Es wird oft vergleichend davon gesprochen, dass auf der sinkenden Titanic die Kapelle weiterspielte. Ein Bild, das mir bei den Vergleichen fehlt, ist das der Titanicprüfer und -kritiker. Es wären dies die Leute, die das sinkende Schiff auf einzelne Mängel untersuchen. Dies können durchaus wichtige Punkte sein wie die Unterbringung der ärmeren Reisenden, die Sicherheit auf den Treppen, dazu auch kleinere, wie die Ausstattung der Bibliothek oder das Vorhandensein (oder Fehlen, je nachdem) von Bibeln in den Kabinen. Diese Leute sind gründlich, ernsthaft und verzweifelt. Sie wissen, dass das Schiff sinkt. Und trotzdem können sie es nicht lassen, alle anderen immerzu über die gefundenen Mängel zu informieren. Die Kapelle spielt. Die Mängelliste wächst. Das Schiff sinkt.
Ich halte Wunder für möglich. Wunder wie das Überleben eines Teils der Menschheit, der vielleicht ein bißchen zu einer natürlicheren Lebensweise findet, der wider allen Erwartens an die Zeit vor der Beschneidung (ich zitiere hier Ute Schiran) anknüpfen kann. Wunder wie ein schnelles Untergehen der Titanic, nein, des Systems, seiner Herren, Diener und Opfer und ein rasches Erholen unserer Mutter Erde (um die ich mir wenig Sorgen mache, sie wird uns überstehen). Oder das Wunder, dass ich und auch noch meine Kinder unsere Lebenszeit in Frieden und ohne Not leben können.
Was ich für verloren halte? Den Kampf für Frieden, Frauenrechte, Sicherheit und Gerechtigkeit für Kinder, Frieden, Umweltschutz – all diese schönen Dinge waren nur Ablenkungsmanöver, ein Spiel mit bunten Figuren, brav nach Regeln, wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht, während unter dem Brett ein unfassbar ausgeklügeltes und böses System sich vorbereitet hat. (Mir scheint, Walter Moers habe im Blaubär mit der Feinschmeckerinsel und im Rumo mit den Fallenstädten darauf hinweisen wollen.) Mir ist es völlig egal, was ich in welche Mülltonne werfe, auch wenn ich aus alter Gewohnheit trenne, ich verbrenne mich nicht mehr für Aufklärung über das Patriarchat oder Menschlichkeit, ich weiß ja nicht einmal mehr, mit welchen Begriffen ich es tun sollte, weil zum großen Weltverschlechterungsplan (Marc-Uwe Kling hat es uns auch gesagt) unter anderem die Verdrehung aller Definitionen gehört. Was einmal links, feministisch, ökologisch und pazifistisch war, wird heute rechts, TERF, Klimasünde und kriegstreiberisch genannt. Und wieder Walter Moers, diesmal aus dem Schrecksenmeister: Oben ist unten, hässlich ist schön, niemand versteht die Ledermäuse.
Wenn ich sage, ich halte diese Kämpfe für verloren, meine ich nicht, dass ich nur noch Untergang vor uns sehe. Ich sage nur, dass diese Kämpfe nicht erfolgreich weitergeführt werden können, die Herangehensweise taugt nicht mehr, wenn sie je getaugt hat. Es muss auf eine völlig andere Art geschehen, eine, die dem herrschenden System nicht bekannt ist, die es nicht durchschaut und deren Gründe es nicht nachvollziehen kann.
