Abend

Die Tage sind schon so kurz und werden noch 6 Wochen lang immer kürzer. An den Abenden ist es so still, dass es einem in den Ohren summt. Kerzenlicht, Sofa und Bücher bemühen sich um Kompensation.

Es ist wichtig, die kurze Helligkeit auszukosten, wenn es geht. Das feine Novemberlicht, die Pflanzen im Herbstkleid vor dem ersten Frost genießen.





Samhain? Halloween? Allerheiligen?

Heute, am 1. November, legt Modron den Stab unter den Holunderstrauch und Cailleach übernimmt ihn bis zum Ende des Winters, dann ist die Reihe an Brigid. Das ist ein schönes Göttinnenbild der alten Kelten (auch wenn ich sonst nicht so ein Keltenfan bin), und seine Bedeutung ist heute ganz deutlich spürbar. Ich habe einen Spaziergang gemacht, mich ganz hineinversenkt und den kommenden Teil des Jahres willkommen geheißen.

Das Alter der Dinge.

Mein guter neuer Schirm löst sich allmählich auf. Die Endkappen spalten sich, und vor fast 4 Jahren hat ein ostfriesischer Sturm ihn auf einer Seite ganz verbogen. „Mein guter neuer Schirm“ war er in meinen Gedanken, bis mir klar wurde, dass er mittlerweile über 20 Jahre alt ist. Jetzt habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mich von ihm zu verabschieden. Ich weiß, wann und wo ich ihn gekauft habe und ich hatte wirklich Freude an ihm. Es gibt solche Schirme nirgends mehr. Also musste ich mich für ein anderes Modell entscheiden und habe einen englischen genommen, in Dunkelgrün mit lauter Beagles drauf.

Die Uralte.

Trancereise ins Ahninnenhaus. Ute hockt davor und trommelt, trommelt uns alle herbei. Drinnen sind die Vertrauten, dazu noch einige andere Frauen – eine schicken wir auf den Weg der Trommel in der Hoffnung, sie möge sie erreichen, dort, wohin sie sich verwirrt hat, eine, von der ich mich endgültig verabschiede, da hing noch ein alter Schmerz. Gerda ist da, das erste Mal im Ahninnenhaus. Sie beantwortet mir zwei wichtige Fragen und bleibt da, etwas abseits.

Und dann kommt die Uralte. Wir scharen uns um sie. Sie streckt die Hand aus und holt Gerda dazu, streckt wieder die Hand aus, holt meine Tochter zu uns. Dann spricht sie weiter zum Thema vom letzten Mal, dem Umgang damit, dass die Menschheit irgendwann „falsch abgebogen“ ist, über den evolutionären Fehlversuch. Sie lässt uns in ihre Gedanken eintauchen. Wir sehen eine Rose, eine große, rankende Pflanze. Viele Blüten. Jede von uns ist so eine Blüte. Die Rose wird beschnitten, radikal, fast bis zum Boden. Als die Blüten fallen, merken wir, dass wir auch der Teil der Rose sind, der austreibt, wir sind die Wurzeln, wir sind der Stamm und wir sind die neuen zarten Triebe, Knospen und Blüten. Ein Fehlversuch ist kein Drama. Er bringt uns nicht um das All-Eine.





Märchen

Als Kind habe ich gerne Märchenplatten gehört, vor allem wegen der Erzählstimme von Hans Paetsch. Nun habe ich auf youtube „Das Feuerzeug“ gefunden und mal reingehört. Die Stimme ist natürlich immer noch sehr angenehm; aber der Inhalt, du meine Güte. Da kommt der Soldat, eine alte Frau bittet ihn, aus einem Brunnen ein Feuerzeug zu holen. Zum Dank darf er sich die Taschen mit Gold füllen. Und was macht er? Er schlägt „der bösen Hexe“ (Warum böse? Warum Hexe? Außer ihn um einen Gefallen zu bitten, hat sie nichts getan.) den Kopf ab und klaut das Feuerzeug. Dann lebt er in Saus und Braus und ergaunert sich eine Prinzessin. Da hätte ich viel lieber erfahren, was die alte Frau mit dem Zauberfeuerzeug, das ihre Riesenhunde herbeizaubern kann, gemacht hätte.

Herbst.

Welche Bücher mag ich besonders im Herbst?

Natürlich The Hollow von Agatha Christie, eine Liebeserklärung an den Herbst.
Brambley Hedge Autum Story von Jill Barklem.
Fontane geht immer, wobei Frau Jenny Treibel eher ein Frühjahrsbuch ist und der Stechlin natürlich Herbst- und Winterlektüre.

Ansonsten stöbere ich weiterhin mit Freude in offenen Bücherschränken. Meistens schaffe ich es, mehr wegzubringen als mitzunehmen, jetzt hat das nicht geklappt, ein Buch habe ich reingestellt und 4 mit nach Hause genommen, das sind aber welche, die ich einfach noch (mal) lese und dann wieder abgebe.


Oktober

Nochmal mit kurzer Hose draußen gesessen, Betten abgezogen und gelüftet, Wäsche gewaschen und getrocknet, nochmal gegen Tigermückenattacken eingesprüht, noch blühen die Geranien und das Berufkraut, noch reifen Tomaten. Am Rhein rascheln die Silberpappeln im Wind, der Laubwald ist noch voll und wechselt langsam in die Herbstfarben. Natur, Bewusstheit, Alltag, was kann man sonst gegen den Wahnsinn setzen, der sich um uns herum abspielt? Immerhin spielt sich ja auch das andere ab. Die Jahreszeiten, der Kosmos, die Instanz in uns, die uns sagt, wenn etwas nicht recht ist. Die Freude. Trotz allem. Die ewigen Definitionen und Rechtfertigungen, das Ringen ums Gehörtwerden, all das darf auch mal Pause machen. (Wer die Fotos sehen will, unten auf das Dreieck klicken, keine Ahnung, wie wordpress das grad wieder gemacht hat…)

Zwei Wege boten sich im Wald mir dar und ich nahm den, der weniger betreten war. (Walt Whitman)