Ich höre Das wohltemperierte Klavier und genieße die Präzision Bachs. Mir scheint nach Schlichtheit zu sein, denn ich habe auch mal wieder Tintin (Tim und Struppi) gelesen bzw. angeschaut und die Kunst der ligne claire sehr entspannend gefunden. Nebenbei schweifen meine Gedanken dahin ab, dass ich es schade finde, das Verschwinden nicht nur der Briefe und Postkarten zu beobachten und dazu das unverschämte Porto, eine Karte 95 Cent, sondern auch das der ausführlichen und wohlüberlegten E-Mails. Einen langen Brief mit der Hand zu schreiben war schön. Bach hat etwas Aufrichtendes, und das meine ich ganz körperlich. Ich hab das ja auch alles gespielt und merke, wie meine Wirbelsäule, meine Arme und Schultern und mein Becken sich in eine gerade, disziplinierte und gleichzeitig angenehme Position bringen.

Wir können nicht nicht im Kosmos sein. Ich weiß das. Und eben, als ich auf der Terrasse stand und staunte, wie viele Sterne von dem kleinen Fleck aus so nah am Städtle zu sehen sind, fiel es mir wieder ein. Wir sind im Kosmos, ein Teil des Ganzen. Wir können gar nicht anders, können es höchstens vorübergehend vergessen. So stand ich da im Kalten (nach den vorfrühlingshaften Tagen wird es gerade wieder kälter) und dachte an Kosmos und Sterne; dabei tauchte ein Lied von Tolkien, also eigentlich natürlich von Bilbo Baggins in mir auf wie eine Luftblase, und ich drehte mich um und ging wieder ins Wohnzimmer, mit Büchern, Sofa, Schreibtisch und schönen Lampen.

Home is behind, the world ahead,
And there are many paths to tread
Through shadows to the edge of night,
Until the stars are all alight.
Then world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.
  Mist and twilight, cloud and shade,
  Away shall fade! Away shall fade!
  Fire and lamp, and meat and bread,
  And then to bed! And then to bed!

Seit langer Zeit habe ich wieder gedacht, jetzt muss ich schnell Mama anrufen und ihr alles erzählen. Erzählen, dass ich nur 10 Minuten zu gehen brauche, um in die Rheinebene und hin zu den Vogesen zu schauen oder dass ich Brot beim Bäcker Käufer geholt habe.

Umzug.

Umzug. Erstes Bild: Eine festliche Parade, Narretei, Blasmusik. Zweites Bild: Möbelwagen. Drittes Bild „umzu“, das sagen die Ostfriesen zu „Drumherum“.

Ich bin mal wieder umgezogen, ohne Möbelwagen und nicht in Ostfriesland und auch nicht bei einer Parade. Kartons werden ausgepackt, Dinge eingeräumt, Möbel aufgebaut und umgestellt.

Das Schöne ist nicht nur das Ankommen an einem Ort, an dem ich schon immer gerne sein wollte, das Schöne ist auch, dass eigentlich nur Lieblingsstücke mitkommen, beim Umziehen. Lieblingsstücke an Büchern, Möbeln, Kleidung, Geschirr und sonstigen Besitztümern.

Zeit

Der Schmerz, der sich einstellt, wenn ich „Jauche und Levkojen“ schaue oder Dönhoff lese, ist ein ganz besonderer. Keine Rührseligkeit, kein Schuldbewusstsein, keine Hoffnung auf oder Notwendigkeit der Änderung. Es ist ein tiefes, tiefes Bedauern. Beim Betrachten unserer alten Fotos – der ganz alten, die mein Vater noch hat, teils gerettet, weil Abzüge der Berliner Verwandtschaft geschickt wurden, der neueren von der Ostpreußenreise mit meinem Vater im Jahr 2011 – verschärft sich dieser Schmerz und mildert sich gleichzeitig ab. Diese Schmerzen tragen sich weiter, wie ein Kettenglied sich ins andere fügt, während sie immer die aktuelle Zeit mit einflechten, das Alte wird allmählich weniger, das Neue mehr. Wer es sich bildlich vorstellen möchte, könnte nach der Anleitung suchen, einen französischen oder Bauernzopf zu flechten, das trifft es ganz gut. Wenn 80 Jahre nach der Flucht aus Ostpreußen geschieht, dass über eine Rezeptgruppe auf Facebook ein Bäckerssohn und eine Försterstochter aus einem kleinen Ort in der Rominter Heide telefonieren, weil ihre Töchter sich über Königsberger Klopsen begegnet sind, ist das ein unglaublich tröstlicher Moment. 

Winter.

Es ist eisigwinterkalt im Sauerland. Wir sind heute unter einem hellen Wolkenhimmel nach Süden gefahren, um wieder hier anzukommen. Nun knirscht und knackt Väterchen Frost mit -11 Grad ums Mobilheim und am Himmel leuchten die Wintersterne. Um uns aufzuwärmen wollten wir Linsensuppe kochen und haben erst beim in-den-Topf-Kippen gemerkt, dass es es keine Linsen waren sondern gelbe Schälerbsen. Es hat trotzdem gut geschmeckt und wir haben gelacht. Im Bett liegt der warme Ziegelstein, nein, eine Wärmflasche, das Kissen, das im Auto mitgefahren ist, lehnt an der Heizung.

Effi Briest. Fontane.

Ich schwelge in einer meiner großen literarischen Lieben. Wahrscheinlich könnte ich Effi Briest im Wortlaut nacherzählen. Und trotzdem lese ich dieses Buch mindestens einmal im Jahr, meist öfter, seit fast 40 Jahren. Und zwischendrin höre ich es gerne als Hörbuch (gelesen von Hans Hafen auf librivox). Im Prinzip mag ich den Stechlin noch mehr und oft auch Frau Jenny Treibel. Aber Effi ist halt meine erste große Fontane-Liebe. Ok, nach den Balladen.

2025

Hallo, neues Jahr. Ich sitze nach einer ziemlich ruhigen Nacht, die Böllerei im Sauerland war mäßig, mit der zweiten Tasse Kaffee im Wintergarten und freue mich, dass alle Vögel da sind, die kleinen in den Hecken und an den Knödeln (ohne Netz, damit niemand hängen bleibt), die Krähe auf ihrem Ausguck.

Eben las ich wieder einmal, es habe ja noch nie Frieden auf der Erde gegeben, nur im Paradies und das sei sehr kurz gewesen. Den Garten Eden lasse ich jetzt mal weg, denn die Geschichte spielt ja schon deutlich in der Zeit nach dem Frieden:

Es gab ca. 500.000 Jahre Frieden, obwohl es Menschen gab, nämlich die Zeit, als die Menschen in ihrer bio-logischen, natürlichen Art, dem Matrifokal, lebten. Kriege, Machtgehabe, Hierarchien, Menschenhandel etc. gibt es erst seit ca. 6.500 Jahren (und es wird stetig schlimmer), nämlich seit Beginn des Patriarchats.

Da wir uns nicht zurückbeamen können, hier ein Wunsch zu diesem jungen Jahr, natürlich mit den Worten von Theodor Fontane:

Du neues Jahr, o woll′ auch das noch geben,
Das Eine noch, das uns allein noch fehlt:
Laß jenen Ölzweig zu uns niederschweben,
Auf den ein jedes Herz jetzt hofft und zählt,
Zu allem, was das alte Jahr beschieden,
Du neues Jahr, o gib uns Frieden, Frieden!