Die zweite Tasse Kaffee in der Hand schaue ich in den noch kahlen Strauch im Garten, der im kalten Märzwind ein bißchen schaukelt.

Darin sitzen 11 Spatzen, ganz ruhig. Das ist selten, in der Spatzengang ist immer Bewegung.
Nach einigen Minuten macht es Wusch und sie sind auf ein für mich nicht wahrnehmbares Signal hin im dichten, immergrünen Busch daneben verschwunden.

Und die Frage, was mir lieber wäre, der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Ich finde die Lösung ganz charmant: Den Spatz in der Hand und die Taube auf der Schulter:

Die Bilder sind übrigens aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Paris. Das war eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Leben.

Worauf die Augen ruhen.

Als ich als junger Teenager die Phase der schlimmen Angst hatte, half ich mir durch die dunkelsten Zeiten, indem ich Dinge anschaute, die einen wohltuenden Einfluss auf meine Seele hatten. Hier eine Auswahl:
*das rote Futter mit winzigen Weihnachtsmotiven darauf in meinen Schwarzwälder Strohschuhen
*die Zeichentrickserie „Dr. Snuggles“
*der Getränkeautomat in der Pausenhalle des Gymnasiums (da gehörte der Geruch nach einer Mischung aus heißer Vanillemilch, Kakao und Brühe dazu)
*das Dach einer Futterkrippe im Wald, auf dem ich gerne saß (und natürlich der ganze Wald)
*der Blick vom Balkon vor meinem Zimmer, von Osten bis Westen und zentral – eine große Eiche unten auf der anderen Seite des Bachs, dahinter weite Wiesen
*die lieben Hände meiner Mutter
*meine Blockflöten und meine Finger beim Spielen

Heute genieße ich es noch immer, obwohl diese Ängste seit so vielen Jahren Vergangenheit sind, bewusst beruhigende und liebe Dinge anzuschauen. Man kann nicht immer nur ins Weltgeschehen starren wie in die Bilder von Bosch und Bruegel (dem Älteren), manchmal (und oft) braucht es Bilder von Cicely Mary Barker (ja, das ist die mit den Pflanzen und den Feen), Mary Hagarty, Hedwig Tegnér, Harald Prinz, Ben Viegers oder Anne Cotterill, um ein paar zu nennen. Und so wenden wir uns immer wieder der Natur zu, den Büchern und schönen Winkeln in der eigenen Wohnung und den Gesichtern unserer Lieben.

In der letzten Zeit beobachte ich verstärkt, wie sehr die KI in allen Bereichen überhand nimmt. So werden z.B. massenhaft sogenannte Kinderbücher per KI erstellt und als book on demand vertrieben. Leute, ein Buch, das daraus entsteht, dass eine künstliche Intelligenz dazu aufgefordert wird, einen passend illustrierten Text über ein Kind, das eine Raupe trifft und mit ihr Abenteuer erlebt (oder was auch immer), ist kein Buch, das ist ein seelenloses Machwerk.

Ebenso, wahrscheinlich habe ich was Falsches angeklickt oder zu lange raufgeschaut, bekomme ich dauernd Werbung rein, in der man in 2 Stunden oder 2 Tagen Heiler/Therapeut wird oder Millionär, wenn man ein Buch über einen Hund liest. Ganz abgesehen von den Jobangeboten, bei denen man auf social media kommentieren, chatten oder vorgegebene Sätze und Bilder posten soll. (Das sind dann die positiven und begeisterten Kommentare unter den Werbepostings.)

Da ich ja gerade wieder mit Louise L. Hay arbeite, hier ein paar Affirmationen:

Ich treffe wahre Menschen.
Ich bin mit der Erde und den Ahnen verbunden.
Ich bin von Wahrhaftigkeit umgeben.


Was mich gerade bewegt?

Abgesehen davon dass „Durchhalten statt durchdrehen“ ein gutes Motto ist, der „Politik“ zu begegnen, lese ich mal wieder Louise L. Hay und arbeite mich ganz ernsthaft durch ihr gelbes Büchlein, das ich seit fast 30 Jahren kenne. Eben habe ich einen Bericht über Hospizarbeit gesehen und denke, es ist eine Schande, dass so viel an Ehrenamtlichen und Unterbezahlten hängt, während für Kriege und ähnliche Dreibastigkeiten Summen in unvorstellbarer Höhe einfach rausgeschmissen werden. Außerdem gibt es Millionen von Gänseblümchen, der Löwenzahn fängt schon an zu blühen und ich habe heute richtig geackert, um die Pflanztröge mit Rankhilfe der Vormieterin zu leeren. Der Anhänger wird ganz schön voll, wenn wir zur Deponie fahren. Immerhin konnte ich einige Rosenkäferlarven bergen und etliches an Hauswurz umsetzen. In den Krokussen, Schlüsselblumen und der Christrose summt es, und die Besuchskatzen auf der Terrasse erfreuen uns jeden Tag. Der schwarzweiße Kater liebt die Fußmatte und macht hier regelmäßig ein Nickerchen in der Sonne und die Katze, die vor Jahren bei einem schrecklichen Unfall ihren Schwanz verloren hat, wollte mir heute schon auf den Schoß springen.

Der erste Zitronenfalter, die ersten Bienen, ich stelle Primeln vor die Türe, drinnen erfreut uns ein Tulpenstrauß. Februar. Monat der Verheißungen. Heute wollten wir eigentlich nach Frankreich fahren, haben uns dann aber umentschieden und waren im Schuttertal. Gut entschieden, Mulhouse wäre z.B. ungünstig gewesen. Ich habe den ersten Zitronenfalter gesehen und mag mal wieder Mascha Kaleko:

Rezept
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Also werde ich morgen mal wieder fegen und mich weiter an Wunder halten.

Noch bin ich nicht 55, das ist erst um 12.05 Uhr so weit, so dass ich mit Wasserfrau und Zwilling als Aszendent das doppelte Luftzeichen bekam. Vor 55 Jahren hat meine Mutter vielleicht noch geschlafen, vielleicht ging es ihr aber auch wie mir vor den Geburten, ich musste aufs Klo, hatte das Bedürfnis zu duschen, mir die Haare zu waschen, dann nochmal zu schlafen. Irgendwann ist sie dann, nachdem die Fruchtblase geplatzt war, zu Fuß (was man auf keinen Fall tun sollte, bitte nur liegend abtransportieren lassen) im frostigen, glatteisigen Gelsenkirchen zum Krankenhaus gelaufen, wo man sie irgendwann in den Kreißsaal gelassen und gegen Ende der Geburt noch betäubt hat, so dass sie nur noch murmeln konnte „auch das noch“, als man ihr sagte, ich sei ein Mädchen. Mein Vater ging am Morgen fröhlich in die Schule wie immer, und erst als am Ende des Unterrichts zuhause kein Essen gerichtet war, fiel ihm ein, dass da ja noch was gewesen war. Er eilte ins Krankenhaus, bekam mich, getrennt durch eine Glasscheibe gezeigt, war entsetzt („Ich dachte, du bist ein alter Chinese oder ein ganz junger Affe.“), wollte mich die ganzen 3 Wochen, die ich (untergewichtiges Kind einer starken Raucherin) noch dortbleiben musste, nicht mehr sehen und tat den überlieferten Stoßseufzer, als ich nach Hause kam: „Die ist ja doch ganz hübsch.“ Komischerweise habe ich dann doch eine ganz schöne Kindheit gehabt und war bestimmt eins der am meisten geliebten Kinder auf dieser Erde. Und auch 55 Jahre später bin ich eine glückliche Frau, trotz allem Chaos um uns herum. Das Leben ist schon eine wunderbare Sache.

Ich höre Das wohltemperierte Klavier und genieße die Präzision Bachs. Mir scheint nach Schlichtheit zu sein, denn ich habe auch mal wieder Tintin (Tim und Struppi) gelesen bzw. angeschaut und die Kunst der ligne claire sehr entspannend gefunden. Nebenbei schweifen meine Gedanken dahin ab, dass ich es schade finde, das Verschwinden nicht nur der Briefe und Postkarten zu beobachten und dazu das unverschämte Porto, eine Karte 95 Cent, sondern auch das der ausführlichen und wohlüberlegten E-Mails. Einen langen Brief mit der Hand zu schreiben war schön. Bach hat etwas Aufrichtendes, und das meine ich ganz körperlich. Ich hab das ja auch alles gespielt und merke, wie meine Wirbelsäule, meine Arme und Schultern und mein Becken sich in eine gerade, disziplinierte und gleichzeitig angenehme Position bringen.

Wir können nicht nicht im Kosmos sein. Ich weiß das. Und eben, als ich auf der Terrasse stand und staunte, wie viele Sterne von dem kleinen Fleck aus so nah am Städtle zu sehen sind, fiel es mir wieder ein. Wir sind im Kosmos, ein Teil des Ganzen. Wir können gar nicht anders, können es höchstens vorübergehend vergessen. So stand ich da im Kalten (nach den vorfrühlingshaften Tagen wird es gerade wieder kälter) und dachte an Kosmos und Sterne; dabei tauchte ein Lied von Tolkien, also eigentlich natürlich von Bilbo Baggins in mir auf wie eine Luftblase, und ich drehte mich um und ging wieder ins Wohnzimmer, mit Büchern, Sofa, Schreibtisch und schönen Lampen.

Home is behind, the world ahead,
And there are many paths to tread
Through shadows to the edge of night,
Until the stars are all alight.
Then world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.
  Mist and twilight, cloud and shade,
  Away shall fade! Away shall fade!
  Fire and lamp, and meat and bread,
  And then to bed! And then to bed!