Scarlatti

Vor vielen Jahren zum ersten Mal im Autoradio gehört
und seitdem immer wieder Zuflucht,
wenn ich Klarheit und Struktur hören möchte.
Eine Wohltat für eine Synästhetikerin –
Musik, die weder Farbenbrei noch eine Kakophonie erzeugt.
Kompromisslos und schön.
Ähnlich geht es mir, wenn ich jemandem zusehe,
der weiß, was er mit seinen Händen tut
und präzise und ruhig arbeitet.

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21 Grad Celsius wehen Frühlingsflausen in meine Glieder
Hummelgesumm findet Echo im Zwerchfell

nach dem Spaziergang
oben am offenen Fenster sitzen
vor dem die Birke blüht 
und erste Blättchen schiebt

Frühlingsgefühle bewegen sich
wie Wolken wie Wasser wie sanfter Wind

 

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„Ich hätte nie geglaubt, dass man Glück nachholen kann wie eine versäumte Schulstunde.“
(Luiselotte Körner, Das doppelte Lottchen, Erich Kästner)

Die Sturmfrau, die hier nicht vom Meer herkommt, bläst den Frühling heran. Die Ameisen, die ihren Bau zur Straße hin haben, bis auf den Gehsteig hinaus, vor dem leeren Haus, wimmeln zu Tausenden. Vor der KiTa sitzen die Kinder im Kreis und die Erzieherinnen singen zur Gitarre ein Geburtstagslied. Ich sehe sie gerne da sitzen, ohne jede Sentimentalität. Meine Kinder sind erwachsen und selbständig und das ist gut so. Ich hüpfe trotzdem noch im Frühling und lehne mich in die Arme der Sturmfrau.

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So schön, gemeinsam die Lerchen zu hören,
Zaunkönige im Brombeerdickicht zu entdecken,
den Fortschritt an den Blüten der Büsche zu sehen,
so schön im gemeinsamen Tempo unterwegs zu sein.

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Nicht über den Dächern
aber hoch über dem Hinterhof
und den Laternen
sitzen wir am Tisch
am Fenster
mit der kleinen Primel
draußen auf dem Sims
und reden über schlimme Zeiten
während Glück um uns schimmert.
Menschen.

Tag- und Nachtgleiche. Turbulente Zeiten. Wir merken es in unseren Leben und sehen es in den Sternen. Strukturen haben sich schon lange aufgelöst, für „die Gesellschaft“ werden wir immer weniger wahrnehmbar, kann ein Vorteil sein. Am Rand, unter dem Radar entdecken wir neue Räume. Heute hatte ich nicht die Möglichkeit, ein Feuer oder einen Mehlkreis zu machen, also gingen wir spazieren und fanden wilden Schnittlauch, zart, duftend, scharf, und begegneten einer wunderschönen gefleckten Schnirkelschnecke, zielstrebig, ganz in ihrem Tempo, lässt sich nicht treiben, neugierig, anmutig. Begegnungen sind auch Rituale. Und wir können lernen. Von den Kräutern, von den Schnecken. Und an der Hollerin sind schon die Blüten angelegt.

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Vor 4 Jahren war ich gerade von einem Kurzbesuch in Hamburg zurückgekommen. Es war ein schöner, früher Frühling. Ich arbeitete im Bildungswerk und in meiner Praxis und hatte nebenbei eine gut ausgefüllte Freizeit. Vor 4 Jahren wurde bekanntgegeben, dass zur Eindämmung der Gefahr (der R-Wert war lächerlich niedrig) während der zweiwöchigen Osterferien die Schulen geschlossen werden sollten, und es gab Reiseverbot. Dann sei alles wieder normal. Also packte ich meinen Minicamper wieder aus und zog mit Kater und Wurfzelt in den Frühlingsgarten. Wenn ich hinausging, sah ich die in Flatterband eingewickelten Altenheime und Kinderspielplätze. Meine Teilnehmer aus dem Bildungswerk wurden aus ihrem betreuten Wohnen nach „Hause“ geschickt, bekamen keine Therapien mehr, alles zu gefährlich. Aus den zwei Wochen wurden Jahre. Aus Freunden und Teilen der Familie wurden Fremde. Aus Arbeit wurde Arbeitslosigkeit. Aus meinem Land wurde feindlicher Boden, auf dem es ein Risiko bedeutete, mit einem Grundgesetz in der Hand spazieren zu gehen. Jetzt sagen sie, es sei ja alles lange vorbei. Glaubt ihnen nicht. Manches konnte heilen, über manches kann man mit viel gutem Willen Gras wachsen lassen, manches heilt nicht und verlangt danach, gesehen, anerkannt und geahndet zu werden.

Ist möglicherweise ein Bild von Text „Vor 4 Jahren war die letzte Woche unseres anderen Lebens. Wir hatten keine Ahnung, was sie uns antun würden“

Schwarzmondmutter im März

Ich war heute Morgen im Ahninnenhaus. Rita und Ute trommelten draußen am Schwarzmondinfeuer, neben der Tür lehnte mein Reisigbesen, und drinnen war ein richtiges Gedränge. Viele Frauen waren da, die mit diesen Dingen nichts zu tun haben (wollen), z.B. Annie und Doro, auch meine Mutter und ihre Schwester, Gabriele, als einziger Mann war der schemenhafte Geist von Klaus B. da, natürlich auch Sabine, Sieglinde und Susan-Barbara. Wir vier stiegen die Treppe zur Empore hoch, denn dort wartete die Uralte, die wieder einmal den unendlich weiten Weg durch Zeit und Raum gemacht hatte. Wir reichten uns die Hände zum Kreis und sie sagte uns Dinge, ohne zu sprechen. „Bindet euch an die Erde an. An die Erde und an den Kosmos. Verbindet euch mit den Elementen.“ Dazu erschienen in uns die Bilder von Feuer, Wasser, Luft und unseren Händen, die in die dunkle Frühlingserde greifen. Die ganze Zeit sangen wir dazu 

„Ich gehe und gehe… weite die Kreise
Gehe zum Ursprung und Ziel
Ich gehe die Pfade der großen Spirale
Und singe das uralte Lied“
von Iria Schärer

und alle Frauen in dem vollen Raum unten sangen mit. Ute und Rita kamen herein und die Uralte sagte ihnen, sie sollten nachher weiter trommeln und tönen, das zeige uns unseren Weg. Und ich solle meinen Besen nehmen und einen Kehraus machen. Während wir uns von ihr verabschiedeten, verblassten allmählich alle anderen Besucherinnen und das Ahninnenhaus war ruhig und still. Das Trommeln draußen setzte wieder ein und ich begann mit dem Fegen. Als ich allen Staub über die Schwelle gekehrt hatte, kam ein quirliger Windstoß und eine Staubwolke erhob sich, die aussah wie ein fliegender Hahn und stob über das Hausdach hinweg in einen grauwolkigen Himmel. 

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„O schüttle ab den bangen Traum
und die lange Winterruh,
es wagt’s der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.“

Natürlich von Fontane.

Der März war in den letzten Tagen richtig kalt, teils mit Hochnebel, heute mit Ostwind und strahlend blauem Himmel. Wir sind spazieren gegangen und haben Königsberger Klopse gekocht und gegessen. Es findet ein Prozeß statt, der mit Heilung und Findung zu tun hat.