Wusstet ihr,

dass zwar zur Wintersonnenwende der kürzeste Tag ist, der früheste Sonnenuntergang aber schon fast 10 Tage vorher und der späteste Sonnenaufgang erst eine gute Woche danach?

Hier war jetzt einige Tage Inversionswetterlage und wir steckten mit Fluß, Ebene und allem unter einem dicken Nebeldeckel, da war es eh die ganze Zeit dämmrig, jetzt ist es endlich wieder hell und gestern Abend war es wirklich schon zu merken, dass es einen Hauch später dunkel wird.

Einen Hauch. Um kurz nach Sechs ist es natürlich finster, schließlich ist Dezember.

Wenn ich um diese Jahreszeit abends in einer Stadt unterwegs bin, fällt mir oft der Winter 1982 ein, als ich so richtig die Stadtbücherei in S. entdeckte. Was war das für ein Trost und eine Zuflucht für die langen dunklen Nachmittage und Abende. Sie war (und ist übrigens noch) in einem der wenigen schönen alten Stadthäuser und ich erinnere mich genau an die schwere Türe, die Treppe dahinter und die beiden Stockwerke mit den Büchern. Es roch nicht unbedingt gut aber angenehm. Ein Paradies für Querleser wie mich. Ein Paradies, das sich heute in den offenen Bücherschränken fortsetzt.

Traummusik

Nachdem ich die ganze Nacht in jedem der zahlreichen Träume auch immer wieder „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ und zwar mit Orgel und Chor geträumt habe, habe ich mich bei der zweiten Tasse Kaffee mal an einen alternativen Text gemacht.

Hier ist die Musik:

https://www.youtube.com/watch?v=uFDGhGp3Zms

Und da der Text:

Die Himmel zeigen die Lebenssphäre,
beschreiben alles ohne Wort.
Der Herzschlag der Mutter durchdringt die Meere
und dreht die Erde, unseren Ort.
Im All-Eins leuchten unzählbare Sterne,
auch Sonne, die so hell entflammt.
Dazwischen dehnen sich Leere und Ferne,
das Dunkel, aus dem alles Leben stammt.

Unser besonderer Ort.

November.

Ja, November, nun hast du dein Bilderbuchwetter (Regen, Kälte, Nebel, Schnupfen, Dunkelheit) vorgezeigt, nachdem es in den ersten Wochen so zart, golden und schön war, jetzt reicht es, wir wissen es wieder.

Gestern war Katharinentag und ich bin mal gedanklich in die Zeit der Sperrnächte eingestiegen. (Die Heilige Katharina ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie aus dem natürlichen Rückzug in die Winterruhe erst bei den Kelten die Wilbeth wurde, deren Symbol das Jahres-/das Lebensrad ist, das nun zum Stehen kommt, wenn die letzten Ernten eingefahren sind und dann die arme Katharina, die aufs Rad geflochten wurde. Das Symbol konnten sie nicht ganz entfernen aber sie konnten es verdrehen und pervertieren. Seit jeher ein beliebtes Prinzip bei Kirche und dem gesamten Patriarchat.)


In dieser Zeit des Einsinkens, in die das allzuviele, allzufrühe Weihnachtsblingbling nicht passt, vermisse ich einmal wieder meinen guten alten Freund und Kollegen K.B. – wie gerne hätte ich heute Vormittag einen Telefontermin mit ihm. Er war immer ganz pünktlich, noch beim Beginn des Gesprächs hörte ich den Westminsterschlag seiner Uhr im Hintergrund. Wir haben einander nie bewertet oder belehrt, er konnte Rat geben ohne damit um sich zu schlagen. Und was haben wir gelacht. Jede Supervision oder Therapie muss sich an unserer Haltung in diesen Gesprächen messen. Präsenz, Respekt, tiefe Menschlichkeit und kein Zweifel an der eigenen Souveränität.

Herbst

Nun ist der Herbst schon fast zuende. Ich sitze mit der zweiten Tasse Kaffee im Erker und schaue den Vögeln an den Futterstellen zu. Gleichzeitig sehe ich die letzten Blätter, die im leichten Wind an den Ästen zittern, bevor sie fallen, sehe die Zeichen des Vergehens am alten Apfelbaum. Und nichts davon ist traurig oder (wie oft von romantischen Dichtern besungen) der Tod. Es sei denn, man begreift die Tödin (ja, ich weiß, das gäbe wieder Debatten beim Scrabble) als Begleiterin des Lebens. Die Bäume und Sträucher, die Tiere, die in den Winterschlaf gehen, alles braucht doch diese Ruhe. (In Gegenden, in denen es keinen Winter gibt, nimmt die Natur sich auch diese Ruhezeiten, nur anders wahrnehmbar.) Einsinken in die Stille, in die Dunkelheit, ins Träumen, ins Leerwerden, ist die Phase des Kraftschöpfens im Zyklus.

„Da ist eine Stille im Universum,
wo eine nur nachgeben kann, ohne sich was draus zu machen.
Weder Trauer noch Wut,
weder Schmerz noch Extase
geleiten eine ins Lösen und Sinken.“

(Ute Schiran, Mermaid und Lilith begegnen einander in Dunkelheiten, Schicht III)

Abend

Die Tage sind schon so kurz und werden noch 6 Wochen lang immer kürzer. An den Abenden ist es so still, dass es einem in den Ohren summt. Kerzenlicht, Sofa und Bücher bemühen sich um Kompensation.

Es ist wichtig, die kurze Helligkeit auszukosten, wenn es geht. Das feine Novemberlicht, die Pflanzen im Herbstkleid vor dem ersten Frost genießen.





Samhain? Halloween? Allerheiligen?

Heute, am 1. November, legt Modron den Stab unter den Holunderstrauch und Cailleach übernimmt ihn bis zum Ende des Winters, dann ist die Reihe an Brigid. Das ist ein schönes Göttinnenbild der alten Kelten (auch wenn ich sonst nicht so ein Keltenfan bin), und seine Bedeutung ist heute ganz deutlich spürbar. Ich habe einen Spaziergang gemacht, mich ganz hineinversenkt und den kommenden Teil des Jahres willkommen geheißen.

Das Alter der Dinge.

Mein guter neuer Schirm löst sich allmählich auf. Die Endkappen spalten sich, und vor fast 4 Jahren hat ein ostfriesischer Sturm ihn auf einer Seite ganz verbogen. „Mein guter neuer Schirm“ war er in meinen Gedanken, bis mir klar wurde, dass er mittlerweile über 20 Jahre alt ist. Jetzt habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mich von ihm zu verabschieden. Ich weiß, wann und wo ich ihn gekauft habe und ich hatte wirklich Freude an ihm. Es gibt solche Schirme nirgends mehr. Also musste ich mich für ein anderes Modell entscheiden und habe einen englischen genommen, in Dunkelgrün mit lauter Beagles drauf.

Die Uralte.

Trancereise ins Ahninnenhaus. Ute hockt davor und trommelt, trommelt uns alle herbei. Drinnen sind die Vertrauten, dazu noch einige andere Frauen – eine schicken wir auf den Weg der Trommel in der Hoffnung, sie möge sie erreichen, dort, wohin sie sich verwirrt hat, eine, von der ich mich endgültig verabschiede, da hing noch ein alter Schmerz. Gerda ist da, das erste Mal im Ahninnenhaus. Sie beantwortet mir zwei wichtige Fragen und bleibt da, etwas abseits.

Und dann kommt die Uralte. Wir scharen uns um sie. Sie streckt die Hand aus und holt Gerda dazu, streckt wieder die Hand aus, holt meine Tochter zu uns. Dann spricht sie weiter zum Thema vom letzten Mal, dem Umgang damit, dass die Menschheit irgendwann „falsch abgebogen“ ist, über den evolutionären Fehlversuch. Sie lässt uns in ihre Gedanken eintauchen. Wir sehen eine Rose, eine große, rankende Pflanze. Viele Blüten. Jede von uns ist so eine Blüte. Die Rose wird beschnitten, radikal, fast bis zum Boden. Als die Blüten fallen, merken wir, dass wir auch der Teil der Rose sind, der austreibt, wir sind die Wurzeln, wir sind der Stamm und wir sind die neuen zarten Triebe, Knospen und Blüten. Ein Fehlversuch ist kein Drama. Er bringt uns nicht um das All-Eine.