Eintauchen.

Familiengeschichten sind wie Ketten. Nicht nur, dass sie einen binden, sie greifen auch von Leben zu Leben ineinander wie die Glieder einer Kette. Wo sich die Glieder überschneiden, meinen beide, nun alles vom Leben des anderen zu wissen, dabei fehlt beiden das Wissen um große Teile des Lebens des anderen. Mein Vater teilt gerade den früheren Teil seines Lebens mit, er schreibt die Geschichte seiner Flucht aus Ostpreußen auf. Und in diesen Teil hakelt sich wieder die uns allen unbekannte Geschichte seiner Eltern und Großeltern ein. Dazu kommen die Abzweigungen der Geschwister, Cousinen, Onkel, Tanten, so dass aus der Kette ein ganzes Netz gewoben wird. 

Aus meinem Netz greife ich nun einen Faden. Ich greife den Faden meiner Tante Liesel. Der Faden ist kurz aber nur in meiner Wahrnehmung, denn in meinem Bewusstsein fängt ihr Leben erst Mitte der 1930er Jahre an und endet mit ihrem Tod, als sie in dem wunderschönen Haus in Ettenheim, hinten ein Garten, vorne zu Straße raus, mit schmiedeeisernem Gitter eingefriedet, die Treppe hinunterfiel und sich das Genick brach. Und von den 30ern bis 1976 weiß ich nur, was meine Mutter erzählt hat. 

Liesel Wiesler.

Ich weiß nicht, wann sie geboren wurde. Das werde ich nachsehen, wenn ich das nächste Mal auf dem Ettenheimer Friedhof bin. Vielleicht finde ich auch ein Foto mit dem Grabstein. (Ich habe eins gefunden, 1915 – 2002.) Sie haben sie zu den Daten meines Großvaters mütterlicherseits graviert. Denn sie war nicht nur seine Cousine sondern auch seine zweite Frau. Meine Erinnerungen an sie sind schön. Diese schönen Erinnerungen werden auch geprägt vom Talent meiner Mutter, alles in eine Art Double Bind zu verwandeln. Sie hat Tante Liesel mindestens einmal im Jahr besucht. Solange sie in Ettenheim lebte, waren sie gemeinsam im Rhein schwimmen. Gleichzeitig war es Pflicht, Liesel zu hassen, da sie den Vater verführt hat. Er war ein notorischer Fremdgänger und fast 20 Jahre älter als sie, der der Reihe nach alle Dienstmädchen vögelte, immer mit der Entschuldigung, er kenne sie bestimmt aus einem vorherigen Leben. Dann nahm er halt auch seine junge Cousine vor, und die ließ sich nicht so leicht abschütteln wie die Dienstmädchen. Meine Mutter war damals vier Jahre alt und konnte ihre Rolle als Versöhnungskind nicht erfüllen. Ihre Mutter versank von diesem Zeitpunkt an in eine tiefe Trauer. Ich habe Briefe von ihr, also von meiner Oma, gelesen, aus der Zeit vor ihrer Ehe, es waren spritzige, lustige, geistvolle Briefe an eine Freundin. Aus der Zeit, an die sich meine Mutter erinnert, sind nur traurige Dinge überliefert. Ihre Mutter hieß in der Familie „der Mämmel“ (wer weiß, was das bedeutet, möge sich bitte melden), und es gibt etliche aufbewahrte Gedichte zu Weihnachten und zum Geburtstag, die meine Mutter für sie gedichtet hat, seit sie schreiben konnte, und der einzige Wunsch war immer, verziert mit Herzen, Tannenbäumen und Engelchen, dass der Mämmel einmal wieder lachen könnte. Ich merke, es ist nicht leicht, nur einen Faden in der Hand zu halten und zu verfolgen, viel zu viele andere Fäden, andere Kettenglieder, hängen mit dran und drin. Tante Liesel wurde vom Mämmel „das Ripp“ genannt. Das ist definitiv kein Kompliment, und ich frage mich von Kindheit an, ob diese Beschimpfung etwas mit der patriarchösen biblischen Geschichte von Eva aus Adams Rippe und der Erbsünde zu tun hat. Wenn die Liesel den Pfad am Garten entlang ging, bevor meine Oma dann mit den Kindern aus dem Haus vertrieben wurde, da der Bankdirektor, seines Zeichens mein Großvater, keinen Pfennig herausgerückt hat, trabte meine Oma innen am Zaun entlang und schimpfte keifend auf „das Ripp“. Meine Mutter liebte ihren Vater sehr, er schrieb Märchen, liebte Kinder und gab ihr keine Gelegenheit, weiterzustudieren, als alle ihre Jobs in den Semesterferien nicht mehr ausreichten (die Mutter musste ja auch unterhalten werden, die ältere Schwester verdiente nichts, die war als Dienstmagd an den Pfarreronkel gegeben worden, der eine Bruder war als Deserteur untergetaucht, der andere Bruder in Russland gefangen), trotzdem liebte sie ihn. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Zwar war ich mit meinem Vater in Ettenheim, ein Jahr, bevor mein Großvater starb, aber er hat mich nicht hingebracht. Erinnern könnte ich mich wahrscheinlich auch nicht, denn damals war ich erst ein Jahr alt. Er ist übrigens an Parkinson gestorben, was meiner traurigen Großmutter Genugtuung verschafft haben soll, da sie sich freute, dass sein „sündiges Teil“ nun auch zitterte. Tante Liesel schickte mir, solange sie lebte, jedes Jahr zu Weihnachten ein Geschenk. Ein Buch (meist aus der Bibliothek meines Großvaters), ein Spiel (ich erinnere mich an ein kleines Gesellschaftsspiel, das mich so sehr gefreut hat, da ich ein von den Eltern fast nur intellektuell beschenktes Kind war) oder einmal, als diese ganz neu auf dem Markt waren, eine Schachtel Ferrero Rocher (mit der Schachtel und einem meiner Weihnachtsbücher verbrachte ich den restlichen heiligen Abend auf dem Bauch liegend hinter den Sesseln versteckt). Bei den Geschenken lag jeweils eine Weihnachtskarte, auf der nur das eine Wort stand: „Liesel“. Im Sommer, wenn meine Mutter und ich in ihrer Heimatstadt waren, besuchten wir die Tante immer. Es gab Wurstsalat und Brot oder andere badische Leckereien, immer gedeckt auf einem runden Tisch mit einer Tischdecke, die so üppig mit Drachen bestickt war, dass ich als Kind völlig fasziniert war, im Eßzimmer. Und nach dem Essen ging es in den Garten hinter dem Haus, der in meiner Erinnerung aus einer Teppichstange zum Turnen und mehreren Obstbäumen besteht. Am liebsten hatte ich die sonnenwarmen Mirabellen, die wir pflückten, bevor wir mit den Rädern weiterfuhren zum Baggersee. Liesel hat bis zum Schluß ihr zum Knoten gedrehtes Haar pechschwarz gefärbt, und ihr Gesicht hatte genau die Falten, die sie einer Oma in den Kinder- und Märchenbüchern malen. Es war ein liebes Gesicht und lieb war sie immer zu mir. Soll ich ihr böse sein, dass sie als ganz junge Frau sich in ihren Vetter verliebt hat? Dass sie, als ihr Mann ihr das Haus hinterließ, es nicht seinen Kindern gegeben hat? Ich bin ihr gar nicht böse. Die schwarzen Haare, die Teppichstange, die Fältchen, das schöne Haus, die sommerwarmen Mirabellen, die Geschichten meiner Mutter, das drachenbestickte Tischtuch, der Kies, der unter meinen Fahrradreifen knirscht – das ist meine Tante Liesel (die ja gar nicht meine Tante sondern – nun muss ich nachdenken – meine Cousine irgendeines Grades war). 

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