Dunkel und nass wechselt sich ab mit dunkel, nass und windig. Als stecke man in einem Sack. Ich habe mir den ersten Teil der „Fionavar“ Trilogie von Guy Gavriel Kay als E-Book gekauft, weil ich nicht warten möchte, bis ich die Bücher im Januar wiederhabe. Schon in den 80ern bin ich gerne in diese Welt eingetaucht.

“Winter was coming.” (The wandering Fire)


Dieses Jahr ist es dunkler als je zuvor, habe ich den Eindruck. Noch eine Woche bis zur Sonnwende und dann geht es aufwärts:

„An Weihnachten um an’ Muggenschritt,
an Neujahr um an’ Hahnentritt,
Dreikönig um an’ Hirschensprung,
an Lichtmeß um a ganze Stund.“ 

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Die Amaryllis trödelt. 

Stade Zeit.

Ich sitze mit dem zweiten Becher Kaffee im Wintergarten und lasse mich von der tiefen Stille des nassen, grauen Vormittags umgeben. Die stade, stille, ruhende Zeit wirklich so zu leben und zu nutzen, ist mir gerade ein Geschenk. Es war viel Betriebsamkeit dieses Jahr und Anfang des Jahres kommt auch wieder einiges. Aber jetzt kann und mag ich einsinken in die unspektakuläre Ruhe. Obwohl ich lese, häkle und wenn das Wetter wieder besser ist, auch viel spazieren gehen werde, mag ich die „endlich kuschlig mit Tee und Kerzen“ Verbrämung nicht. Für mich ist diese Zeit eine Herausforderung mit ihrer Dunkelheit und der klammen Kälte. Morgen beginnen die Sperrnächte – 12 Tage, an denen die 12 Monate dieses Jahres noch einmal betrachtet werden. Was war? Was war gut? Was kann gehen? Was soll losgelassen werden? Wie sehe ich jetzt, was passiert ist?

Sturmtag

Während die Sturmfrau ums Häuschen tobt, schütten tut es auch noch dazu, blättere ich durchs Internet und werde wieder mal von einer Welle kitschiger, weichgezeichneter von irgendeiner KI generierten Bildchen überschwemmt. Sie gleichen sich in den Farben, dem debilen Gesichtsausdruck von Menschen und Tieren, der überzuckerten Szenerie und erinnern mich beunruhigend an Werbetraktate von Sekten, Freikirchen und an die „Die Bibel im Bild“ Comics. Menschen lassen sich selbst dort „kreieren“, bebildern ihre Geschichten und auch Klassiker damit. Neulich zeigte jemand ganz stolz „seine“ Illustrationen zu „Heidi“. Heidi lebte dort in einer braun-beige-gelblichen (das sind generell die vorherrschenden Farbtöne) Welt, hatte lange blonde Zöpfe, der Öhi sah aus wie Moses aus so einem religiösen Prospekt und Fräulein Rottenmeier wie das Omaklischee schlechthin. Auch Menschen, die ich als kritisch und eigenständig kenne, „spielen“ gerne mit der KI. Leider auch solche, deren Fotografien ich sehr schätze. Seit aber immer wieder die KI dort hineinspukt, ist das vorbei. Und es geht ja noch weiter. Stellt jemand in einem Forum eine Frage, kommt garantiert die Antwort „Frag doch ChatGPT.“ Es gibt begeisterte Berichte darüber, wie man sich von ChatGPT therapieren lasse, was für empathische und tiefgründige Gespräche dort möglich seien. Wir haben 1984 und Panem sportlich überholt und fliegen alle miteinander übers Kuckucksnest. Nicht nur in dieser Beziehung.

Und jetzt stelle ich mich kurz auf die Terrasse –

Ich lehn mich in den Arm der Sturmfrau,
sie kommt vom Meer
und macht mich leer.
Sie lässt mich wieder finden,
wer ich wirklich bin,
meinen immanenten Sinn.
Ich lehn mich in den Arm der Sturmfrau,
sie kommt vom Meer,
von ganz weit her.

Jahrestag

Heute oder gestern, ich weiß es nicht mehr genau, hat die Narbe an meinem linken Auge 30jähriges. Vor 30 Jahren um diese Zeit lag ich also im Arnsberger Krankenhaus im OP und ein Augenarzt bemühte sich, die zerschnittenen Hautlappen um mein Auge möglichst sorgfältig zu vernähen, während wir hofften, die Hornhaut würde sich selber wieder regenerieren. Ich hatte gesagt, ich sei in die Glastür gefallen. Und keiner hat gelacht. Es fallen ja jeden Tag sportliche, gesunde Vierundzwanzigjährige in Glastüren. Ich war im Krankenwagen hergefahren worden, mit einer Kompresse auf beiden Augen. Vorher hatte ich mir den Krankenwagen gerufen und, während ich mit den blutenden Händen ein Handtuch auf die klaffende Wunde im Gesicht drückte, es fühlte sich an, als rinne mein Auge heraus und ich überlegte schon, wie es wohl mit Glasauge sein würde, noch ein paar Sachen fürs Krankenhaus zusammengepackt. Der Mann, der mir in seinem Jähzorn die Tür ins Gesicht geschmettert hatte, war, da er kein Blut sehen konnte, matt und blass an einer der blutbeschmierten Wände heruntergerutscht. Der Augenarzt, der mich zusammenflickte, sah genau aus wie Karl Dall, und während mir die 11 Betäubungsspritzen rund ums Auge wirklich wehtaten und jemand mir ganz lieb die Hand hielt, dachte ich, lustig, der sieht aus wie Karl Dall und ich hab jetzt das Auge dazu. Am nächsten Morgen sollte ich nach einer durchwachten Nacht, da die Patientin, die mit im Zimmer lag, sehr unruhig war, einen Blick in den Spiegel werfen. Ich weigerte mich, bis Dr. Karl Dall mir den Verlauf der Narbe aufgezeichnet hatte. Es war ein großer Hautlappen auf der Stirn weggeklappt gewesen und das Augenlid zerschnitten, dazu ein Ritz in der Hornhaut. Das Ergebnis sah aus wie Hammer und Sichel und überall schauten kleine schwarze Knoten aus Sternchenzwirn heraus, zumindest wirkte es so. Ich konnte abgeholt werden und rief den Mann an, dessen Jähzorn dazu geführt hatte, dass ich abgeholt werden musste. Er sagte, er könne nicht, er wolle ein paar Überstunden machen. Abgeholt hat mich dann meine Mutter und der Mann hat sich wirklich gewundert, dass ich ihn so grundlos und plötzlich verlasse. Das ist wie gesagt genau 30 Jahre her und er ist seit 5 Jahren tot, getroffen oder gesprochen hatte ich ihn nie mehr. Und die Narbe ist ein ziemlich zuverlässiger Wetterfrosch.

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Zu diesem Zitat von Ibsen „Das ist das Verdammte an den kleinen Verhältnissen, daß sie die Seele kleinmachen.“, schrieb eine Facebook-Freundin:
„Es gibt unendlich viele Menschen die in „kleinen“ Verhältnissen leben und unglaublich große Seelen haben. Trotz aller Härten.“

Ich glaube, ich weiß was er gemeint hat. Diese un-menschlich, un-bio-logisch geplanten Wohnsiedlungen, das Wartenlassen in Ämtern und bei Ärzten, das Bitten- und Antragstellenmüssen, das Unterbrechen bei allem, was man konzentriert tun will, sei es durch Werbung, Nachrichten, Laubbläser, die Vereinzelung und die in den letzten 4,5 Jahren perfektionierte Spaltung, die schlechten Verkehrsanbindungen, der Zwang, in unterbezahlten Jobs fast die komplette Zeit zu verbringen, hässliche, dreckige Bahnhöfe, ebensolche Straßenzüge und öffentliche Toiletten, das kann auch eine „große“ Seele schrumpfen lassen.

Die Zeit meiner wilden Feng Shui Begeisterung liegt fast 30 Jahre zurück. Einige Grundsätze und eigentlich Selbstverständlichkeiten sind mir aber auch bei diesem Zitat wieder eingefallen. Bei diesem Zitat und auch beim Stehen und Sitzen in diversen Zimmern. Wenn eine Wohnung, die eigentlich groß genug für drei Menschen wäre, seit Jahrzehnten auf unpraktische Weise vollgestellt und vollgestopft wurde, so dass außer dem Stehen in einer schmalen Küche oder dem Sitzen auf einem Riesensofa mit Blick auf eine „Wohnwand“ mit Nippesheiligtümern nichts bleibt, wenn keine Tür geöffnet werden kann, ohne sie einem anderen ins Kreuz zu hauen, merkt man schon bei kurzen Besuchen, dass auch das die Seele kleinzumachen versucht. Wenn kein Platz ist, kein Raum, dann ist auch keine Freiheit da.

Und „kleine Verhältnisse“, um auf Ibsen zurückzukommen, bedeutet ja auch Armut. In den hässlichen Häusern, in den Wohnblocks, leben arme Menschen, die „sozial schwach“ genannt werden. An den gruseligen Bahnhöfen und in den schlimmen Straßenzügen trifft man auf Leute, die dort genau ins Bild passen.

Warum leben sie so? Warum „lungern“ sie dort herum? Wenn doch jeder die gleichen Chancen hat, wie uns immer so gerne erzählt wird?

Astrid Lindgren sagt es in „Madita“ ganz deutlich:
„Die Hilflosigkeit der Armut, was ist das?, fragt sie Papa. Und er erklärt ihr, wenn man richtig arm ist, dann ist es genauso, als wäre man an Händen und Füßen gefesselt, man kann nichts tun. Man ist ganz hilflos, wenn etwas passiert, Krankheit oder etwas anderes, was schwer ist in diesem Leben.“

Da kann man dann schön nach seiner großen Seele suchen, wenn es einem so geht. Es ist ein Wunder, dass Menschen überhaupt Seelengröße zeigen können, wenn es ihnen so geht. Was diese Menschen wohl in Freiheit und Eigenmacht alles könnten! 

Ebenso gibt es die Hilflosigkeit des Wartens. Besonders schlimm, wenn man krank ist, ich habe einmal während ich mit einem Patienten, den ich begleitete, beim Onkologen wartete, einen längeren Text geschrieben, aus dem ich hier einen Auszug zitiere:

„…totale Unpünktlichkeit zu akzeptieren, da es keine Wahl gibt (in dieser Praxis gibt es noch einen Arzt, der aber hat den Ruf, den das gesamte Wartezimmer bestätigt, und ich höre es nicht zum ersten Mal, seine Patienten anzuschreien, zu verängstigen, beim Gespräch nicht anzuschauen, deshalb wechseln sie, wenn es geht, zu dem anderen, der sich heute lässig 40 Minuten verspätet – ohne Wort des Bedauerns oder der Erklärung, ohne eine Chance, in der Wartezeit noch einen Kaffee trinken zu gehen oder einen kleinen Spaziergang zu machen, die Leute sollen einfach still sitzen bleiben und tun es auch).“

Aber auch in Warteräumen von Behörden oder Krankenkassen finden wir dieses Phänomen, dass Menschen mit Warten in die Position von Bittstellern gedrängt werden sollen, in die Erfahrung, dass ihre Zeit nichts wert sei.

Unsere „große Seele“ ist somit einen großen Teil der Zeit damit beschäftigt, sich in der Gegenstromanlage des Systems abzustrampeln. Was an Kreativität, wilder Kraft und Lebenslust soll denn nach einer 40 Stunden Arbeitswoche in einem ungeliebten Job plus Fahrzeit noch pulsieren? 

Wer das Glück hat, in Gemeinschaft etwas Sinnvolles zu tun, der weiß, wie anders sich das TUN unter menschenartgemäßen Bedingungen anfühlt. Das SEIN natürlich auch. Da ist dann jede Seele groß.

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Ich wollte so viel Nachdenkliches und Kluges zu diesem 6 Jahre alten Bild schreiben aber es überschwemmt mich gerade, deshalb begnüge ich mich mit diesem Zitat von Spoerl, das ich seit jeher sehr mag:

Wahr sind die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.

Ich war in den letzten 2 Jahren deutlich dicker als jetzt wieder. Und es hat sich kein bißchen gut angefühlt. Eben habe ich Vergleichsfotos angeschaut, vom November 2022 und vom Mai diesen Jahres und dazu aktuelle Bilder. Auf den aktuellen Fotos sehe ich meinem Ich von vor 10 oder 15 Jahren ähnlicher als dem auf den Dickenbildern. Und das fühlt sich sehr gut an. Genauso wie das Bergaufgehen, das Gymnastikmachen, die wiederauftauchende Taille. Und ich war immer im „Normalgewicht“ beim BMI, da kann man sehen, wie wenig das mit Wohlfühlgewicht zu tun hat. 10 kg mehr oder weniger ist einfach viel Gewicht, vor allem wenn man sein Leben lang schlank war. Ich habe übrigens das meiste des Übergewichts verloren, als ich das Thema komplett aus meinen Gedanken gestrichen hatte, oft abends noch mal Pasta oder nachmittags ein Stück Kuchen gegessen habe. Allerdings stellte sich durch einen veränderten Lebensrhythmus unbewusst wieder ein Fastenintervall ein, auf das ich nun auch wieder bewusst achte. Und es geht mir gut. Heute war mal ein müder Tag, an dem es gar nicht hell wurde. Immerhin habe ich Königsberger Klopse gekocht. Und gegessen.

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