Heute mal Fontane

Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht, 
und die kahlen Wipfel troffen. 
Frühe war mein Herz erwacht, 
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen. 

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton 
dringt zu mir vom Wald hernieder. 
Nisten in den Zweigen schon 
die geliebten Amseln wieder? 

Dort am Weg der weiße Streif – 
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte: 
Ist’s ein später Winterreif 
oder erste Schlehenblüte?

und ein neues

Dornröschen

Protokoll der 13. Fee

Es war wieder einmal so weit, ein Königskind wurde geboren. Eine Tochter. Bei einem Sohn hätten die Eltern die Gnome eingeladen aber so waren wie Feen wieder an der Reihe. Vorher überlegen wir uns immer, welche Fee für welchen Wunsch, für welche Wundergabe zuständig ist. Ich war eingeteilt, um das Kind, wenn es denn eine junge Frau geworden sei, in alle Geheimnisse dieses Frauseins einzuführen. Das mache ich ganz gerne, erstens muss ich nicht direkt nach der Geburt parat stehen und zweitens finde ich es spannender als Schönheit, Tugendhaftigkeit, Zeichentalent und all die anderen hübschen Dinge. 

Am Tag der Einladung kam allerdings eine Ausladung – für mich. Der König hatte nur 12 goldene Teller und deswegen sollten nur 12 Feen geladen werden. Das ist natürlich absoluter Blödsinn, er hätte jederzeit einen 13. Teller besorgen lassen können oder eben 13 kostbare Porzellanteller decken. Aber es war halt genau zu der Zeit, in der die Kirchen anfingen, die machtvolle Zahl 13 zu sabotieren. Nun hatte ich allerdings schon versprochen, das Kind ins Frausein zu begleiten. Wie konnte ich das Versprechen bloß halten? 

Am Abend der Einladung beschloß ich, nach dem Essen doch noch ins Schloß zu gehen. So wichtig war mir das Essen vom goldenen Teller nicht, aber das Kindchen wollte ich doch sehen und meinen Wunsch dort lassen. Als ich in die festliche Halle trat, standen meine Mitfeen um die Wiege herum und wünschten, was das Zeug hielt. Kaum sahen der König und die Königin mich, finden sie an zu schimpfen und versuchten mich mit fuchtelnden Armen zu verscheuchen. Neben ihnen stand grinsend der Pfaffe. 

So leicht bin ich nun nicht zu verscheuchen, ich machte mir den Weg zur Wiege frei und betrachtete das entzückende kleine Mädchen. Es war klar, dass mich niemand jemals freiwillig wieder zu ihr lassen würde. Also wünschte ich: „Wenn du 15 Jahre alt bist“ – das müsste reichen vom Alter her – „Wenn du 15 Jahre alt bist, wirst du dich an einer Spindel stechen und einschlafen.“ So dachte ich, könnte ich sie wenigstens in 15 Jahren erreichen. Und was macht Fee Nummer 12? Kommt angerannt und setzt „du wirst 100 Jahre schlafen“ obendrauf. Hinterher sagte sie, sie hätte geglaubt, ich hätte einen ewigen Schlaf gemeint. Wer macht denn sowas? Also 100 Jahre – uns Feen ist das ja egal. 

Als das Kind allmählich eine junge Frau wurde, nistete ich mich heimlich im Schloß in einem Turmzimmerchen ein, verkleidet als alte Frau mit einem Spinnrad als Requisite. Es war das letzte Spinnrad im Land, denn der König hatte auf meine Prophezeiung sehr vorhersehbar reagiert und alle Spindeln und Spinnräder vernichten lassen. Seltsamerweise fiel es den königlichen Eltern ein, genau am 15 Geburtstag ihrer Tochter wegzufahren. Nun, mir machte es die Sache leichter. Ich zog mich spinnend ins Turmstübchen zurück und wartete. Was tut man, wenn man am 15. Geburtstag alleine gelassen wird? Man stromert herum. Das tat auch die Prinzessin. Das ganze Schloß hat sie durchstöbert und irgendwann landete sie natürlich auch im Turm. Als sie mich am Spinnrad sah, war sie sofort begeistert, So ein Ding hatte sie noch nie gesehen. Ich erklärte ihr, was es sei, wofür es sei und wie es funktionierte. Und schwupps, da wollte sie es auch probieren und stach sich programmgemäß an der Spindel. Eigentlich hätte ich sie nun mitgenommen und bei mir zuhause vieles gelehrt. Jetzt musste ich aber die 100 Jahre meiner voreiligen Mitfee abwarten. Also packte ich sie aufs Bett und ging hinaus. Im Schloss schliefen alle. Die eben zurückgekehrten Eltern schliefen im Thronsaal, die Lakaien lehnten schlafend an den Wänden, in der Küche hielt die schlafende Köchin ein halbgerupftes Huhn in der Hand und der Koch war mit erhobener Hand eingeschlafen, als er gerade den kleinen Küchenjungen ohrfeigen wollte. Warte, du Grobian, den Kleinen nehme ich weg, lege ihn gemütlich vor den Kamin und dich drehe ich zum Schrank um, den kannst du in 100 Jahren dann gerne ohrfeigen. 

Im Hof schliefen die Pferde, die Hunde, die Hühner und die Tauben. Das war mal ein mächtiger Schlafzauber! Als ich durchs Tor ging, fingen die wilden Rosen rund ums Schloß schon an, sich überall emporzuschlängeln. Mal sehen, wie ich in 100 Jahren reinkomme.

Als die Menschen in den Dörfern ringsum mitbekamen, was passiert war, schäumten sie über vor Begeisterung und vor Gerüchten. Die Gasthöfe waren voll besetzt, weil die Leute strömten, um das rosenüberwucherte Schloß zu sehen, in dem eine „verzauberte“ Prinzessin schlafen sollte. Im Laufe der nächsten 100 Jahre kam ich ab und zu vorbei und besah mir die wunderbaren Rosen. Die 12. Fee musste übrigens bei jedem Treffen viel Spaß und Spott über sich ergehen lassen, wegen des völlig unnötigen hundertjährigen Schlafes. 

In der kommenden Zeit wurden immer wieder Helden und Prinzen angelockt, die die Prinzessin befreien wollten. Sie zogen ihre Schwerter, einer wie der andere, Jahr um Jahr, und hackten auf die Rosenhecke ein, die immer dichter und dicker wurde. Und ein Prinz um den anderen, ein Held nach dem anderen blieb an den Dornen hängen und starb elendiglich. (Ich sage jetzt nicht, was das mit der Psyche der 12. Fee angerichtet hat.)

Auch 100 Jahre gehen mal vorbei, und als im hundertsten Jahr die Rosen blühten, kam ich wieder zum Schloß. Anscheinend war ich genau pünktlich erschienen, denn die Rosen blühten zwar üppig und dufteten wie nie zuvor, aber es gab keine Dornen mehr und Schritt für Schritt öffneten sich vor mir Wege durch die Hecke.

Ich trat in den Schloßhof und fand immer noch alles schlafend vor. Auf einmal stürzte etwas, na gut, jemand, hinter mir durchs Tor, ein junger Mann mit gezogenem Schwert und raste ins Schloß hinein. Du liebe Güte, einer von den heldenhaften Retterprinzen. Ich folgte ihm und stieg in den Turm hinauf. Fast wäre ich ganz zu spät gekommen aber auch so war es schon kritisch: Der junge Mann kniete am Bett und küsste die Prinzessin wach. „Dornröschen, ich bin gekommen, um dich zu retten und wir werden heiraten.“ Gerade noch, bevor sie direkt aus dem langen Schlaf in eine Ehe rutschen konnte, nahm ich sie beim Arm und ging mit ihr davon. In mein Haus im Wald, wo sie erst einmal in aller Ruhe lernen kann, was eine Frau ist und kann und wissen sollte. Schließlich ist sie erst fünfzehn.

Im Schloß gab es ein munteres und erstauntes Erwachen. Die Pferde, die Hunde, die Hühner und die Tauben und ebenfalls die Köchin machten einfach weiter, wo sie aufgehört hatten. Traben, bellen, gackern, flattern, rupfen. Der Koch brach sich die Hand, als er den Schrank ohrfeigte, und der Küchenjunge lief davon und suchte sich einen besseren Platz. Der König und die Königin versuchten, ihr 100 Jahre regierungsfreies Königreich wieder unter Kontrolle zu bekommen, es soll nicht besonders gut laufen. Und irgendjemand musste die vielen Prinzen- und Heldenskelette aus der Rosenhecke schneiden und beerdigen.

Und Nr. 3

Schneewittchen – die Stiefmutter erzählt. 

Vor einigen Jahren habe ich einen Witwer mit Kind geheiratet. Dass er König ist, war keine Neben- aber auch nicht die Hauptsache. Das Kind war die typische kleine Prinzessin. Von Geburt an haben sie ihr erzählt, sie sei die Schönste. Jeden Tag musste ich mir ihr Selbstgespräch am Spiegel anhören: „Spiegel, wer ist die Schönste im Land?“ Sie wurde schnell groß und wirklich hübsch. Jeden Abend hockte sie sich bei meinem Mann auf den Schoß, er wuselte in ihren Haaren herum und erzählte ihr, dass ihre Mutter genau so schön gewesen sei, genau solche Haare hatte und dass sie die Schönste auf der ganzen Welt sei. Ich ging dann irgendwann mit einem Buch ins Bett. Schließlich wurde Schneewittchen erwachsen und eigentlich hätten die Freier sich scharenweise im Schloss einfinden müssen. Aber mein Mann hielt seine schöne Tochter unter Verschluss. Der einzige, der ihr Komplimente machen durfte, war der Spiegel. Allmählich entwickelte ich einen richtigen Hass auf das Ding und meinte manchmal, ich hörte ihn sprechen. Sobald ich hineinsah, schien er zu flüstern, „Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Eines Tages passierte das Unvermeidliche. Sie sagte einmal zu viel, sie sei die Schönste, ihr Vater liebe sie viel mehr als mich und überhaupt sei ich alt und die längste Zeit Königin gewesen.

Mein einziger Freund und Vertrauter, der königliche Jäger, suchte mich an diesem Tag auf (wie jeden Mittwoch) und nachdem, also, ich meine, später halt,  erzählte ich ihm wieder einmal die ganze Geschichte und sagte: „Weißt du, am liebsten wäre mir, du könntest das eitle Ding mal mit einem Reh verwechseln und erlegen.“

Zu meinem schrecklichen Schrecken sah ich die beiden eine Stunde später zusammen im Wald verschwinden, er mit Armbrust über der Schulter. Da hatte der Irre das ernst genommen, mir wurde ganz schlecht. Am Abend kam er endlich zurück. Schlug auch gleich bei mir auf und zeigte mir ganz stolz eine Leber und eine Lunge, ich musste mich direkt übergeben.

Ich habe dem Idioten gesagt, er soll das Zeug eingraben oder dem Koch geben oder in den Teich schmeißen und mich ins Bett gelegt. Ernsthaft, drei Tage war ich krank. Der König, mein Mann, lief natürlich Amok – gut dass er die Innereien nicht gesehen hatte. Er ließ den Fluss absuchen, den Wald und die Nachbarstadt.

Nach den drei Tagen sah ich zum ersten Mal in den Spiegel. Ich sah blass und schmal aus. Und wunderschön. Trotzdem flüsterte der Spiegel wieder. „Schneewittchen – hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr“.  Was? Wie? Wo? Berge? Zwerge? Her mit diesem Jäger!

Aha, er hat zugegeben, dass er ein Reh erlegt hat und mit Lunge und Leber vorgetäuscht hat, er hätte Schneewittchen getötet. Die nächsten Mittwoche braucht er sich hier nicht sehen zu lassen, das ist sicher.

Am nächsten Tag verkleidete ich mich als Krämerin, schnappte mir einen Korb voller Trödelkram und machte mich auf den Weg über die sieben Berge (drei davon sind enorm steil) und klopfte an einem zwergenhaften Häuschen, das neben einem Bergwerk stand.

Da macht mir doch die kleine Zicke die Tür auf, keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen ist. Sie hat mich nicht einmal erkannt. Aber sie wollte unbedingt einen Kamm von mir kaufen, um sich die Haare hochzustecken… Einen habe ich sie ausprobieren lassen. Natürlich den mit dem Gift… Ich kann nicht riskieren, dass sie zurückkommt und die Jägergeschichte herumerzählt. 

Als sie umgefallen war, mit dem Kamm in den Haaren, machte ich mich auf den Rückweg und stellte mich am nächsten Tag in freudiger Erwartung vor den Spiegel. Aber was ist? Der gleiche Spruch wie das letzte Mal  – diese Zwerge müssen ihr den Kamm aus den Haaren genommen haben… 

Also machte ich mich wieder, in etwas anderer Verkleidung, auf den mühsamen Weg über die sieben Berge (landschaftlich ist es wirklich wunderschön dort) und klopfte am Häuschen der Zwerge. Diesmal machte sie nicht einmal die Türe auf, aber beim Blick durchs Fenster sprang ihr ein besonders schöner Gürtel ins Auge… Einer, mit dem man eine so schmale Taille schnüren kann, dass sämtliche  Zwerge dieser Welt auf den Rücken fallen vor Bewunderung. Und auch Schneewittchen blieb beim Anprobieren glatt die Luft weg und ich kehrte zufrieden zum Schloss zurück.

Am nächsten Tag hörte ich den Spiegel zum ersten Mal seit langer Zeit nicht wispern und war erleichtert. Am übernächsten Tag jedoch muss ein Zwerg auf die Idee gekommen sein, den Gürtel zu lösen, denn der Spiegel zischte: „aber Schneewittchen über den 7 Bergen, bei den 7 Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr“ (Ob sie schöner war oder nicht, war mir mittlerweile völlig egal, ich wollte ihre Mitwisserschaft zu diesem ungewollten und missglückten Mordversuch aus der Welt schaffen.)

Zum dritten Mal (und schon leicht erschöpft) begab ich mich zum Häuschen der Zwerge. Zwischen dem vierten und fünften Berg blühte der Weißdorn und eine Höhle lag so friedlich im Bergeshang über dem Tal, einem ganz stillen Tal, wie eine Stelle, nach der man sich sehnen kann…

Diesmal war ich als freundliche, rotwangige Bauersfrau verkleidet und trug eine Kiepe, voll mit den schönsten Äpfeln, von denen ich einen durch das Fenster Schneewittchen zum Probieren anbot. Sie war aber misstrauisch geworden und wollte nicht kosten, ehe ich nicht auch abgebissen hätte. Zum Glück hatte ich mit so etwas gerechnet und nur die rote Apfelwange vergiftet.

Also biss ich wacker in die gelbe (guter Apfel) und Schneewittchen in die rote. 

Ich hoffe, nun ist die Sache erledigt, es war schrecklich genug, dreimal aufs Neue jemanden ermorden zu wollen.

Der Spiegel war und blieb ruhig. Ich lebte im Schloss zwischen meinem Mann, der nicht nachließ, nach seiner Tochter suchen zu lassen und dem Jäger, dessen Anblick mich jedesmal an die ganze Sache erinnerte. Meine Sehnsucht nach dem stillen Tal zwischen dem vierten und fünften Berg wurde immer größer.

Einige Wochen gingen ins Land, vielleicht sogar einige Monate. Da sagte an einem Morgen, gerade als der Postillion mit einer Botschaft in den Schlosshof ritt, der verflixte Spiegel wieder etwas: „Die junge Königin ist tausendmal schöner als ihr“. Naja, der Brief erklärte so einiges. Offensichtlich hatten die Zwerge Schneewittchen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt und ein Königssohn von wer-weiß-wo hat sich in die Leiche verliebt, sie mitnehmen wollen und beim Transport so geschüttelt, dass das Apfelstück aus dem Hals flog.

Und nun besitzt sie die Dreistigkeit, mich zur Hochzeit einzuladen. Ich werde pro forma annehmen und die Zeit bis dahin nutzen, mir ein paar Vorräte und praktische Gegenstände anzuschaffen, mit deren Hilfe ich in der Höhle zwischen dem vierten und fünften Berg zurechtkommen werde. Mir brennt der Boden unter den Füßen als wolle jemand mich auf glühenden Kohlen tanzen lassen. 

In der Höhle wird es mir gut gehen. Der Jäger, mit dem ich mich wieder versöhnt habe, alles in allem war es ja nur ein Mißverständnis, wird meine diskrete Anbindung an die Außenwelt sein.

Für einen, der es doch lesen möchte:

Frau Holle

Pechmaries Reisebericht

Ich werde am Anfang anfangen zu erzählen. Das ist gar nicht so leicht, wer weiß schon, wann und wie die Dinge wirklich angefangen haben. Vielleicht ist mein Name der Anfang. Ich heiße Marie. Ein hübscher Name. Ich habe ihn immer gemocht. Bis zu dem Tag als meine Mutter mir fröhlich eröffnete (etwas zu fröhlich, ich glaube, sie fühlte sich nicht ganz so unbedarft wie sie klingen wollte), dass ich einen neuen Vater bekäme und dazu noch, wie wunderbar, eine Schwester. Sie sei fast genauso alt wie ich und zudem wäre ein ganz lustiger Zufall dabei – sie hieße auch Marie. Hurra. Exzellentes Pech nenne ich das.


Der Mann war gar nicht übel. Natürlich war er der Vater der anderen Marie. Aber er war nett und fair und lustig, ich konnte es meiner Mutter nicht übelnehmen, dass sie ihn hatte heiraten wollen. Und so lebten wir ein paar Jahre als normal glückliche Flickwerkfamilie miteinander. Dann geschah etwas, das meine Mutter völlig aus der Bahn warf (und meine Stiefschwester natürlich auch). Der Mann starb. Meine Mutter hatte wirklich kein Glück mit Männern. Ich war traurig, die beiden am Boden zerstört, und als sie sich von ihrer Trauer erholten, wurden sie wirklich komisch. 


Wo der Mann ordentlich, pünktlich und fleißig gewesen war, wurden die beiden zwanghaft, kontrollsüchtig und arbeitswütig. Gegenseitig stachelten sie sich zu immer früherem Aufstehen an, zu immer eifrigerem (und demonstrativerem) Arbeiten. Für die Nachbarn muss es so ausgesehen haben, als schicke meine Mutter ihr zartes, hübsches Stiefkind wie eine Sklavin zum Schuften. Sie selber erledigte im Haus alles mit einer solchen Akribie, dass ich nicht einmal mehr dazu kam, meinen eigenen Teller abzuwaschen. Wenn ich morgens aufstand, war das Haus für den Tag vorbereitet, die Öfen brannten, Holz war gestapelt, mein einsames Frühstück wartete vorwurfsvoll auf dem längst verlassenen Küchentisch, und während ich meine langen Haare zum Fenster hinaus auskämmte und mich freute, wie dunkel sie in der Morgensonne glänzten, schimmerte die selbe Sonne auf den paar goldblonden Haaren, die das züchtige Häubchen meiner Schwester freiließ, während sie am Brunnen an der Straße saß und spann. Sie saß fast jeden Tag an diesem Platz, obwohl (oder weil?) dort die meisten Leute vorbeikamen.


Und jeden Mittag, wenn sie zurück ins Haus kam, beschimpfte sie sich selber, weil sie nicht genug gearbeitet hätte, und meine Mutter stieß ins selbe Horn und beide beweinten ihre Untüchtigkeit, mit der sie dem armen toten Mann Schande machten. Ich war gar nicht mehr existent, hatte ich den Eindruck. Immerhin wollte auch niemand, dass ich etwas arbeiten solle – und ehrlich gesagt, es war auch keine Arbeit mehr übrig. Ab und zu ein paar Himbeeren in die Hand pflücken und direkt essen war das einzige – und das ging nur, wenn ich schnell genug im Garten war und die Beeren erwischte, bevor eine bienenfleißige Hand sie bereits zu Gelee verarbeitet hatte.


So werkelten und faulenzten wir vor uns hin, bis eines Tages – ja, bis eines Tages meiner Stiefmarie beim Spinnen tatsächlich die Finger bluteten, so fleißig war sie gewesen. Sie rief es zu meinem Fenster hinauf und zeigte mir ihre blutige Hand. Dabei bemerkte sie, dass die Spindel auch blutig geworden war und wollte sie im Brunnen abwaschen. Statt Wasser im Eimer bis an den Rand zu ziehen, beugte sie sich zum Wasserspiegel hinunter, das Knie auf den Hocker gestützt, auf dem sie beim Spinnen gesessen hatte. Ich rief noch, sie solle aufpassen, aber da lag sie schon drin, und als ich zum Brunnen gerannt kam, war sie weg, als hätte das schwarze Wasser sie einfach verschluckt.


Die nächsten Tage vergingen damit, dass ich meine völlig aufgelöste Mutter stützen und versorgen musste und mich um den Haushalt zu kümmern hatte. So kam ich selber gar nicht zum Nachgrübeln über das, was geschehen war, und am vierten Morgen wurde ich davon wach, dass der Hahn auf dem Misthaufen krähte als sei er verrückt geworden. Kikerikie, Kikerikie, fast klang es, als riefe er Marie. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster, um einen Pantoffel nach dem Radaubruder zu werfen und sah – meine Stiefschwester im Hof stehen, lebendig, gesund, völlig trocken, nicht einmal zerknittert, mit Häubchen und allem, und seltsamerweise klebten überall an ihr Goldmünzen, sie sah aus wie ein Baum mit goldenem Herbstlaub.


Nach dem Willkommen, das mit einer Ohnmacht meiner Mutter begann und damit aufhörte, dass die Goldmarie versuchte, eine Münze von ihrer Wange abzupopeln, die dort klebte, und feststellen musste, dass das nicht möglich war, drängten wir sie zu erzählen, wie sie vom Sturz in den Brunnen goldbedeckt in unseren eigenen Hof gelangt war.


Was sie berichtete, war erstaunlicher als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Sie war in den Brunnen hineingefallen und eine lange, lange Strecke hinabgestürzt, seltsamerweise ohne das Gefühl zu haben, unter Wasser geraten zu sein. Endlich landete sie, ohne sich zu verletzen, auf einer grünen Wiese.


Sie rappelte sich auf und folgte einem Weg in der Hoffnung, irgendwo auf Menschen zu treffen, die sie fragen konnte, wo sie sei. Nach einer Weile stand mitten auf einer Wiese ein Backofen. Sie wäre glatt daran vorbeigegangen (mit Fantasie wurde sie nicht so reichlich bedacht, dass ein Ofen mitten auf einer Wiese sie neugierig gemacht hätte), aber aus dem Backofen rief es nach ihr. Brote waren es, die riefen, sie seien fertiggebacken und wollten herausgezogen werden. Dies beruhigte die andere Marie, solche Aufforderungen kannte sie von zuhause, und sie zog die Brote eins ums andere hinaus und legte sie aufs Gras. Dann ging sie weiter und wurde als nächstes von einem Apfelbaum angesprochen, dessen Äpfel gepflückt werden wollten, sie seien alle reif. Marie baute eine ordentliche kleine Apfelpyraminde unter dem Baum und ging immer zufriedener mit sich selbst weiter.


Endlich kam sie an ein Haus. Ein merkwürdiges Haus, uralt und düster aber vertraut und anheimelnd zugleich. Aus einem Fenster im Obergeschoß schaute eine alte Frau heraus, die sagte, sie sei Frau Holle. Sie sprach mit großer Autorität und meinte, wo Marie nun einmal dort unten sei, solle sie bei ihr bleiben und ihr helfen, den Haushalt zu führen und immer kräftig die Betten aufzuschütteln. Das tat meine Schwester so gut sie konnte, und natürlich konnte sie es sehr gut und war so fleißig wie jemals zuvor. Nach einer langen Weile bekam sie aber Heimweh und fragte Frau Holle, ob es keinen Weg gäbe, wieder zurück nach Hause zu kommen. Daraufhin verabschiedete diese sich liebevoll von ihr, zeigte ihr einen Pfad und das nächste, was sie wusste war, dass etwas Hartes auf sie herunterprasselte und der Hahn zu ihrer Begrüßung krähte.


Während der ganzen Erzählung hatte sie vorsichtig an der Goldmünze auf ihrer Wange gezupft, sie aber nicht lösen können. Wir hoffen, sie wächst irgendwann heraus – von den Kleidern und dem Häubchen können wir das Geld ja einfach abschneiden. Das tun die beiden jetzt gerade und sie zählen laut dabei. Zum ersten Mal seit langer Zeit sehen sie richtig glücklich aus.


Sie haben fertiggezählt. Das Gold macht uns wohlhabend, sagen sie. Wohlhabend aber nicht reich. Reichtum, so sagt die Mutter, finge an bei dem Doppelten der Summe, die an Goldmarie geklebt hätte, und schaut mich mit einem auffordernden Blick an, den ich zuerst nicht recht verstehe. Als aber dann Goldmarie (was für ein Spitzname) zu mir kam und in ihrer süßen Art sagte, es sei doch ungerecht, dass sie nun ein solches Vermögen besitze und mit unserer Mutter teilen könne, und ich allein sei arm wie zuvor (aha), dämmerte es mir. Auch beim Geldmachen sind die beiden also tüchtig. Nun gut. Ich schnappe mir die Spindel und gehe Richtung Brunnen. Dort steche ich mir tüchtig in die Hand und beuge mich über den Brunnen. Mir wird immer schwindlig, wenn ich Blut sehe, und so falle ich unfreiwilliger in den Schacht hinein als ich es eigentlich vorhatte. Vom Sturz merke ich nichts, aber als ich zu mir komme, blutet meine Hand nicht mehr und ich liege auf einer Wiese unter einem weiten Himmel, vom Brunnen ist weit und breit nichts zu sehen. Da vorne muss der Weg sein, den Marie beschrieben hat, ich bin gespannt, ob ich auch auf sprechende Gegenstände treffen werde. Tatsächlich. Auf einer weiten Wiese vor einem Tannenwäldchen steht ein alter Backofen. Wie aus einem Hexenhäuschen, denke ich, mit einem langen, schiefen Ofenrohr. Drinnen toben die Brote: „Hol uns raus, hol uns raus, wir sind fertig.“ Ich schaue ins Fach mit der Glut – lange bäckt der nicht mehr, denke ich. Das Gras unter meinen Füßen ist feucht vom Tau. Ich sage zu den Broten (ich rede mit Broten, ich falle in einen Brunnen und rede mit Broten…):“Wenn ich euch heraushole, bin ich rußig und verbrenne mir die Finger, und ihr werdet im feuchten Gras ganz matschig. Da drinnen könnt ihr gut ausdörren, dann werdet ihr gutes Zwiegebackenes. Verbrennen könnt ihr nicht, dafür reicht die Glut nicht mehr.“ Im Weitergehen höre ich die Brote erstaunt murmeln. Nach ein, zwei Wegbiegungen komme ich zu dem Apfelbaum. Eine Pracht. Rotwangige Äpfel in der vollen, grünen Krone. Noch ehe die Äpfel rufen können, laufe ich hin, pflücke mir einen und beisse mit Wonne hinein. Auf den oberen Ästen hüpfen pickende Vögel, und in manche Äpfel haben schon Wespen ihre kleinen Schlaraffenländer gebaut. „Wir sind total reif, hol uns vom Baum!“ zischen die Äpfel mir zu. „Pflück uns, los!“ Ich sehe mich um. Weit und breit ist kein Haus zu sehen, zu dem der Baum gehören könnte. „Warum soll ich euch pflücken, mich im Baum zerkratzen und euch nicht besser als Fallobst auf die Erde legen? So bleibt ihr lange frisch für hungrige Wanderer und alle Tiere, die euch dringend als Nahrung brauchen, und wenn eure Zeit gekommen ist, lässt der gute Baum euch von alleine los.“ Im Weitergehen höre ich aus der Baumkrone ein fragendes Wehen und Rascheln.


Meine Füße werden allmählich müde und im Gehen werden die Erinnerungen an das, was die goldene Marie erzählt hat, immer blasser. Ich bin nicht mehr in ihrer Erzählung unterwegs, dies ist meine Geschichte. Während ich darüber nachdenke, gelange ich unverhofft an einen Zaun. Hinter dem Zaun ist ein Hof und in dem Hof steht ein Haus. Es ist wie ein Haus, das ich aus meinen Träumen kenne und ich habe den Eindruck, als hätte ich es in meinen Träumen geliebt und gefürchtet. Die alte Frau, die aus dem Fenster im Oberstock herausschaut, ist mir vertrauter als meine eigene Mutter und dabei macht sie mir gleichzeitig Angst. Oder ist es Ehrfurcht? In der alten Küche des alten Hauses sitzen wir und die Frau spricht zu mir. Sie sei die Frau Holle, sagt sie, und ihr gehöre das untere Reich. Wir Menschen kennten es von unserem Weg durch Geburt und Tod, und ab und zu kämen Menschen, so wie ich durch einen unbekannten Zugang hinunter, obwohl sie lebten, und könnten viel dort lernen. Nicht jede, die käme, ginge weiser als sie gekommen sei, jedoch so manche. Außerdem, nun wird ihre Stimme, die vorher ein geheimnisvolles Raunen war, wieder alltäglich, außerdem freue sie sich immer über Gesellschaft, über Hilfe im Haus und vor allem über Hilfe beim Ausschütteln der Betten. Von Betten hatte doch auch die Schwester geredet, warum sind hier Betten so wichtig? Frau Holle sieht meinen fragenden Blick und erklärt: „Ich bin die Frau Holle. Wenn ich hier meine Oberbetten und Kissen zum Fenster hinaus ausschüttle, dann schneit es oben in der Welt.“ Was für ein Spaß. Dabei helfe ich gerne. Schnee machen können, dass die Mädchen und Buben oben in der Welt Schlitten fahren können und Eislaufen und Schneeballen werfen und Schneefrauen und -männer bauen mit lustigen Möhrennasen, das ist eine Arbeit nach meinem Herzen. Leider dauert sie nie lang. Zwei Betten sind schnell geschüttelt. Und der Haushalt verlangt nicht viel Hilfe – ich glaube, die Frau Holle kann sowieso alles hinzaubern, ich bin mir sicher, die Brote und einige der Äpfel, denen ich unterwegs begegnet bin, im Vorrat gesehen zu haben. Auch liegt nie Staub auf den Möbeln – warum sollte ich dann so tun und mit dem Wedel herumwirbeln? Lieber höre ich der Frau Holle zu, wie sie mit ihrer uralten Stimme erzählt, mit Worten, die nicht direkt in meinem Gedächtnis bleiben, sondern direkt in meine Seele zu sinken scheinen. Sie redet davon, dass alles eins, dass oben wie unten sei und dass die Menschen ihre eigene Geschichte vergessen hätten. Es klingt wie ein großes Geheimnis und dennoch sehr vertraut.


Nach vielen, vielen Tagen (oder Wochen?) bin ich ganz gesättigt und ausgeruht und fühle eine Unruhe in mir, ich glaube, es ist Zeit, die untere Welt wieder zu verlassen. Frau Holle schaut mich an, als hätte sie es erwartet. Wir nehmen Abschied und sie sagt: „Wundere dich nicht, wenn du nicht empfangen wirst wie deine goldene Schwester. Denke an das, was du gelernt hast. Wir werden uns wiedersehen. Nicht erst am Ende der Zeit aber auch dann.“ Auf dem Pfad, den sie mir zeigt, gehe ich los, durch eine Hecke hindurch, und das nächste, was ich weiß, ist, dass etwas nass, warm und klebrig auf mich einprasselt und der Hahn kräht wie verrückt. Es klingt wie „Kikerekäch, Kikerekäch“, wahrscheinlich ist er heiser. In unserem Hof umschnattern mich Mutter und Goldmarie, sie sind entsetzt und umarmen mich gar nicht. Nach und nach merke ich, warum. Das Zeug, das an mir klebt, ist kein Gold. Es ist Pech, klebriges, schwarzes Pech. Na, die Kleider sind hin, die kann ich gleich ausziehen. Warum hatte ich nicht so ein dummes Häubchen auf dem Kopf? Jetzt sind die Haare auch voll mit diesem Zeug. „Marie bitte, bring mir mal eine Schere.“ Ab damit. Was hatte Frau Holle gesagt? Ich soll mich nicht wundern, wenn ich nicht das gleiche bekomme… Was habe ich denn da bekommen? Pech. Ja, Pech für meine beiden Fleißigen daheim, nun sind sie doch nicht reich. Was tut Pech denn? Es haftet an. Und ich löse mich davon – hatte die Frau Holle nicht auch von so etwas gesprochen? Nicht anhaften? Ich habe eine Erinnerung bekommen. Langsam und gründlich schneide ich meine verklebten Haare ab. Wie eine junge Krähe sehe ich aus mit dem kurzen Flaum, ganz fremd und ganz neu. Ich ziehe ein sauberes Kleid an und berühre vor dem Spiegel den kleinen Fleck von Pech in meinem Gesicht. Ein Mal. Ich werde nicht daran herumzupfen. Es ist ein Denk-Mal. Frau Holle hat mich gezeichnet. 


Ich glaube nicht, dass ich noch lange hier wohnen möchte. Die beiden verstehen nicht, wovon ich erzähle, wenn ich von der unteren Welt rede. Sie meinen, das Pech sei eine Strafe für meine Faulheit bei Frau Holle. Vielleicht gehe ich dorthin, wo es Menschen gibt, die noch mehr Wege in die anderen Welten kennen, dann werde ich wieder dorthinreisen. Im Osten, habe ich gehört, soll es welche geben. Und andere auf einer Insel, einer großen Insel, gar nicht so weit von hier. Frau Holle hat dort nur andere Namen. Aber Namen, das weiß ich jetzt, sind nicht so wichtig, Sie sind höchstens der Anfang.


Ein altes Schätzchen gefunden.

Rotkäppchen – der Wolf kommt zu Wort

Neulich schlenderte ich durch den Wald und dachte an die nächste Mahlzeit. Ich denke meistens an die nächste Mahlzeit. Ich bin ein Wolf. 

An diesem Tag lief mir etwas über den Weg, das sehr essbar aussah. Es war ein kleiner Mensch. So gut einen Meter hoch, und in diese seltsamen Hüllen eingewickelt, die immer um Menschen herumflattern. Oben, auf dem wenigen Fell, steckte ein rotes, zipfeliges Ding. In der Hand trug der kleine Mensch einen Korb, der uninteressant roch.

Ich dachte, ich frag mal… Und sagte: „Guten Morgen, wer bist denn du?“ „Ich bin Rotkäppchen und soll der Großmutter Kuchen und Wein bringen. Sie wohnt tief im Wald, hinter der hohen Eiche.“ 

Das klang ganz gut – und weil ich ein umsichtiger Wolf bin, schlug ich dem Rotkäppchen vor, der Großmutter doch auf der großen Wiese einige Blumen zu pflücken. (Menschen tun das – sie reißen Blumen ab, tragen sie in der Hand und stecken sie dann in Wasser, statt sie zu fressen, wie Rehe und andere Tiere es tun.) Das sollte das kleine Menschlein einige Zeit beschäftigen…

In der Zwischenzeit rannte ich zügig zur Höhle der „Großmutter“. Dummerweise haben diese Höhlen keine richtigen Öffnungen. Aber ich polterte einfach gegen den verschlossenen Eingang und piepste „Ich bin Rotkäppchen und bringe dir Kuchen und Wein!“ Und schon öffnete er sich.

Puh, war die Alte ein Brocken. Sie roch schon so zäh, dass ich sie lieber hinunterschluckte, ohne zu kauen. Ich fühlte mich wie eine Eierschlange. Als ich endlich fertig geschluckt hatte, legte ich mich ins Bett. Natürlich hatte ich die Großmutter vor dem Fressen ausgewickelt und so zog ich ihre Hülle über meinen Kopf und meinen Hals.

Nach einiger Zeit kam der kleine Mensch mit dem roten Dingsbums auf dem Kopf in die Höhle, ganz außer Atem und mit vielen Blumen in der Vorderpfote. „Großmutter, ich bringe dir Kuchen und Wein und Blumen!“

„Komm näher, mein Kind“, sagte ich, denn mit dem dicken Happen im Bauch konnte ich nicht aufspringen. Brav kam sie ans Bett, sah mich an und fragte: „Großmutter, warum hast du so große Augen?“ „Damit ich dich besser sehen kann.“ „Und warum hast du so große Ohren?“ „Damit ich dich besser hören kann.“ „Ja aber, Großmutter, warum hast du so furchtbar große Zähne?“ Ja, Schätzchen, warum wohl? 

Die Kleine ging gut in einem Happen hinunter. 

Wie war ich satt. Ich war so satt, dass ich liegen blieb, wo ich war und tief und fest einschlief. Ich träumte sogar – von Geräuschen und von Bauchweh und hatte ein ganz schweres Gefühl im Magen.

Als ich wach wurde, tat mir der Bauch immer noch weh. Das war seltsam. Normalerweise vertrage ich alles. Und die beiden waren ja sogar ganz frisch gewesen. Und ich hatte schrecklichen Durst. Außerdem lagen die Blumen nicht mehr auf dem Boden, sondern steckten in einem mit Wasser gefüllten durchsichtigen Ding. Das war komisch.

Draußen war ein Brunnen mit frischem, kühlem Wasser. Ich stolperte zum Brunnenrand und wollte mich gerade vornüberbeugen um zu trinken, da hatte ich den Eindruck, als fiele in meinem Magen etwas Schweres um. Fühlte sich nicht an wie Mensch-im-Bauch.

Vorsichtshalber ging ich direkt zur Tierärztin meines Vertrauens und ließ eine Ultraschallaufnahme machen. Kaum zu glauben, aber in meinem Bauch waren weder die Großmutter noch das Rotkäppchen. Jemand muss mich heimtückisch überfallen haben, als ich schlief (sicher wieder der Förster), mir mein Essen aus dem Bauch gestohlen und durch etliche Wackersteine ersetzt haben. 

Nach der erfolgreichen Operation und einigen Tagen Schonkost (meist Mäuse) schlich ich mich wieder in den Wald. Von Wegen, Menschenhöhlen, Rotkäppchen und Großmüttern werde ich mich künftig fernhalten. Wenn ich mir vorstelle, was alles hätte passieren können…

Zwei Nächte lang und gut (besser als seit Jahren) geschlafen, abends gute, so gute Gespräche geführt, jeden Tag blühen mehr kleine Huflattichsonnen, ich lese mal wieder Else Ury rauf und runter und bewundere die Mechanismen der Politik und des Militärs – alle könnten es schon lange gewusst haben – und Ute Schiran, deren Texte direkt zu meiner Knochen Gesänge werden.

In der jetzigen Situation fehlt mir sehr mein lieber Kollege Klaus B. Wir haben uns über viele Jahre in unregelmäßigen Abständen zu telefonischen „Supervisionen“ getroffen, „Fälle“ und auch private Neuigkeiten und Angelegenheiten besprochen. Seine Menschenkenntnis, sein Interesse, seine Güte und sein ganz besonderer Humor -er konnte ernste Dinge auch in ihren heiteren Aspekten erkennen und umgekehrt – hätten mir sehr geholfen. Ende August 2021 starb er plötzlich und unerwartet (steht auch so in der Traueranzeige).

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Heute wurde mir wieder mal zur Toleranz geraten:

„wenn da bei den demos welche dabei sind die hassen müsen ist das ihr  
problem. ich feiere den zusammenhalt gegen die nazis“

Und das von einer Person, die mir vor ein paar Jahren sagte, ich mache mich mit Nazis gemein, wenn ich gegen die Coronamaßnahmen und eine Impfpflicht demonstriere, da dort ja auch „Rechte“ mitlaufen könnten.

Und dann kam noch: „und warum du deine  
probleme mit den impfbefürwortern hast versteh ich auch nicht ganz.  
ich mach jetzt schon über 40 jahre meine arbeit und musste viel kritik  
und hass ertragen. es ist aber notwendig dass es dich nicht bitter  
macht“

Wie kann man so ignorant sein, nicht zu erkennen, dass mir völlig egal ist, wer sich wann und wie oft mit was impfen lässt (ok, bei meinen Kindern ist es mir nicht egal, aber daran machen kann ich da auch nichts, sie sind ja erwachsen), ich aber definitiv keine Nötigung, Beschimpfung und Diffamierung toleriere.

Und zu den aktuellen Demos: Mit „Grünen“, die Deutschland „kriegstüchtig“ machen wollen, mache ich mich wirklich nicht gemein.

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