Zeit

Der Schmerz, der sich einstellt, wenn ich „Jauche und Levkojen“ schaue oder Dönhoff lese, ist ein ganz besonderer. Keine Rührseligkeit, kein Schuldbewusstsein, keine Hoffnung auf oder Notwendigkeit der Änderung. Es ist ein tiefes, tiefes Bedauern. Beim Betrachten unserer alten Fotos – der ganz alten, die mein Vater noch hat, teils gerettet, weil Abzüge der Berliner Verwandtschaft geschickt wurden, der neueren von der Ostpreußenreise mit meinem Vater im Jahr 2011 – verschärft sich dieser Schmerz und mildert sich gleichzeitig ab. Diese Schmerzen tragen sich weiter, wie ein Kettenglied sich ins andere fügt, während sie immer die aktuelle Zeit mit einflechten, das Alte wird allmählich weniger, das Neue mehr. Wer es sich bildlich vorstellen möchte, könnte nach der Anleitung suchen, einen französischen oder Bauernzopf zu flechten, das trifft es ganz gut. Wenn 80 Jahre nach der Flucht aus Ostpreußen geschieht, dass über eine Rezeptgruppe auf Facebook ein Bäckerssohn und eine Försterstochter aus einem kleinen Ort in der Rominter Heide telefonieren, weil ihre Töchter sich über Königsberger Klopsen begegnet sind, ist das ein unglaublich tröstlicher Moment. 

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