Winter.

Es ist eisigwinterkalt im Sauerland. Wir sind heute unter einem hellen Wolkenhimmel nach Süden gefahren, um wieder hier anzukommen. Nun knirscht und knackt Väterchen Frost mit -11 Grad ums Mobilheim und am Himmel leuchten die Wintersterne. Um uns aufzuwärmen wollten wir Linsensuppe kochen und haben erst beim in-den-Topf-Kippen gemerkt, dass es es keine Linsen waren sondern gelbe Schälerbsen. Es hat trotzdem gut geschmeckt und wir haben gelacht. Im Bett liegt der warme Ziegelstein, nein, eine Wärmflasche, das Kissen, das im Auto mitgefahren ist, lehnt an der Heizung.

Effi Briest. Fontane.

Ich schwelge in einer meiner großen literarischen Lieben. Wahrscheinlich könnte ich Effi Briest im Wortlaut nacherzählen. Und trotzdem lese ich dieses Buch mindestens einmal im Jahr, meist öfter, seit fast 40 Jahren. Und zwischendrin höre ich es gerne als Hörbuch (gelesen von Hans Hafen auf librivox). Im Prinzip mag ich den Stechlin noch mehr und oft auch Frau Jenny Treibel. Aber Effi ist halt meine erste große Fontane-Liebe. Ok, nach den Balladen.

2025

Hallo, neues Jahr. Ich sitze nach einer ziemlich ruhigen Nacht, die Böllerei im Sauerland war mäßig, mit der zweiten Tasse Kaffee im Wintergarten und freue mich, dass alle Vögel da sind, die kleinen in den Hecken und an den Knödeln (ohne Netz, damit niemand hängen bleibt), die Krähe auf ihrem Ausguck.

Eben las ich wieder einmal, es habe ja noch nie Frieden auf der Erde gegeben, nur im Paradies und das sei sehr kurz gewesen. Den Garten Eden lasse ich jetzt mal weg, denn die Geschichte spielt ja schon deutlich in der Zeit nach dem Frieden:

Es gab ca. 500.000 Jahre Frieden, obwohl es Menschen gab, nämlich die Zeit, als die Menschen in ihrer bio-logischen, natürlichen Art, dem Matrifokal, lebten. Kriege, Machtgehabe, Hierarchien, Menschenhandel etc. gibt es erst seit ca. 6.500 Jahren (und es wird stetig schlimmer), nämlich seit Beginn des Patriarchats.

Da wir uns nicht zurückbeamen können, hier ein Wunsch zu diesem jungen Jahr, natürlich mit den Worten von Theodor Fontane:

Du neues Jahr, o woll′ auch das noch geben,
Das Eine noch, das uns allein noch fehlt:
Laß jenen Ölzweig zu uns niederschweben,
Auf den ein jedes Herz jetzt hofft und zählt,
Zu allem, was das alte Jahr beschieden,
Du neues Jahr, o gib uns Frieden, Frieden!

Was können wir tun, damit es unseren Kindern gut geht? Irgendwann loslassen und vertrauen, dass das, was wir gesät haben, immer noch eine Chance hat. Sie lieben und immer sehen, wie wunderbar sie sind. Und auch aus dem eigenen Kindsein: Entwicklung geht immer. Mein Vater und ich sind einander so nahe wie seit meiner Grundschulzeit nicht mehr. Eltern entwickeln sich. Kinder entwickeln sich. Ich liebe meine Kinder über alles. Und meinen Vater auch. Meine Mutter sowieso. Seit 9657 Tagen ist sie tot. Mama.

Die Nebelglocke, die uns seit Wochen einschließt, hat sich heute Vormittag kurz gehoben, Sonne und blauer Himmel und sogar die andere Seite des Sees waren zu sehen. Nun kommt neuer Nebel. Ich komme mir schon vor wie in Nebelheim (Walter Moers, Zamonien).

Weihnachten


Zwischen dem Irrsinn in der Welt und den kitschigen Besinnlichkeitswünschen ist mir eine Geschichte aus dem Buch „Der fliegende Teppich“ von James Krüss eingefallen. Das Buch begleitet mich seit fast 50 Jahren.

Der rasende Marzipanbäcker

von James Krüss 

Es war im Ersten Weltkrieg, als sich in den Schützengräben Frankreichs ein deutsches Regiment, hauptsächlich Berliner, und ein französisches Regiment, ausnahmslos dunkelhäutige Algerier, gegenüberlagen. Am 24. Dezember 1917, dem Tag, an dem die Christen in aller Welt den Heiligen Abend feierten, herrschte, ohne daß es besonderer Abmachungen bedurft hätte, Waffenruhe auf beiden Seiten der Front. 
Deutsche wie Franzosen zollten dem heiligen Fest ihren Respekt. Jene AIgerier aber, denen das Berliner Regiment gegenüberlag, waren Mohammedaner. Ihnen bedeutete der 24. Dezember nichts. Sie kannten kein Weihnachtsfest. 
Auch hatte die französische Heeresleitung versäumt, sie darüber zu unterrichten, daß an diesem Tag nach stillschweigendem Übereinkommen die Waffen zu schweigen pflegten. So knallten und ballerten die algerischen Artilleristen wie jeden Tag aus purer Unkenntnis auf die deutschen Linien los. Das deutsche Regiment, empört über die Mißachtung des ungeschriebenen Gesetzes, ballerte zornig zurück. Das sorgfältig ausgeübte Umbringen von Menschen mittels Pulver, Feuer, Metall und Mathematik, das man Krieg nennt, nahm auf diese Weise auch am Heiligen Abend seinen blutigen Fortgang. 
Nun war in einem der vordersten deutschen Gräben ein Berliner Konditor namens AIfred Kornitzke damit beschäftigt, Marzipan für seine Kompanie herzustellen. Das Grabenstück, in dem er hingebungsvoll Mandeln kleinhackte, war gegen Einschläge der feindlichen Artillerie ziemlich abgesichert. Aber die Detonationen der in der Umgebung einschlagenden Granaten behinderten den Konditor erheblich in seiner Arbeit. Da er die Mandeln mangels einer Mandelmühle mit einem eigens feingeschliffenen Seitengewehr zerhackte, schnitt er sich bei der plötzlichen Erschütterung durch eine berstende Granate in die linke Hand und mußte mit einem störenden dicken Verband weiterwerkeln. Wenig später verlor er einen Teil des kostbaren, mühevoll beschafften Rosenwassers, als die Karaffe bei einem besonders lauten Knall einen Sprung bekam. Das Rosenwasser mußte in leere Konservendosen umgefüllt werden. 
Am schlimmsten aber war, daß der kleine dicke Konditor ständig um die Flamme des Petroleumkochers fürchten mußte, da für die Marzipanherstellung ein gleichmäßig brennendes Feuer von Wichtigkeit ist. 
Gerade in dem Augenblick, als Kornitzke den Topf auf die Flamme setzte, um bei gleichmäßiger Wärme die Masse gleichmäßig rührend in edles Marzipan zu verwandeln, riß die Erschütterung einer sehr nahen Detonation ihm den Holzlöffel aus der Hand, die Flamme ging mit einem Schnalzlaut aus, und der Topf wäre unweigerlich umgekippt und ausgelaufen, wenn der Konditor ihn nicht, seinen Verband als Topflappen benutzend, aufgefangen hätte. 
„Jetzt reicht’s mir aber!“ brüllte der in seiner sorgfältigen Arbeit wieder einmal gestörte Konditor. „Diese Knallköppe von Mohammedanern haben nich mal vor ’n orntlich ausjebildeten Berliner Zuckateichkünstla Respekt!“ „Aber Alfred“, belehrte ihn ein Kamerad, „wie solln denn die Mohammedanischen wissen, det wir heute Weihnachten feiern und Marzipan machen? Det kenn’n die doch nich!“ 
Wieder gefährdete eine Detonation den Topf mit seinem kostbaren Inhalt. Wieder mußte Alfred Kornitzke ihn auffangen, und jetzt geriet er in förmliche Raserei. 
Det kenn’n die nich?“ brüllte er. „Hast du ’ne Ahnung, Teuerster! Det Rosenwasser kommt ja von die Orientalen.“ 
„Aber Weihnachten kenn’n die nich, Alfred, det is det Malöhr!“ 
Wieder ein fürchterlicher Knall, wieder eine Erschütterung, wieder war das Werk des Zuckerteigkünstlers in Gefahr. 
Jetzt war in dem kleinen Dicken kein Halten mehr. „Det reicht mir, Jeschäftsfreunde!“ tobte er in Richtung auf die gegnerischen Linien. „Weihnachten is Weihnachten, und Marzipan is Marzipan. Ick laß mir det nich von euch vermiesen. Da schieb ick jetzt ’n Riegel oder vielmehr ’n Tannboom vor!“ Ehe seine Kameraden ihn begriffen, hatte der rasende Konditor, der selbst hier an der Front eine Bäckermütze trug, einen kleinen kerzenbesteckten Tannenbaum gepackt und war mit ihm über den Grabenrand aufs freie Feld gehechtet, das die feindliche Linie in der sternklaren Nacht vollständig einsehen und mit Feuersalven bestreichen konnte. 
Die hinter schmalen Schießscharten postierten deutschen Beobachter glaubten, ihren Augen nicht trauen zu können, als sie plötzlich einen deutschen Soldaten, der eine Bäckermütze trug, mit einem Tannenbaum auf die feindlichen Schützengräben zulaufen sahen. Feldtelefone und Morsegeräte begannen zu läuten oder zu ticken, eine unglaubliche Meldung sprang von Kommandostelle zu Kommandostelle durch das vielverzweigte Grabensystem, und unter den Soldaten, die nur Bruchstücke der Meldung aufschnappten, entstanden die wildesten Gerüchte. Das einzig greifbare im Durcheinander der Erkundigungen, Gerüchte und hin- und herflitzenden Nachrichten war der Befehl des Regimentskommandeurs, das Feuer sofort einzustellen. 
Nun verwirren im Kriege ungewöhnliche Vorkommnisse Freund wie Feind gleichermaßen. Für die algerischen Schützen und Artilleristen war ein Soldat mit einer Bäckermütze und einem Baum mit Kerzen in der Hand eine Sache, über die keine Dienstvorschrift Anweisungen gab. Das Ding war zu verrückt, um darauf zu schießen, und viel zu ulkig, um es bedrohlich zu finden. Man schoß ganz einfach nicht auf Alfred Kornitzke. Man sah ihm ratlos zu, bis nach einer Weile auch in den französischen Linien Telefone zu läuten und Morseapparate zu ticken begannen. Dabei erfuhren die Algerier plötzlich auch von der allgemeinen Waffenruhe während der Weihnachtsfeiertage und stellten ebenfalls das Feuer ein. 
Alfred Kornitzke war inzwischen ein ganzes Stück vorwärtsmarschiert. Nun blieb er stehen, schätzte die Entfernung zwischen den Fronten ab, fand, daß er etwa in der Mitte zwischen den feindlichen Linien sei, ebnete den Boden mit einer Schuhspitze, stellte das Tannenbäumchen sorgfältig hin, holte in aller Seelenruhe die Streichhölzer, die für den Petroleumkocher bestimmt waren, aus seiner Uniformtasche und steckte, da es eine windstille, frostklare Nacht war, Kerze um Kerze an. 
Gerade in dem Augenblick, in dem das ganze Bäumchen festlich strahlte, stellte die feindliche Artillerie ihr Feuer ein. Es war plötzlich unheimlich still, und in diese Stille hörte man auf beiden Seiten Alfred Kornitzke brüllen: „Na also, ihr Dösköppe, jetzt wißt ihr, wat los is! Fröhliche Weihnachten!“ Dann marschierte er wieder zu den deutschen Linien und turnte zurück in den Graben, wo man ihn lachend und händeschüttelnd empfing. 
„Als der AIte zuerst von deinem Alleingang gehört hat, wollte er dich einbunkern“, hörte er sagen. Jetzt überlegt er, ob er dich für einen Orden vorschlagen soll.“ 
„Er soll mich mein Marzipan machen lassen“, sagte der Konditor, eilte an seinen Topf, zündete wieder den Petroleumkocher an, begann gleichmäßig rührend mit der Marzipanherstellung und erklärte seinen andächtigen Zuschauern, er würde, wenn er wieder ins Zivilleben zurückkehre, Heidenapostel werden. „lck weeß nun, wie man det macht!“ fügte er hinzu. 
Das Bäumchen zwischen den Linien strahlte noch lange und gab den Militärseelsorgern willkommenen Stoff für die Weihnachtspredigt am nächsten Tag.

Auf diese Weise kam die Geschichte vom Weihnachtsbaum im Niemandsland in viele erbauliche Kalender, und der rasende Marzipanbäcker Alfred Kornitzke wurde zu einem frommen Helden, der er in Wahrheit nie gewesen ist.

Dunkel und nass wechselt sich ab mit dunkel, nass und windig. Als stecke man in einem Sack. Ich habe mir den ersten Teil der „Fionavar“ Trilogie von Guy Gavriel Kay als E-Book gekauft, weil ich nicht warten möchte, bis ich die Bücher im Januar wiederhabe. Schon in den 80ern bin ich gerne in diese Welt eingetaucht.

“Winter was coming.” (The wandering Fire)


Dieses Jahr ist es dunkler als je zuvor, habe ich den Eindruck. Noch eine Woche bis zur Sonnwende und dann geht es aufwärts:

„An Weihnachten um an’ Muggenschritt,
an Neujahr um an’ Hahnentritt,
Dreikönig um an’ Hirschensprung,
an Lichtmeß um a ganze Stund.“ 

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Die Amaryllis trödelt.