Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an dem Haus vorbei, in dem meine Oma väterlicherseits lange lebte. Dort habe ich sie zum ersten Mal besucht, als ich noch keine zwei Jahre alt war und seitdem war ich jedes Jahr mehrmals dort, bis sie ein paar hundert Meter weiter ins betreute Wohnen zog – da haben dann auch noch meine Kinder sie erleben können. (Auch dort komme ich täglich vorbei.) In dem Haus in der Danziger Straße wohnte sie im Erdgeschoss, vom Balkon und auch aus dem Zimmer des Fensters, wo ich auf Besuch übernachtete, konnte ich herunterspringen, das habe ich oft am Morgen getan und bin ganz früh durch den Ort gestromert, habe Brötchen mitgebracht oder ein paar Blumen. Heute Abend gab es bei uns Wienerle im Weckle und der Geschmack brachte mir einen Abend vor sehr vielen Jahren zurück. Ich war neun Jahre alt und meine Oma hatte auf dem Dachboden ein Buch ihres jüngsten Sohnes ausgegraben, „Einer vom Hause Lesa“ von Johanna Spyri. Mit dem Buch und einem Brötchen mit Wiener saß ich vor dem Balkon auf dem Rasen, gelehnt an einen der Essigbäume, die damals dort wuchsen (sie waren genauso alt wie ich und es gibt niedliche Fotos von uns als wir zusammen sehr klein waren, mittlerweile sind sie schon lange nicht mehr da) und aß und las, bis ich satt und das Buch ausgelesen war. Es war ein Sommerabend voller Seligkeit. Es war das Jahr, in dem meine Beine lang genug für das Fahrrad meiner Oma waren und ich die ganzen Ferien in der Rheinebene herumradelte, das Jahr, in dem ich einen karierten Sonnenhut bekommen hatte, eines der Jahre, in denen ich mich mit den Kindern aus der Nachbarschaft dort herumtrieb, und in diesem Jahr gab es diesen besonderen Abend mit diesem wunderbaren Buch, das heute hier, ganz in der Nähe des damaligen Leseplatzes in meinem Bücherschrank steht.
