Und Nr. 3

Schneewittchen – die Stiefmutter erzählt. 

Vor einigen Jahren habe ich einen Witwer mit Kind geheiratet. Dass er König ist, war keine Neben- aber auch nicht die Hauptsache. Das Kind war die typische kleine Prinzessin. Von Geburt an haben sie ihr erzählt, sie sei die Schönste. Jeden Tag musste ich mir ihr Selbstgespräch am Spiegel anhören: „Spiegel, wer ist die Schönste im Land?“ Sie wurde schnell groß und wirklich hübsch. Jeden Abend hockte sie sich bei meinem Mann auf den Schoß, er wuselte in ihren Haaren herum und erzählte ihr, dass ihre Mutter genau so schön gewesen sei, genau solche Haare hatte und dass sie die Schönste auf der ganzen Welt sei. Ich ging dann irgendwann mit einem Buch ins Bett. Schließlich wurde Schneewittchen erwachsen und eigentlich hätten die Freier sich scharenweise im Schloss einfinden müssen. Aber mein Mann hielt seine schöne Tochter unter Verschluss. Der einzige, der ihr Komplimente machen durfte, war der Spiegel. Allmählich entwickelte ich einen richtigen Hass auf das Ding und meinte manchmal, ich hörte ihn sprechen. Sobald ich hineinsah, schien er zu flüstern, „Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Eines Tages passierte das Unvermeidliche. Sie sagte einmal zu viel, sie sei die Schönste, ihr Vater liebe sie viel mehr als mich und überhaupt sei ich alt und die längste Zeit Königin gewesen.

Mein einziger Freund und Vertrauter, der königliche Jäger, suchte mich an diesem Tag auf (wie jeden Mittwoch) und nachdem, also, ich meine, später halt,  erzählte ich ihm wieder einmal die ganze Geschichte und sagte: „Weißt du, am liebsten wäre mir, du könntest das eitle Ding mal mit einem Reh verwechseln und erlegen.“

Zu meinem schrecklichen Schrecken sah ich die beiden eine Stunde später zusammen im Wald verschwinden, er mit Armbrust über der Schulter. Da hatte der Irre das ernst genommen, mir wurde ganz schlecht. Am Abend kam er endlich zurück. Schlug auch gleich bei mir auf und zeigte mir ganz stolz eine Leber und eine Lunge, ich musste mich direkt übergeben.

Ich habe dem Idioten gesagt, er soll das Zeug eingraben oder dem Koch geben oder in den Teich schmeißen und mich ins Bett gelegt. Ernsthaft, drei Tage war ich krank. Der König, mein Mann, lief natürlich Amok – gut dass er die Innereien nicht gesehen hatte. Er ließ den Fluss absuchen, den Wald und die Nachbarstadt.

Nach den drei Tagen sah ich zum ersten Mal in den Spiegel. Ich sah blass und schmal aus. Und wunderschön. Trotzdem flüsterte der Spiegel wieder. „Schneewittchen – hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr“.  Was? Wie? Wo? Berge? Zwerge? Her mit diesem Jäger!

Aha, er hat zugegeben, dass er ein Reh erlegt hat und mit Lunge und Leber vorgetäuscht hat, er hätte Schneewittchen getötet. Die nächsten Mittwoche braucht er sich hier nicht sehen zu lassen, das ist sicher.

Am nächsten Tag verkleidete ich mich als Krämerin, schnappte mir einen Korb voller Trödelkram und machte mich auf den Weg über die sieben Berge (drei davon sind enorm steil) und klopfte an einem zwergenhaften Häuschen, das neben einem Bergwerk stand.

Da macht mir doch die kleine Zicke die Tür auf, keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist. Sie hat mich nicht einmal erkannt. Aber sie wollte unbedingt einen Kamm von mir kaufen, um sich die Haare hochzustecken… Einen habe ich sie ausprobieren lassen. Natürlich den mit dem Gift… Ich kann nicht riskieren, dass sie zurückkommt und die Jägergeschichte herumerzählt. 

Als sie umgefallen war, mit dem Kamm in den Haaren, machte ich mich auf den Rückweg und stellte mich am nächsten Tag in freudiger Erwartung vor den Spiegel. Aber was ist? Der gleiche Spruch wie das letzte Mal  – diese Zwerge müssen ihr den Kamm aus den Haaren genommen haben… 

Also machte ich mich wieder, in etwas anderer Verkleidung, auf den mühsamen Weg über die sieben Berge (landschaftlich ist es wirklich wunderschön dort) und klopfte am Häuschen der Zwerge. Diesmal machte sie nicht einmal die Türe auf, aber beim Blick durchs Fenster sprang ihr ein besonders schöner Gürtel ins Auge… Einer, mit dem man eine so schmale Taille schnüren kann, dass sämtliche  Zwerge dieser Welt auf den Rücken fallen vor Bewunderung. Und auch Schneewittchen blieb beim Anprobieren glatt die Luft weg und ich kehrte zufrieden zum Schloss zurück.

Am nächsten Tag hörte ich den Spiegel zum ersten Mal seit langer Zeit nicht wispern und war erleichtert. Am übernächsten Tag jedoch muss ein Zwerg auf die Idee gekommen sein, den Gürtel zu lösen, denn der Spiegel zischte: „aber Schneewittchen über den 7 Bergen, bei den 7 Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr“ (Ob sie schöner war oder nicht, war mir mittlerweile völlig egal, ich wollte ihre Mitwisserschaft zu diesem ungewollten und missglückten Mordversuch aus der Welt schaffen.)

Zum dritten Mal (und schon leicht erschöpft) begab ich mich zum Häuschen der Zwerge. Zwischen dem vierten und fünften Berg blühte der Weißdorn und eine Höhle lag so friedlich im Bergeshang über dem Tal, einem ganz stillen Tal, wie eine Stelle, nach der man sich sehnen kann…

Diesmal war ich als freundliche, rotwangige Bauersfrau verkleidet und trug eine Kiepe, voll mit den schönsten Äpfeln, von denen ich einen durch das Fenster Schneewittchen zum Probieren anbot. Sie war aber misstrauisch geworden und wollte nicht kosten, ehe ich nicht auch abgebissen hätte. Zum Glück hatte ich mit so etwas gerechnet und nur die rote Apfelwange vergiftet.

Also biss ich wacker in die gelbe (guter Apfel) und Schneewittchen in die rote. 

Ich hoffe, nun ist die Sache erledigt, es war schrecklich genug, dreimal aufs Neue jemanden ermorden zu wollen.

Der Spiegel war und blieb ruhig. Ich lebte im Schloss zwischen meinem Mann, der nicht nachließ, nach seiner Tochter suchen zu lassen und dem Jäger, dessen Anblick mich jedesmal an die ganze Sache erinnerte. Meine Sehnsucht nach dem stillen Tal zwischen dem vierten und fünften Berg wurde immer größer.

Einige Wochen gingen ins Land, vielleicht sogar einige Monate. Da sagte an einem Morgen, gerade als der Postillion mit einer Botschaft in den Schlosshof ritt, der verflixte Spiegel wieder etwas: „Die junge Königin ist tausendmal schöner als ihr“. Naja, der Brief erklärte so einiges. Offensichtlich hatten die Zwerge Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt und ein Königssohn von wer-weiß-wo hat sich in die Leiche verliebt, sie mitnehmen wollen und beim Transport so geschüttelt, dass das Apfelstück aus dem Hals flog.

Und nun besitzt sie die Dreistigkeit, mich zur Hochzeit einzuladen. Ich werde pro forma annehmen und die Zeit bis dahin nutzen, mir ein paar Vorräte und praktische Gegenstände anzuschaffen, mit deren Hilfe ich in der Höhle zwischen dem vierten und fünften Berg zurechtkommen werde. Mir brennt der Boden unter den Füßen als wolle jemand mich auf glühenden Kohlen tanzen lassen. 

In der Höhle wird es mir gut gehen. Der Jäger, mit dem ich mich wieder versöhnt habe, alles in allem war es ja nur ein Mißverständnis, wird meine diskrete Anbindung an die Außenwelt sein.

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