Noch bin ich nicht 55, das ist erst um 12.05 Uhr so weit, so dass ich mit Wasserfrau und Zwilling als Aszendent das doppelte Luftzeichen bekam. Vor 55 Jahren hat meine Mutter vielleicht noch geschlafen, vielleicht ging es ihr aber auch wie mir vor den Geburten, ich musste aufs Klo, hatte das Bedürfnis zu duschen, mir die Haare zu waschen, dann nochmal zu schlafen. Irgendwann ist sie dann, nachdem die Fruchtblase geplatzt war, zu Fuß (was man auf keinen Fall tun sollte, bitte nur liegend abtransportieren lassen) im frostigen, glatteisigen Gelsenkirchen zum Krankenhaus gelaufen, wo man sie irgendwann in den Kreißsaal gelassen und gegen Ende der Geburt noch betäubt hat, so dass sie nur noch murmeln konnte „auch das noch“, als man ihr sagte, ich sei ein Mädchen. Mein Vater ging am Morgen fröhlich in die Schule wie immer, und erst als am Ende des Unterrichts zuhause kein Essen gerichtet war, fiel ihm ein, dass da ja noch was gewesen war. Er eilte ins Krankenhaus, bekam mich, getrennt durch eine Glasscheibe gezeigt, war entsetzt („Ich dachte, du bist ein alter Chinese oder ein ganz junger Affe.“), wollte mich die ganzen 3 Wochen, die ich (untergewichtiges Kind einer starken Raucherin) noch dortbleiben musste, nicht mehr sehen und tat den überlieferten Stoßseufzer, als ich nach Hause kam: „Die ist ja doch ganz hübsch.“ Komischerweise habe ich dann doch eine ganz schöne Kindheit gehabt und war bestimmt eins der am meisten geliebten Kinder auf dieser Erde. Und auch 55 Jahre später bin ich eine glückliche Frau, trotz allem Chaos um uns herum. Das Leben ist schon eine wunderbare Sache.

Hinterlasse einen Kommentar