Lesen.

Ich habe in meinem eigenen Bücherschrank im Agatha Christie Regal „The mystery of the Blue Train“ gefunden und festgestellt, dass ich es nicht kenne. Wie hat es sich dahin manifestiert? Nun lese ich es voller Genuss, ganz langsam und ruhig. Es ist wirklich gut, einer der besten Poirots. Und eine der Hauptfiguren hat etliche Jahre in St Mary Mead gelebt.

Ute Schiran

Leg deine Kleider ab
Und den angeeigneten Geschmack.
Deine Schuhe
und deine Vorstellungen
stell ordentlich zur Seite.
Was du gerne möchtest und
was dir schon immer versagt ist
gib ins Hollunderholzfeuer,
damit es in Rauch aufgehen kann und
dich nicht länger behindert.
Den Schmuck und die
Wichtigkeiten, die du gesammelt hast
im Laufe der Jahre
lass in den Fluss fallen.
Er trägt sie weiter,
dorthin, wo sie keine mehr braucht.
Die guten Gedanken und die schön gefassten Meinungen,
alle Beweise, die du zusammengetragen hast:
überlass sie den ziehenden Wolken.
Die regnen sie ab über Gebieten wo nichts
davon Sinn macht.
Deine Geschichte,
dieses Märchen, das sich durchs Erzählen erhärtet,
streif ab.
Gib sie den Tonen und Erden, den Steinen und dem Muschelkalk:
Die wissen mit Geschichten umzugehen.

Ute Manan Schiran

Ich schaue mein Bücherregal an. Es gab Zeiten mit viel, viel mehr Büchern. Und Zeiten mit weniger Büchern. Der aktuelle Bestand gefällt mir gut. Nichts steht da, weil ein zufälliger Besuch es beeindruckend finden sollte. Da gibt es Bücher, die mich ein Leben lang begleitet haben – manche davon sind schon öfter auseinandergefallen und ersetzt worden, manche halten so gerade noch zusammen und manche sind offensichtlich fast unzerstörbar. Viele Lieblingsbücher habe ich mir für diesen Ort aus offenen Bücherschränken geholt, meine alten stehen am anderen Ort. Ich ziehe keine endlosen Krimireihen, in deren Verlauf die Detektive oder Kommissare immer frömmer werden oder sonstwie erleuchtet, mehr hinter mir her. Es gibt geliebte Bücher, die für mich so kostbar sind und für die ich nichtmal mehr 2 Cent bekäme, wenn ich sie verkaufen wollte. Der Gebrauchtbuchmarkt steht heute auf falten- und knicklos und Farbschnitt. Der Inhalt ist da nicht so wichtig. Bei vielen Büchern sieht man es auch wirklich erst in anderer Umgebung, WIE verschrammelt und zerlesen sie sind. Es gibt durchaus Bücher, die schon mehrfach ersetzt wurden, das unersetzliche „Vier Tage Trubel“ steht in der dritten Ausführung bei mir. Das erste Exemplar bekam ich von meiner Mutter, als ich noch in der Grundschule war (es ist kein Kinderbuch, sondern ein bissig-lustiger englischer Kriminalroman) und sie las es mir vor, als ich mal krank war, und wenn ich es nun, fast 50 Jahre später wieder lese, kann ich ihre Stimme hören. Deutlicher als es bei einer Tonaufnahme der Fall wäre. Und auch mein jetziges drittes Exemplar ist schon wieder total zerfleddert. Die alten, wirklich alten Grimms Märchen oder Peterchens Mondfahrt oder auch Jenseits von Eden halten sich trotz gleicher Lesefrequenz und das über mehrere Generationen sehr wacker. Von Ausbleichen und Krümmungen wollen wir mal nicht reden. Dann gibt es ein paar Bücher, die ich mein Leben lang mitschleppe, weil es Lieblingsbücher sind, obwohl ich nicht weiß, warum. Warum z.B. Effi Briest oder Der Stechlin oder Sayers und Christie meine Lieblingsbücher sind, weiß ich. Warum aber „Der Arzt Gion“, „Wuthering Heights“ oder „Rosinante oder die Liebe zum Meer“ solche Kostbarkeiten sind, könnte ich gar nicht wirklich begründen. Und ich habe eine Schwäche für M.M. Kaye, ja, „Palast der Winde“ und auch die Krimis. 

Wieder mal KI.

Ich hatte neulich Gelegenheit, Einblick in die Lehrerseite eines Nachhilfeinstituts zu nehmen. Wieder mal. Diesmal fand ich spannend, dass die Stunden, also die Übungsaufgaben und deren Lösungen inklusive erklärtem Lösungsweg von der hauseigenen KI vorbereitet werden. So könnte also auch ich Physiknachhilfe geben. Die KI hatte irgendeinen weiblichen Vornamen und das geht dann so: „Liebe Lisl von Possenhofen, bitte erstelle mir 12 Aufgaben zum Thema Spannung und Widerstand inklusive Lösungen und detaillierten Erklärungen. Realschule, Klasse 9.“ Der Kontakt zu dem Institut war kurz, weil die leider die LehrerInnen so schlecht bezahlen, dass ich mir das nicht leisten kann, das wäre eher so was wie Ehrenamt.

Das fiel mir eben wieder ein, als ich für eine Gruppe eine Phantasiereise vorbereiten wollte. Eigentlich hatte ich gedacht, ich suche mal im Internet nach was Hübschem. Dann sprang mich kurz der Gedanke an, das könne doch irgendeine von diesen KIs machen, die jetzt überall unterwegs sind. Und deshalb habe ich nun aus lauter Authentizitätstrotz heraus selber 4 Fantasiereisen aufgeschrieben. Und es hat nicht viel länger gedauert. Es hat Spaß gemacht. Es ist wahrhaftig.

Ein langer Spaziergang auf Wegen, die ich als Kind schon gegangen und vor allem geradelt bin. (Bald will ich endlich mein neues gebrauchtes Rad ausprobieren!) Am Anfang habe ich konkret nachgedacht, was durchaus gut war. Und dann habe ich eine ganze Weile gar nichts gedacht sondern war nur da und ging durch den Frühling, das war sehr gut. In der Gärtnerei am Wege habe ich noch Salbei, Oregano und Minze gekauft. Nachmittags gab es eine Kugel Eis in der Stadt.  Und ich habe alle drei Bände von Christine Brückners Quindts im offenen Bücherschrank gefunden, als ich was hinbrachte. Das freut mich, weil meine erste Ausgabe von einem Kater angepinkelt und meine zweite zum Teil von einem Hund angefressen wurde. Diese steht jetzt sicherheitshalber ganz oben im Regal. Allerdings macht die schwanzlose bezaubernde Katze, die heute auf einmal durch die Terrassentür spazierte, sich aber gleich hinausbegleiten ließ, um dann draußen ein bißchen zu schmusen, nicht den Eindruck als hätte sie etwas gegen Bücher.

Als ich ein Kind war, lag dieser Brunnen mitten in den Feldern und Gärten außerhalb der kleinen Stadt. Jetzt ist er umgeben von Häusern und vielen parkenden Autos. Aber noch immer erreicht man ihn, wenn man den kleinen Berg herunterkommt, noch immer sieht man, wenn man ein Stückchen weitergeht, weite Felder und im Westen die Vogesen, ein Anblick, bei dem mein Herz noch genauso hüpft wie vor 46 Jahren, als meine Beine erstmals lang genug für das Fahrrad meiner Großmutter waren und ich durch die Rheinebene radeln konnte.

Als ich vor fast 8 Jahren (unglaublich, 8 Jahre – Zeit muss einfach eine Form der Vorstellung sein) einen kleinen weißen BMW vom Südwesten des Landes in den Nordwesten fuhr, mit einem ersten Stop beim Badesee nahe der Autobahnkirche am Rastplatz Baden-Baden, einer Übernachtung in Schwetzingen, wo ich den schrägen Typen mit dem netten Hund traf und mühsam abschütteln musste, einem Halt in Bingen, um Hildegard von zu besuchen, machte ich einfach so mal das Radio bzw. die CD an, die eingelegt war. Und es kam dieses Lied, das mich seitdem begleitet hat:

https://www.youtube.com/watch?v=s7rl2V-DXT4

Hier der Text:

I am a wanderer, feet on the ground
Heart on my sleeve and my head in the clouds
I own the star above some distant shore
Wandering ever more

I am a refugee torn from my land
Cast off to travel this world to it’s end
Never to see my proud mountains again
But I still remember them

I am a labourer, sign round my neck:
„Will work for dignity, trust and respect“
Stand on this corner so you don’t forget
I haven’t had mine yet

I am a prisoner pacing my cell
Three steps and back, my corner of hell
Lock me away and you swallow the key
But some day I shall be free

And I’ll be a wanderer, feet on the ground
Heart on my sleeve and my head in the clouds
I own the star above some distant shore
Wandering ever more



Frühlingsanfang

Heute zum Frühlingsanfang gibt es hier den ersten Sommertag. Es ist fast heiß draußen. Überall zwitschern und summt es, der alte Apfelbaum atmet tief ein und überlegt, seine Knospen zu öffnen. Die Bussarde tummeln sich in der Luft über dem Hang, kreisen und rufen.

Ich habe heute einen Text von Ute Schiran gefunden, den ich noch nicht kannte. Darin sagt sie unter anderem:

„Wenn eine zum Beispiel eine ist, die sich selbst oder die von anderen als “depressiv” einstuft/eingestuft wird, gebührt ihr Respekt für die Körperweisheit, die sie in sich trägt. Die liegt vielleicht unter und in diesem Phänomen, das hierzulande Depression genannt wird. Respekt vor ihrem Weg statt sie davon kurieren zu wollen. Die dunklen Zonen, die nebeligen Landschaften, die Schluchten und Krater, die Landstriche des Schweigens, des Tauchens, dort wo kein Laut hinfindet, gehören mit zu den Welten. Statt daraus heraus zu wollen, statt eine mit allen Mitteln da heraus heilen zu wollen: Wie wäre es, diese Landschaften zu ergründen, ohne die es keine Höhen, keine Flussufer, keine fruchtbaren Felder, kein lebendiges Sprechen, kein Aufsteigen gibt?!“

Das finde ich, wie alles von Ute Schiran, sehr bedenkenswert.

Die zweite Tasse Kaffee in der Hand schaue ich in den noch kahlen Strauch im Garten, der im kalten Märzwind ein bißchen schaukelt.

Darin sitzen 11 Spatzen, ganz ruhig. Das ist selten, in der Spatzengang ist immer Bewegung.
Nach einigen Minuten macht es Wusch und sie sind auf ein für mich nicht wahrnehmbares Signal hin im dichten, immergrünen Busch daneben verschwunden.

Und die Frage, was mir lieber wäre, der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Ich finde die Lösung ganz charmant: Den Spatz in der Hand und die Taube auf der Schulter:

Die Bilder sind übrigens aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Paris. Das war eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Leben.

Worauf die Augen ruhen.

Als ich als junger Teenager die Phase der schlimmen Angst hatte, half ich mir durch die dunkelsten Zeiten, indem ich Dinge anschaute, die einen wohltuenden Einfluss auf meine Seele hatten. Hier eine Auswahl:
*das rote Futter mit winzigen Weihnachtsmotiven darauf in meinen Schwarzwälder Strohschuhen
*die Zeichentrickserie „Dr. Snuggles“
*der Getränkeautomat in der Pausenhalle des Gymnasiums (da gehörte der Geruch nach einer Mischung aus heißer Vanillemilch, Kakao und Brühe dazu)
*das Dach einer Futterkrippe im Wald, auf dem ich gerne saß (und natürlich der ganze Wald)
*der Blick vom Balkon vor meinem Zimmer, von Osten bis Westen und zentral – eine große Eiche unten auf der anderen Seite des Bachs, dahinter weite Wiesen
*die lieben Hände meiner Mutter
*meine Blockflöten und meine Finger beim Spielen

Heute genieße ich es noch immer, obwohl diese Ängste seit so vielen Jahren Vergangenheit sind, bewusst beruhigende und liebe Dinge anzuschauen. Man kann nicht immer nur ins Weltgeschehen starren wie in die Bilder von Bosch und Bruegel (dem Älteren), manchmal (und oft) braucht es Bilder von Cicely Mary Barker (ja, das ist die mit den Pflanzen und den Feen), Mary Hagarty, Hedwig Tegnér, Harald Prinz, Ben Viegers oder Anne Cotterill, um ein paar zu nennen. Und so wenden wir uns immer wieder der Natur zu, den Büchern und schönen Winkeln in der eigenen Wohnung und den Gesichtern unserer Lieben.

In der letzten Zeit beobachte ich verstärkt, wie sehr die KI in allen Bereichen überhand nimmt. So werden z.B. massenhaft sogenannte Kinderbücher per KI erstellt und als book on demand vertrieben. Leute, ein Buch, das daraus entsteht, dass eine künstliche Intelligenz dazu aufgefordert wird, einen passend illustrierten Text über ein Kind, das eine Raupe trifft und mit ihr Abenteuer erlebt (oder was auch immer), ist kein Buch, das ist ein seelenloses Machwerk.

Ebenso, wahrscheinlich habe ich was Falsches angeklickt oder zu lange raufgeschaut, bekomme ich dauernd Werbung rein, in der man in 2 Stunden oder 2 Tagen Heiler/Therapeut wird oder Millionär, wenn man ein Buch über einen Hund liest. Ganz abgesehen von den Jobangeboten, bei denen man auf social media kommentieren, chatten oder vorgegebene Sätze und Bilder posten soll. (Das sind dann die positiven und begeisterten Kommentare unter den Werbepostings.)

Da ich ja gerade wieder mit Louise L. Hay arbeite, hier ein paar Affirmationen:

Ich treffe wahre Menschen.
Ich bin mit der Erde und den Ahnen verbunden.
Ich bin von Wahrhaftigkeit umgeben.