Manchmal findet eine Zeile den Weg in den Tag und summt herum. Heute ist es eine von Hilde Domin –
„dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“.

25

Ostpreußen

Wut und Zärtlichkeit

Da gibt es ein schönes Lied vom Konstantin, allerdings gibt es auch den heutigen Tag in meinem Leben. Meine Fr…. Die gaußsche Normalverteilung macht wirklich vor nichts halt.

Um bei meinem Leisten zu bleiben: Was hat mich heute gefreut? Schlehenblüte, der erste C-Falter, an der Luft getrocknete Bettwäsche, ein Telefonat, ein intensiver Blick auch wenn es über eine Maske hinweg war, Wasser, Tiamat, der Dackel, der mich beim Hula Hoop Neubeginn angebellt hat, Sand unter den Füßen, mein bequemes Bett, in dem ich auch meine schlaflosen Nächte angenehm verbringe, die Erkenntnis, dass gemeinsames Müdesein auch schön wäre und nun vor dem Licht Ausknipsen noch der Gedanke, dass „Mut und Zärtlichkeit“ ein viel effektiverer Titel ist.

tempImagecrWHT5

Glaubt nicht, dass die große Kraft der Wasser durch so ein bißchen Bojen- Sand und Stromleitungszeug gebannt sei. (Ich weiß, glaubt ihr, stimmt aber nicht. Und wenn sie ausbricht, werdet ihr euch wundern. Ihr macht mich gähnen.)

Tag- und Nachtgleiche

Nach vielen eiskalten Tagen mit Nordostwind, der bis ins Mark gebissen hat, wurde es plötzlich wolkig, feucht und mild, trotzdem brannte mein Feuer so gut wie selten. Zugleich stellte sich ein so tiefes, friedliches Wohlbehagen ein wie es in den letzten Jahren kaum vorkam, Stille, Leere, Fülle, alles auf einmal. Nun heißt es, vom Wollen auch ins Tun kommen. Frühling 2022. Da bist du. Und da bin ich.

IMG-9570

Die Nilgänse und die Kormorane, die Austernfischer und die Kibitze, dazu die Störche. Im März ist ein großes Frühlingsgeschrei. Mein Vater hatte im Sauerland eine Liste gemacht, welche Vögel er beobachtet hat. (Als Kind war das schlimm für mich. Ich sagte zur Tochter der Nachbarn, wir waren beide 3 Jahre alt, „schau mal, eine Amsel“ und sie „bist du blöd, das ist ein Vogel“.) Ich habe auch eine gemacht, das sind die Vögel, die ich gesehen habe, seit ich in Ostfriesland lebe. Am meisten fehlen mir die Kraniche und die Milane. Aber ich werde sie dieses Jahr besuchen.

Blaumeise

Kohlmeise

Haubenmeise

Weidenmeise

Rotkehlchen

Gimpel

Austernfischer

Nilgänse

Buchfink

Zaunkönig

Braunelle

Star

Dohle

Rabenkrähe

Saatkrähe

Amsel

Singdrossel

Buntspecht

Grünspecht

Mittelspecht

Graureiher

Seidenreiher

Bläßhuhn

Kormoran

Teichhuhn

Schwäne

Haubentaucher

Stockenten

Kanadagänse

Graugänse

Rothalsgänse

Lachmöwen

Schwarzkopfmöwen

diese großen Möwen

Sperlinge

Lärchen

Kibitze

Zeisig

Kleiber

Bussard

Falke

Ringeltauben

Türkentauben

Rotschenkel

Brachvogel

Storch

Elstern

Schwanzmeise
Fischadler
Schwarzkehlchen

16. März

72 wärst du heute geworden. Ich denke an dich, während die ersten Falter fliegen und zum ersten Mal die Sonne richtig wärmt. Ich denke an viele Jahre.

William Shakespeare
(from Cymbeline)

Fear no more the heat o’ the sun,
Nor the furious winter’s rages;
Thou thy worldly task hast done,
Home art gone, and ta’en thy wages:
Golden lads and girls all must,
As chimney-sweepers, come to dust.
Fear no more the frown o’ the great;
Thou art past the tyrant’s stroke;
Care no more to clothe and eat;
To thee the reed is as the oak:
The scepter, learning, physic, must
All follow this, and come to dust.
Fear no more the lightning flash,
Nor the all-dreaded thunder stone;
Fear not slander, censure rash;
Thou hast finished joy and moan:
All lovers young, all lovers must
Consign to thee, and come to dust.
No exorciser harm thee!
Nor no witchcraft charm thee!
Ghost unlaid forbear thee!
Nothing ill come near thee!
Quiet consummation have;
And renownèd be thy grave!

IMG-1323

Amseln auf Giebeln

Im März sitzen zum ersten Mal
wieder Amseln auf Giebeln und Dachfirsten
und singen so schön
dass Herzen sich fühlen
wie bröckelnder Zuckerguss.

Immer wieder vergessen sie im Winter
dass es diese Töne
die durch diese duftende Luft dringen
wirklich gibt
und immer wieder
begreifen sie neu
dass es doch so ist.

25608348883_3d304b98cf_o

Trancereise

Nach einer unruhigen Nacht mache ich mich am Morgen mit dem Gesang der Vögel vor dem Fenster auf den Weg zu meinem Ahninnenhaus. An kleinen Mauern entlang wie man sie auf englischen Wiesen und Feldern findet, folge ich dem Ton einer Trommel bis zu einem Zauntritt, steige hinüber, gehe weiter und komme beim Haus an. Es ist das Haus oben im Bild. Vor der Türe sitzt trommelnd Ute Manan Schiran. Ich gehe hinein und finde zu meiner Freude an einem runden Tisch hinter der Türe direkt Sieglinde, Sabine und Susan-Barbara sitzen und umarme sie. Auf der Treppe nach oben und im oberen Stockwerk, es ist nur eine kleine Galerie, sehe ich meine Mutter und viele Frauen aus meiner Familie. Auch viele andere sind da, die ich nicht kenne. Und im Mittelpunkt, bequem an die Wand gelehnt, gegenüber der Tür, sehe ich eine, die heute das erste Mal hier ist. Sie von weit gekommen. Eine halbe Million Jahre durch die Zeit, die Ahnin, die Uralte. Wir wenden uns ihr alle zu, setzen uns um sie, und sie spricht mit Bildern zu uns. Wir sind eine Nuss, die sie im Boden versenkt, tief in die Dunkelheit der Erde. Manche Nuss keimt und wächst zu einem großen Baum auf. Viele andere Nüsse werden angebohrt und Insekten werden aus ihnen geboren. Andere werden einfach gegessen. Ganz deutlich zeigt sie uns, dass es keine Wertung gibt. Der Baum wächst nicht aus einer „guten“ Nuss, die angebohrte Nuss ist nicht weniger als der Baum, die von ihnen zehrenden, Leben gewinnenden, Tiere sind weder gut noch böse. Sie sind. Die Unendlichkeit der Möglichkeiten des Lebens steht klar vor uns und dehnt sich spiralförmig und tanzend bis ins All aus. Ich fühle, wie durch die Reihen meiner leiblichen Ahninnen hinter mir eine Erleichterung weht. Keine hat durch ihr Sein, durch angebliche falsche Entscheidungen, durch Fehler, durch irgendetwas diese Spirale des Lebens gestört. Wir wollen der Uralten danken, ganz respektvoll, da breitet sie die Arme aus und lacht uns so liebevoll an. Wir drängen uns um sie und umarmen sie zu vielen auf einmal. „Meine Kinder“, sagt sie. „Meine Töchter, meine Töchter.“
Als ich das Ahninnenhaus verlasse, sehe ich, links neben der Türe einen Besen lehnen, einen Reisigbesen, den ich mitnehmen soll. Ich trage ihn in der linken Hand den Weg zurück, über den Zauntritt und stelle ihn hier außen links vor die Haustüre. Es ist Zeit durchzufegen.