Zu diesem Zitat von Ibsen „Das ist das Verdammte an den kleinen Verhältnissen, daß sie die Seele kleinmachen.“, schrieb eine Facebook-Freundin:
„Es gibt unendlich viele Menschen die in „kleinen“ Verhältnissen leben und unglaublich große Seelen haben. Trotz aller Härten.“

Ich glaube, ich weiß was er gemeint hat. Diese un-menschlich, un-bio-logisch geplanten Wohnsiedlungen, das Wartenlassen in Ämtern und bei Ärzten, das Bitten- und Antragstellenmüssen, das Unterbrechen bei allem, was man konzentriert tun will, sei es durch Werbung, Nachrichten, Laubbläser, die Vereinzelung und die in den letzten 4,5 Jahren perfektionierte Spaltung, die schlechten Verkehrsanbindungen, der Zwang, in unterbezahlten Jobs fast die komplette Zeit zu verbringen, hässliche, dreckige Bahnhöfe, ebensolche Straßenzüge und öffentliche Toiletten, das kann auch eine „große“ Seele schrumpfen lassen.

Die Zeit meiner wilden Feng Shui Begeisterung liegt fast 30 Jahre zurück. Einige Grundsätze und eigentlich Selbstverständlichkeiten sind mir aber auch bei diesem Zitat wieder eingefallen. Bei diesem Zitat und auch beim Stehen und Sitzen in diversen Zimmern. Wenn eine Wohnung, die eigentlich groß genug für drei Menschen wäre, seit Jahrzehnten auf unpraktische Weise vollgestellt und vollgestopft wurde, so dass außer dem Stehen in einer schmalen Küche oder dem Sitzen auf einem Riesensofa mit Blick auf eine „Wohnwand“ mit Nippesheiligtümern nichts bleibt, wenn keine Tür geöffnet werden kann, ohne sie einem anderen ins Kreuz zu hauen, merkt man schon bei kurzen Besuchen, dass auch das die Seele kleinzumachen versucht. Wenn kein Platz ist, kein Raum, dann ist auch keine Freiheit da.

Und „kleine Verhältnisse“, um auf Ibsen zurückzukommen, bedeutet ja auch Armut. In den hässlichen Häusern, in den Wohnblocks, leben arme Menschen, die „sozial schwach“ genannt werden. An den gruseligen Bahnhöfen und in den schlimmen Straßenzügen trifft man auf Leute, die dort genau ins Bild passen.

Warum leben sie so? Warum „lungern“ sie dort herum? Wenn doch jeder die gleichen Chancen hat, wie uns immer so gerne erzählt wird?

Astrid Lindgren sagt es in „Madita“ ganz deutlich:
„Die Hilflosigkeit der Armut, was ist das?, fragt sie Papa. Und er erklärt ihr, wenn man richtig arm ist, dann ist es genauso, als wäre man an Händen und Füßen gefesselt, man kann nichts tun. Man ist ganz hilflos, wenn etwas passiert, Krankheit oder etwas anderes, was schwer ist in diesem Leben.“

Da kann man dann schön nach seiner großen Seele suchen, wenn es einem so geht. Es ist ein Wunder, dass Menschen überhaupt Seelengröße zeigen können, wenn es ihnen so geht. Was diese Menschen wohl in Freiheit und Eigenmacht alles könnten! 

Ebenso gibt es die Hilflosigkeit des Wartens. Besonders schlimm, wenn man krank ist, ich habe einmal während ich mit einem Patienten, den ich begleitete, beim Onkologen wartete, einen längeren Text geschrieben, aus dem ich hier einen Auszug zitiere:

„…totale Unpünktlichkeit zu akzeptieren, da es keine Wahl gibt (in dieser Praxis gibt es noch einen Arzt, der aber hat den Ruf, den das gesamte Wartezimmer bestätigt, und ich höre es nicht zum ersten Mal, seine Patienten anzuschreien, zu verängstigen, beim Gespräch nicht anzuschauen, deshalb wechseln sie, wenn es geht, zu dem anderen, der sich heute lässig 40 Minuten verspätet – ohne Wort des Bedauerns oder der Erklärung, ohne eine Chance, in der Wartezeit noch einen Kaffee trinken zu gehen oder einen kleinen Spaziergang zu machen, die Leute sollen einfach still sitzen bleiben und tun es auch).“

Aber auch in Warteräumen von Behörden oder Krankenkassen finden wir dieses Phänomen, dass Menschen mit Warten in die Position von Bittstellern gedrängt werden sollen, in die Erfahrung, dass ihre Zeit nichts wert sei.

Unsere „große Seele“ ist somit einen großen Teil der Zeit damit beschäftigt, sich in der Gegenstromanlage des Systems abzustrampeln. Was an Kreativität, wilder Kraft und Lebenslust soll denn nach einer 40 Stunden Arbeitswoche in einem ungeliebten Job plus Fahrzeit noch pulsieren? 

Wer das Glück hat, in Gemeinschaft etwas Sinnvolles zu tun, der weiß, wie anders sich das TUN unter menschenartgemäßen Bedingungen anfühlt. Das SEIN natürlich auch. Da ist dann jede Seele groß.

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