie gekommen sei, jedoch so manche. Außerdem, nun wird ihre Stimme, die vorher ein geheimnisvolles Raunen war, wieder alltäglich, außerdem freue sie sich immer über Gesellschaft, über Hilfe im Haus und vor allem über Hilfe beim Ausschütteln der Betten. Von Betten hatte doch auch die Schwester geredet, warum sind hier Betten so wichtig? Frau Holle sieht meinen fragenden Blick und erklärt: „Ich bin die Frau Holle. Wenn ich hier meine Oberbetten und Kissen zum Fenster hinaus ausschüttle, dann schneit es oben in der Welt.“ Was für ein Spaß. Dabei helfe ich gerne. Schnee machen können, dass die Mädchen und Buben oben in der Welt Schlitten fahren können und Eislaufen und Schneeballen werfen und Schneefrauen und -männer bauen mit lustigen Möhrennasen, das ist eine Arbeit nach meinem Herzen. Leider dauert sie nie lang. Zwei Betten sind schnell geschüttelt. Und der Haushalt verlangt nicht viel Hilfe – ich glaube, die Frau Holle kann sowieso alles hinzaubern, ich bin mir sicher, die Brote und einige der Äpfel, denen ich unterwegs begegnet bin, im Vorrat gesehen zu haben. Auch liegt nie Staub auf den Möbeln – warum sollte ich dann so tun und mit dem Wedel herumwirbeln? Lieber höre ich der Frau Holle zu, wie sie mit ihrer uralten Stimme erzählt, mit Worten, die nicht direkt in meinem Gedächtnis bleiben, sondern direkt in meine Seele zu sinken scheinen. Sie redet davon, dass alles eins, dass oben wie unten sei und dass die Menschen ihre eigene Geschichte vergessen hätten. Es klingt wie ein großes Geheimnis und dennoch sehr vertraut.
Nach vielen, vielen Tagen (oder Wochen?) bin ich ganz gesättigt und ausgeruht und fühle eine Unruhe in mir, ich glaube, es ist Zeit, die untere Welt wieder zu verlassen. Frau Holle schaut mich an, als hätte sie es erwartet. Wir nehmen Abschied und sie sagt: „Wundere dich nicht, wenn du nicht empfangen wirst wie deine goldene Schwester. Denke an das, was du gelernt hast. Wir werden uns wiedersehen. Nicht erst am Ende der Zeit aber auch dann.“ Auf dem Pfad, den sie mir zeigt, gehe ich los, durch eine Hecke hindurch, und das nächste, was ich weiß, ist, dass etwas nass, warm und klebrig auf mich einprasselt und der Hahn kräht wie verrückt. Es klingt wie „Kikerekäch, Kikerekäch“, wahrscheinlich ist er heiser. In unserem Hof umschnattern mich Mutter und Goldmarie, sie sind entsetzt und umarmen mich gar nicht. Nach und nach merke ich, warum. Das Zeug, das an mir klebt, ist kein Gold. Es ist Pech, klebriges, schwarzes Pech. Na, die Kleider sind hin, die kann ich gleich ausziehen. Warum hatte ich nicht so ein dummes Häubchen auf dem Kopf? Jetzt sind die Haare auch voll mit diesem Zeug. „Marie bitte, bring mir mal eine Schere.“ Ab damit. Was hatte Frau Holle gesagt? Ich soll mich nicht wundern, wenn ich nicht das gleiche bekomme… Was habe ich denn da bekommen? Pech. Ja, Pech für meine beiden Fleißigen daheim, nun sind sie doch nicht reich. Was tut Pech denn? Es haftet an. Und ich löse mich davon – hatte die Frau Holle nicht auch von so etwas gesprochen? Nicht anhaften? Ich habe eine Erinnerung bekommen. Langsam und gründlich schneide ich meine verklebten Haare ab. Wie eine junge Krähe sehe ich aus mit dem kurzen Flaum, ganz fremd und ganz neu. Ich ziehe ein sauberes Kleid an und berühre vor dem Spiegel den kleinen Fleck von Pech in meinem Gesicht. Ein Mal. Ich werde nicht daran herumzupfen. Es ist ein Denk-Mal. Frau Holle hat mich gezeichnet.
Ich glaube nicht, dass ich noch lange hier wohnen möchte. Die beiden verstehen nicht, wovon ich erzähle, wenn ich von der unteren Welt rede. Sie meinen, das Pech sei eine Strafe für meine Faulheit bei Frau Holle. Vielleicht gehe ich dorthin, wo es Menschen gibt, die noch mehr Wege in die anderen Welten kennen, dann werde ich wieder dorthinreisen. Im Osten, habe ich gehört, soll es welche geben. Und andere auf einer Insel, einer großen Insel, gar nicht so weit von hier. Frau Holle hat dort nur andere Namen. Aber Namen, das weiß ich jetzt, sind nicht so wichtig, Sie sind höchstens der Anfang.