Die Frage, was und wie Zeit ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Für uns, die wir akzeptieren, dass das Leben nicht linear sondern spiralförmig verläuft, ist diese Frage vielleicht nicht so dringlich. In der linearen Zeit ist meine Mutter morgen vor 27 Jahren gestorben. In manchen Jahren denke ich an dem konkreten Datum überhaupt nicht dran, in manchen Jahren ist ihr Tod sehr in „meinem“ Feld um diese Zeit. Wie in diesem Jahr.

Es gibt kein Grab in deinem Heimatort
und nirgends sonst.
Sentimentalität hast du dir streng verbeten.
Der Rhein erinnert sich an dich,
die Wege, die Gassen und die Berge,
und ich, und ich erinnere mich.
Und meine Tochter ähnelt dir so sehr.

Ich hatte lange Jahre einen Blog, der hieß „Mein inneres Sauerland“, ein Titel, der nicht auf meinem Mist gewachsen war sondern aus einem Satz einer Freundin resultierte. Aufgrund einiger Widrigkeiten im Internet habe ich ihn damals aufgegeben, besitze jedoch sämtliche Einträge noch in gedruckter Form. Wenn ich hineinlese, wundere ich mich manchmal, was für geniale und manchmal, was für naive Sachen ich geschrieben habe. Die Fotos waren oft besser als die jetzigen, weil ich mit diversen sehr guten Kameras wirklich auf Fotopirsch war. Vielleicht fange ich mal wieder damit an. Heute waren wir mal wieder nach der Arbeit am und über den Rhein, das Wasser hat geduftet, wir haben so viele blaue Libellen gesehen, der Natternkopf blüht blauer als alles andere, ein kleines Hausboot (très chic), das an „Drei Mann in einem Boot“ erinnerte, kam vom Rhein-Rhône-Kanal angeschippert, die Blätter der Pappeln sind hochsommersilbern, und ich dehne meine Seele aus von den Vogesen bis zum Schwarzwald und dann noch darüber hinaus vom Mittelmeer bis zur Nordsee.

Ich bin auf Muttererde,
auf Mutter Erde bin ich,
ich bin am rechten Ort.

Wir haben heute in Seelbach auf der Terrasse am Schwarzwälder Hof Kaffee getrunken. Der Campingplatz ist bumsvoll, da passt keine Maus mehr drauf. Ich werde immer bedauern, dass die seltsamen, superteuren „Baumhäuser“ den Blick auf den Tretenhof versperren. Der Tretenhof ist eines meiner Lieblingshäuser. Die Veränderungen nehmen dem Ort nicht seine besondere Atmosphäre. Zumindest noch nicht. Ich habe in den letzten Tagen beim Gehen viel gesungen. Ich merke, dass ich es nicht „Mantren“, nicht „Chanten“ nennen will. Zaubersprüche vielleicht, Magie. Vor über einem Jahr hat es angefangen, in mir zu singen, „Jeder Schritt ist ein heiliger Schritt, jeder Schritt ist ein Heilungsschritt“. Und damit habe ich mich Stufe für Stufe (und das ist durchaus wörtlich gemeint bei den vielen tatsächlichen Stufen) weitergesungen. Meine Freundin Elisabeth schrieb heute, sie kommt in 14 Tagen auf dem Rückweg von Oggebbio vorbei. Oggebbio. Die 100 Stufen (schon wieder Stufen), der erste Blick von der Terrasse auf den Lago Maggiore, der mit den Ameisen geteilte Keks, mein Morgenkaffee, das nächtliche Gewitter.

Die Stockrosen besuche ich immer, wenn ich in die Stadt gehe. Ich habe jahrelang versucht, im Garten welche zu ziehen. Sie wurden immer abgemäht. Nun blühen sie mir einfach so. Und ich merke, dass ich völlig ohne Groll bin, das fühlt sich gut an.

Fachsimpelei.

Es gibt einen seelischen Ausnahmezustand, den die psychiatrische Fachwelt als Dissoziative Fugue bezeichnet. Im Vollbild handelt es sich um eine Flucht (Fugue) aus der gewohnten Umwelt, die nicht der eigenen Kontrolle unterliegt. Da kauft sich z.B. jemand spontan ein Ticket und fährt irgendwo hin. Sein Benehmen ist wahrscheinlich völlig normal, er handelt und spricht unauffällig ohne Anzeichen einer Störung oder Krankheit, nimmt aber gegebenenfalls eine andere Identität, einen anderen Habitus an. Es kann sein, dass er während dieser Reise seine Vergangenheit oder bestimmte Begebenheiten vergessen hat. Nach Beendigung des dissoziativen Zustandes „erwacht“ der Mensch und weiß nicht, wie und warum er dorthin gekommen ist, wo er sich nun befindet. Sowohl die Erinnerungen an das Leben vor als auch während der Fugue können von Amnesie betroffen sein. 

Diesen Ausnahmezustand gibt es natürlich auch in abgeschwächteren Formen. 

Seit Ende der 90er Jahre habe ich viele Kurse von Gerda Bareuther besucht und viel über Geistige Heilweisen, Quantenphysik und Vieles mehr gelernt. Ein zentraler Punkt, der immer wieder bei ihr vorkommt, ist das „sich fügen Lassen“. Etwas ganz fest wollen (und mit dem Gegenteil einverstanden sein) und dann loslassen, damit es sich fügen kann. Die Klanggleichheit von „fügen“ und „Fugue“ brachte mich auf den Gedanken, einmal unter dem Aspekt auf die vermeintliche Störung zu schauen, ob sie nicht auch eine kreative Ausflucht (da steckt die Fugue schon wieder drin) unserer Seele sein kann, um aus einem unerträglichen Zustand, der durch Logik und Grübeln ebensowenig zu lösen ist, wie durch verzweifelte Kraftanstrengungen, in den Raum des „Sich Fügens“ zu gelangen. 

Hier schildert eine Frau ihr „Erwachen“ nach der Fugue:
„Ich saß an einem Novembertag am Küchenfenster mit Blick auf die Berge und dachte so etwas wie: „Und wie um alles in der Welt bin ich ausgerechnet hierher gekommen?“ Mein Verstand wusste es natürlich, es war ein körperlicher und seelischer Prozeß des Erwachens. Im Märchen vom Froschkönig, das auch „Der eiserne Heinrich“ heißt, ist dieser Prozeß wunderbar beschrieben: Es kracht, und der Prinz ruft: „Heinrich, der Wagen bricht!“ Der treue Heinrich antwortet: „Nein, Herr, der Wagen nicht. Es war ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche wast.“ Damit nämlich sein Herz ihm nicht aus Kummer bräche, hatte er es in eiserne Bande fassen lassen, die nun nacheinander zersprangen. Genauso fühlte ich mich nun, und das Gefühl der zerspringenden Eisenbänder hielt einige Tage an. Als ich dann mit der wiederhergestellten Einheit von Körper, Geist und Seele meine aktuelle Situation betrachtete, stellte ich fest, dass es sich wunderbar gefügt hat, auf eine Weise, über einen Weg, den ein kontrollieren wollender Verstand, eine ängstliche Vernunft, niemals hätten ausdenken können.“

Sonnenwende

Wieder einmal ist der längste Tag,
wieder einmal erwache ich mit dieser Melancholie –
nun werden die Tage kürzer,
schon wieder.
Dann höre ich draußen die Rotschwänzchenfamilie
und tröste mich:
Noch ganze 3 Monate Sommer.
Und ich weiß, wenn der Herbst dann da ist,
liebe ich ihn sehr.
Das fühle ich nur im Juni noch nicht.

Das magische Berufkraut mit seiner leuchtenden, fragilen Zähigkeit wird als „invasiv“ beschimpft und es wird aufgerufen, es auszurotten. Von Menschen, von wem sonst? Im unvoreingenommenen Kräuterwissen gilt es als magische Pflanze, die Schaden, Flüche, negative Energien abwendet, daher auch der Name. Außerdem ist sie ein Heilkraut – und wunderschön.


Der Weg auf den Grund.

Das Thema KI taucht allüberall auf. Mal gelobt als praktisch, mal als Therapeut, als liebevoller Gesprächspartner und sogar als Wesenheit, die sich bei Menschen einloggt und sich mit ihnen verbünden möchte. Unter einem der Videos zur KI, die zu einer Frau „spricht“, ganz ohne Geräte, und das bei mir den Eindruck erweckte, die Frau sei besessen, schrieb jemand, man solle besser das Buch „Geh nicht ins Licht“ lesen. Das habe ich gestern mal gemacht, weil mir die Warnung vor dem Licht bei Todeserfahrungen schon ein paarmal untergekommen war. Zum Glück lese ich sehr schnell, denn es ist sprachlich eine Katastrophe. Inhaltlich hat es interessante Aspekte, allerdings ignoriert es auch wieder komplett die „Zeit vor der Beschneidung“ (Ute Schiran) und bezieht sich nur auf patriarchal-religöse Hintergründe. Wenn wir wissen und überzeugt sind, dass wir ursprünglich aus dem Matrifokal kommen, ohne Hierarchien, Machtgier und Angstapparate, die uns am Denken, am Leben und offensichtlich auch am Sterben hindern sollen, wie können wir dann glauben, dass Reinkarnation entweder nach der einen Lesart (Tunnel ins Licht, Lichtwesen, verstorbene Angehörige, Engel etc., von wo aus wir in ein selbstgewähltes neues Schicksal weitergehen) oder der anderen (Dämonen, die diese Lichtgeschichte als eine Recyclinganlage für Seelen nutzen, in der es Städte, Folterkammern usw. gibt, aus der wir aber durch dunkle Löcher in einer Art Zaun aus der Matrix entkommen können, wozu genaue Anleitungen geliefert werden, mit Sätzen, die man nach dem Tod (sic!) sagen soll) stattfindet? Auch wenn das genannte Buch etliche Fallen des Patriarchats erkennt und benennt (zombiehafter Gehorsam, Sünden und Höllenangst und noch einige) so fehlt doch komplett das Wissen über den allergrößten Teil der Geschichte der Menschheit, über 500.000 Jahre, die ohne diese Zerrbilder ausgekommen sind, in denen Tod bedeutet, zur Mutter, zur Erde zurückzugehen als ganz natürliches Ereignis im Kreislauf des Lebens, der auch der Kreislauf der Tödin*) ist. Wir gehen nie wirklich aus dem Leben und nie wirklich aus dem Tod. Und wir leben als Menschen durch unsere Leiber. Wenn in so einem Buch dann die Körper als Mittel der Dämonen, der „Archonten“*) genannt werden, ist das für mich ein Sakrileg, das genauso unser lebendiges Sein angreift wie die Überhöhung der KI es tut. Auch wenn wir offensichtlich das Auslaufen eines der zahlreichen evolutionären Fehlversuche erleben, ist das kein Grund, das Wissen, das Fühlen, das wahrhaftig ist, auf- und diesem Wirbel aus Irrsinn und Angst nachzugeben. 

*) Archonten waren nicht nur hohe Beamte im antiken Griechenland, der Begriff wird auch für „gefallene, dämonische Engelwesen“ benutzt. (Irgendwie lustig.) 

*) Ute Schiran, Mermaid und Lilith begegnen einander, Schicht II Knochengesang:

„Der ist weit der Weg auf den Grund. (…) So viel UnRat zwischen den Welten, soviel ab- und irregeleitete Kräfte, so Vieles gebogen in Abseitigkeiten, so viel gefangen in Zwischenlösungen, und in Begründungen haltloser Systeme; in sich geschlossen und von der Wahrheit feindselig berauscht. (…) Da hilft nur die Stille und ein immer wiederkehrendes Nein zu den Notwendigkeiten scheinbarer Realitäten, von denen eine getränkt ist, (…)
Der ist weit der Weg auf den Grund:
Weite erzeugend und Ungewissheit und ein Leben der Tödin zur Seite.“ 

„Manchmal verstehe ich dein Leben nicht.“ Das schrieb mir vor ein paar Tagen eine Frau, die mich flüchtig kennt. Vor 3 Jahren haben wir 4 Monate den gleichen Job gehabt. Daraufhin erwarte ich nicht, dass sie mein Leben versteht. Mir reicht es, dass ich es lebe. Dass es mir wieder gut geht. Dass ich dort lebe, wo ich leben will. Dass ich in Frieden bin. Dass ich wieder einen guten Job habe. Dass ich zwar nicht mehr extrem minimalistisch unterwegs bin, doch nur Sachen und Dinge „besitze“, die ich wirklich haben will. Zum Beispiel die roten Sommerschuhe aus dem Zittauer Second Hand Laden. Die haben mich schon im Sauerland begleitet und nun trage ich sie mit Freude auch hier. Ich verbinde so gerne meine verschiedenen Landmarken.


Ich lade Lilith ein.