und ein neues

Dornröschen

Protokoll der 13. Fee

Es war wieder einmal so weit, ein Königskind wurde geboren. Eine Tochter. Bei einem Sohn hätten die Eltern die Gnome eingeladen aber so waren wie Feen wieder an der Reihe. Vorher überlegen wir uns immer, welche Fee für welchen Wunsch, für welche Wundergabe zuständig ist. Ich war eingeteilt, um das Kind, wenn es denn eine junge Frau geworden sei, in alle Geheimnisse dieses Frauseins einzuführen. Das mache ich ganz gerne, erstens muss ich nicht direkt nach der Geburt parat stehen und zweitens finde ich es spannender als Schönheit, Tugendhaftigkeit, Zeichentalent und all die anderen hübschen Dinge. 

Am Tag der Einladung kam allerdings eine Ausladung – für mich. Der König hatte nur 12 goldene Teller und deswegen sollten nur 12 Feen geladen werden. Das ist natürlich absoluter Blödsinn, er hätte jederzeit einen 13. Teller besorgen lassen können oder eben 13 kostbare Porzellanteller decken. Aber es war halt genau zu der Zeit, in der die Kirchen anfingen, die machtvolle Zahl 13 zu sabotieren. Nun hatte ich allerdings schon versprochen, das Kind ins Frausein zu begleiten. Wie konnte ich das Versprechen bloß halten? 

Am Abend der Einladung beschloß ich, nach dem Essen doch noch ins Schloß zu gehen. So wichtig war mir das Essen vom goldenen Teller nicht, aber das Kindchen wollte ich doch sehen und meinen Wunsch dort lassen. Als ich in die festliche Halle trat, standen meine Mitfeen um die Wiege herum und wünschten, was das Zeug hielt. Kaum sahen der König und die Königin mich, finden sie an zu schimpfen und versuchten mich mit fuchtelnden Armen zu verscheuchen. Neben ihnen stand grinsend der Pfaffe. 

So leicht bin ich nun nicht zu verscheuchen, ich machte mir den Weg zur Wiege frei und betrachtete das entzückende kleine Mädchen. Es war klar, dass mich niemand jemals freiwillig wieder zu ihr lassen würde. Also wünschte ich: „Wenn du 15 Jahre alt bist“ – das müsste reichen vom Alter her – „Wenn du 15 Jahre alt bist, wirst du dich an einer Spindel stechen und einschlafen.“ So dachte ich, könnte ich sie wenigstens in 15 Jahren erreichen. Und was macht Fee Nummer 12? Kommt angerannt und setzt „du wirst 100 Jahre schlafen“ obendrauf. Hinterher sagte sie, sie hätte geglaubt, ich hätte einen ewigen Schlaf gemeint. Wer macht denn sowas? Also 100 Jahre – uns Feen ist das ja egal. 

Als das Kind allmählich eine junge Frau wurde, nistete ich mich heimlich im Schloß in einem Turmzimmerchen ein, verkleidet als alte Frau mit einem Spinnrad als Requisite. Es war das letzte Spinnrad im Land, denn der König hatte auf meine Prophezeiung sehr vorhersehbar reagiert und alle Spindeln und Spinnräder vernichten lassen. Seltsamerweise fiel es den königlichen Eltern ein, genau am 15 Geburtstag ihrer Tochter wegzufahren. Nun, mir machte es die Sache leichter. Ich zog mich spinnend ins Turmstübchen zurück und wartete. Was tut man, wenn man am 15. Geburtstag alleine gelassen wird? Man stromert herum. Das tat auch die Prinzessin. Das ganze Schloß hat sie durchstöbert und irgendwann landete sie natürlich auch im Turm. Als sie mich am Spinnrad sah, war sie sofort begeistert, So ein Ding hatte sie noch nie gesehen. Ich erklärte ihr, was es sei, wofür es sei und wie es funktionierte. Und schwupps, da wollte sie es auch probieren und stach sich programmgemäß an der Spindel. Eigentlich hätte ich sie nun mitgenommen und bei mir zuhause vieles gelehrt. Jetzt musste ich aber die 100 Jahre meiner voreiligen Mitfee abwarten. Also packte ich sie aufs Bett und ging hinaus. Im Schloss schliefen alle. Die eben zurückgekehrten Eltern schliefen im Thronsaal, die Lakaien lehnten schlafend an den Wänden, in der Küche hielt die schlafende Köchin ein halbgerupftes Huhn in der Hand und der Koch war mit erhobener Hand eingeschlafen, als er gerade den kleinen Küchenjungen ohrfeigen wollte. Warte, du Grobian, den Kleinen nehme ich weg, lege ihn gemütlich vor den Kamin und dich drehe ich zum Schrank um, den kannst du in 100 Jahren dann gerne ohrfeigen. 

Im Hof schliefen die Pferde, die Hunde, die Hühner und die Tauben. Das war mal ein mächtiger Schlafzauber! Als ich durchs Tor ging, fingen die wilden Rosen rund ums Schloß schon an, sich überall emporzuschlängeln. Mal sehen, wie ich in 100 Jahren reinkomme.

Als die Menschen in den Dörfern ringsum mitbekamen, was passiert war, schäumten sie über vor Begeisterung und vor Gerüchten. Die Gasthöfe waren voll besetzt, weil die Leute strömten, um das rosenüberwucherte Schloß zu sehen, in dem eine „verzauberte“ Prinzessin schlafen sollte. Im Laufe der nächsten 100 Jahre kam ich ab und zu vorbei und besah mir die wunderbaren Rosen. Die 12. Fee musste übrigens bei jedem Treffen viel Spaß und Spott über sich ergehen lassen, wegen des völlig unnötigen hundertjährigen Schlafes. 

In der kommenden Zeit wurden immer wieder Helden und Prinzen angelockt, die die Prinzessin befreien wollten. Sie zogen ihre Schwerter, einer wie der andere, Jahr um Jahr, und hackten auf die Rosenhecke ein, die immer dichter und dicker wurde. Und ein Prinz um den anderen, ein Held nach dem anderen blieb an den Dornen hängen und starb elendiglich. (Ich sage jetzt nicht, was das mit der Psyche der 12. Fee angerichtet hat.)

Auch 100 Jahre gehen mal vorbei, und als im hundertsten Jahr die Rosen blühten, kam ich wieder zum Schloß. Anscheinend war ich genau pünktlich erschienen, denn die Rosen blühten zwar üppig und dufteten wie nie zuvor, aber es gab keine Dornen mehr und Schritt für Schritt öffneten sich vor mir Wege durch die Hecke.

Ich trat in den Schloßhof und fand immer noch alles schlafend vor. Auf einmal stürzte etwas, na gut, jemand, hinter mir durchs Tor, ein junger Mann mit gezogenem Schwert und raste ins Schloß hinein. Du liebe Güte, einer von den heldenhaften Retterprinzen. Ich folgte ihm und stieg in den Turm hinauf. Fast wäre ich ganz zu spät gekommen aber auch so war es schon kritisch: Der junge Mann kniete am Bett und küsste die Prinzessin wach. „Dornröschen, ich bin gekommen, um dich zu retten und wir werden heiraten.“ Gerade noch, bevor sie direkt aus dem langen Schlaf in eine Ehe rutschen konnte, nahm ich sie beim Arm und ging mit ihr davon. In mein Haus im Wald, wo sie erst einmal in aller Ruhe lernen kann, was eine Frau ist und kann und wissen sollte. Schließlich ist sie erst fünfzehn.

Im Schloß gab es ein munteres und erstauntes Erwachen. Die Pferde, die Hunde, die Hühner und die Tauben und ebenfalls die Köchin machten einfach weiter, wo sie aufgehört hatten. Traben, bellen, gackern, flattern, rupfen. Der Koch brach sich die Hand, als er den Schrank ohrfeigte, und der Küchenjunge lief davon und suchte sich einen besseren Platz. Der König und die Königin versuchten, ihr 100 Jahre regierungsfreies Königreich wieder unter Kontrolle zu bekommen, es soll nicht besonders gut laufen. Und irgendjemand musste die vielen Prinzen- und Heldenskelette aus der Rosenhecke schneiden und beerdigen.

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