Wieder mal KI.

Ich hatte neulich Gelegenheit, Einblick in die Lehrerseite eines Nachhilfeinstituts zu nehmen. Wieder mal. Diesmal fand ich spannend, dass die Stunden, also die Übungsaufgaben und deren Lösungen inklusive erklärtem Lösungsweg von der hauseigenen KI vorbereitet werden. So könnte also auch ich Physiknachhilfe geben. Die KI hatte irgendeinen weiblichen Vornamen und das geht dann so: „Liebe Lisl von Possenhofen, bitte erstelle mir 12 Aufgaben zum Thema Spannung und Widerstand inklusive Lösungen und detaillierten Erklärungen. Realschule, Klasse 9.“ Der Kontakt zu dem Institut war kurz, weil die leider die LehrerInnen so schlecht bezahlen, dass ich mir das nicht leisten kann, das wäre eher so was wie Ehrenamt.

Das fiel mir eben wieder ein, als ich für eine Gruppe eine Phantasiereise vorbereiten wollte. Eigentlich hatte ich gedacht, ich suche mal im Internet nach was Hübschem. Dann sprang mich kurz der Gedanke an, das könne doch irgendeine von diesen KIs machen, die jetzt überall unterwegs sind. Und deshalb habe ich nun aus lauter Authentizitätstrotz heraus selber 4 Fantasiereisen aufgeschrieben. Und es hat nicht viel länger gedauert. Es hat Spaß gemacht. Es ist wahrhaftig.

Ein langer Spaziergang auf Wegen, die ich als Kind schon gegangen und vor allem geradelt bin. (Bald will ich endlich mein neues gebrauchtes Rad ausprobieren!) Am Anfang habe ich konkret nachgedacht, was durchaus gut war. Und dann habe ich eine ganze Weile gar nichts gedacht sondern war nur da und ging durch den Frühling, das war sehr gut. In der Gärtnerei am Wege habe ich noch Salbei, Oregano und Minze gekauft. Nachmittags gab es eine Kugel Eis in der Stadt.  Und ich habe alle drei Bände von Christine Brückners Quindts im offenen Bücherschrank gefunden, als ich was hinbrachte. Das freut mich, weil meine erste Ausgabe von einem Kater angepinkelt und meine zweite zum Teil von einem Hund angefressen wurde. Diese steht jetzt sicherheitshalber ganz oben im Regal. Allerdings macht die schwanzlose bezaubernde Katze, die heute auf einmal durch die Terrassentür spazierte, sich aber gleich hinausbegleiten ließ, um dann draußen ein bißchen zu schmusen, nicht den Eindruck als hätte sie etwas gegen Bücher.

Als ich ein Kind war, lag dieser Brunnen mitten in den Feldern und Gärten außerhalb der kleinen Stadt. Jetzt ist er umgeben von Häusern und vielen parkenden Autos. Aber noch immer erreicht man ihn, wenn man den kleinen Berg herunterkommt, noch immer sieht man, wenn man ein Stückchen weitergeht, weite Felder und im Westen die Vogesen, ein Anblick, bei dem mein Herz noch genauso hüpft wie vor 46 Jahren, als meine Beine erstmals lang genug für das Fahrrad meiner Großmutter waren und ich durch die Rheinebene radeln konnte.

Als ich vor fast 8 Jahren (unglaublich, 8 Jahre – Zeit muss einfach eine Form der Vorstellung sein) einen kleinen weißen BMW vom Südwesten des Landes in den Nordwesten fuhr, mit einem ersten Stop beim Badesee nahe der Autobahnkirche am Rastplatz Baden-Baden, einer Übernachtung in Schwetzingen, wo ich den schrägen Typen mit dem netten Hund traf und mühsam abschütteln musste, einem Halt in Bingen, um Hildegard von zu besuchen, machte ich einfach so mal das Radio bzw. die CD an, die eingelegt war. Und es kam dieses Lied, das mich seitdem begleitet hat:

https://www.youtube.com/watch?v=s7rl2V-DXT4

Hier der Text:

I am a wanderer, feet on the ground
Heart on my sleeve and my head in the clouds
I own the star above some distant shore
Wandering ever more

I am a refugee torn from my land
Cast off to travel this world to it’s end
Never to see my proud mountains again
But I still remember them

I am a labourer, sign round my neck:
„Will work for dignity, trust and respect“
Stand on this corner so you don’t forget
I haven’t had mine yet

I am a prisoner pacing my cell
Three steps and back, my corner of hell
Lock me away and you swallow the key
But some day I shall be free

And I’ll be a wanderer, feet on the ground
Heart on my sleeve and my head in the clouds
I own the star above some distant shore
Wandering ever more



Frühlingsanfang

Heute zum Frühlingsanfang gibt es hier den ersten Sommertag. Es ist fast heiß draußen. Überall zwitschern und summt es, der alte Apfelbaum atmet tief ein und überlegt, seine Knospen zu öffnen. Die Bussarde tummeln sich in der Luft über dem Hang, kreisen und rufen.

Ich habe heute einen Text von Ute Schiran gefunden, den ich noch nicht kannte. Darin sagt sie unter anderem:

„Wenn eine zum Beispiel eine ist, die sich selbst oder die von anderen als “depressiv” einstuft/eingestuft wird, gebührt ihr Respekt für die Körperweisheit, die sie in sich trägt. Die liegt vielleicht unter und in diesem Phänomen, das hierzulande Depression genannt wird. Respekt vor ihrem Weg statt sie davon kurieren zu wollen. Die dunklen Zonen, die nebeligen Landschaften, die Schluchten und Krater, die Landstriche des Schweigens, des Tauchens, dort wo kein Laut hinfindet, gehören mit zu den Welten. Statt daraus heraus zu wollen, statt eine mit allen Mitteln da heraus heilen zu wollen: Wie wäre es, diese Landschaften zu ergründen, ohne die es keine Höhen, keine Flussufer, keine fruchtbaren Felder, kein lebendiges Sprechen, kein Aufsteigen gibt?!“

Das finde ich, wie alles von Ute Schiran, sehr bedenkenswert.

Die zweite Tasse Kaffee in der Hand schaue ich in den noch kahlen Strauch im Garten, der im kalten Märzwind ein bißchen schaukelt.

Darin sitzen 11 Spatzen, ganz ruhig. Das ist selten, in der Spatzengang ist immer Bewegung.
Nach einigen Minuten macht es Wusch und sie sind auf ein für mich nicht wahrnehmbares Signal hin im dichten, immergrünen Busch daneben verschwunden.

Und die Frage, was mir lieber wäre, der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Ich finde die Lösung ganz charmant: Den Spatz in der Hand und die Taube auf der Schulter:

Die Bilder sind übrigens aus dem Jahr 2011, aufgenommen in Paris. Das war eine andere Zeit, eine andere Welt, ein anderes Leben.

Worauf die Augen ruhen.

Als ich als junger Teenager die Phase der schlimmen Angst hatte, half ich mir durch die dunkelsten Zeiten, indem ich Dinge anschaute, die einen wohltuenden Einfluss auf meine Seele hatten. Hier eine Auswahl:
*das rote Futter mit winzigen Weihnachtsmotiven darauf in meinen Schwarzwälder Strohschuhen
*die Zeichentrickserie „Dr. Snuggles“
*der Getränkeautomat in der Pausenhalle des Gymnasiums (da gehörte der Geruch nach einer Mischung aus heißer Vanillemilch, Kakao und Brühe dazu)
*das Dach einer Futterkrippe im Wald, auf dem ich gerne saß (und natürlich der ganze Wald)
*der Blick vom Balkon vor meinem Zimmer, von Osten bis Westen und zentral – eine große Eiche unten auf der anderen Seite des Bachs, dahinter weite Wiesen
*die lieben Hände meiner Mutter
*meine Blockflöten und meine Finger beim Spielen

Heute genieße ich es noch immer, obwohl diese Ängste seit so vielen Jahren Vergangenheit sind, bewusst beruhigende und liebe Dinge anzuschauen. Man kann nicht immer nur ins Weltgeschehen starren wie in die Bilder von Bosch und Bruegel (dem Älteren), manchmal (und oft) braucht es Bilder von Cicely Mary Barker (ja, das ist die mit den Pflanzen und den Feen), Mary Hagarty, Hedwig Tegnér, Harald Prinz, Ben Viegers oder Anne Cotterill, um ein paar zu nennen. Und so wenden wir uns immer wieder der Natur zu, den Büchern und schönen Winkeln in der eigenen Wohnung und den Gesichtern unserer Lieben.

In der letzten Zeit beobachte ich verstärkt, wie sehr die KI in allen Bereichen überhand nimmt. So werden z.B. massenhaft sogenannte Kinderbücher per KI erstellt und als book on demand vertrieben. Leute, ein Buch, das daraus entsteht, dass eine künstliche Intelligenz dazu aufgefordert wird, einen passend illustrierten Text über ein Kind, das eine Raupe trifft und mit ihr Abenteuer erlebt (oder was auch immer), ist kein Buch, das ist ein seelenloses Machwerk.

Ebenso, wahrscheinlich habe ich was Falsches angeklickt oder zu lange raufgeschaut, bekomme ich dauernd Werbung rein, in der man in 2 Stunden oder 2 Tagen Heiler/Therapeut wird oder Millionär, wenn man ein Buch über einen Hund liest. Ganz abgesehen von den Jobangeboten, bei denen man auf social media kommentieren, chatten oder vorgegebene Sätze und Bilder posten soll. (Das sind dann die positiven und begeisterten Kommentare unter den Werbepostings.)

Da ich ja gerade wieder mit Louise L. Hay arbeite, hier ein paar Affirmationen:

Ich treffe wahre Menschen.
Ich bin mit der Erde und den Ahnen verbunden.
Ich bin von Wahrhaftigkeit umgeben.


Was mich gerade bewegt?

Abgesehen davon dass „Durchhalten statt durchdrehen“ ein gutes Motto ist, der „Politik“ zu begegnen, lese ich mal wieder Louise L. Hay und arbeite mich ganz ernsthaft durch ihr gelbes Büchlein, das ich seit fast 30 Jahren kenne. Eben habe ich einen Bericht über Hospizarbeit gesehen und denke, es ist eine Schande, dass so viel an Ehrenamtlichen und Unterbezahlten hängt, während für Kriege und ähnliche Dreibastigkeiten Summen in unvorstellbarer Höhe einfach rausgeschmissen werden. Außerdem gibt es Millionen von Gänseblümchen, der Löwenzahn fängt schon an zu blühen und ich habe heute richtig geackert, um die Pflanztröge mit Rankhilfe der Vormieterin zu leeren. Der Anhänger wird ganz schön voll, wenn wir zur Deponie fahren. Immerhin konnte ich einige Rosenkäferlarven bergen und etliches an Hauswurz umsetzen. In den Krokussen, Schlüsselblumen und der Christrose summt es, und die Besuchskatzen auf der Terrasse erfreuen uns jeden Tag. Der schwarzweiße Kater liebt die Fußmatte und macht hier regelmäßig ein Nickerchen in der Sonne und die Katze, die vor Jahren bei einem schrecklichen Unfall ihren Schwanz verloren hat, wollte mir heute schon auf den Schoß springen.

Der erste Zitronenfalter, die ersten Bienen, ich stelle Primeln vor die Türe, drinnen erfreut uns ein Tulpenstrauß. Februar. Monat der Verheißungen. Heute wollten wir eigentlich nach Frankreich fahren, haben uns dann aber umentschieden und waren im Schuttertal. Gut entschieden, Mulhouse wäre z.B. ungünstig gewesen. Ich habe den ersten Zitronenfalter gesehen und mag mal wieder Mascha Kaleko:

Rezept
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Also werde ich morgen mal wieder fegen und mich weiter an Wunder halten.

Noch bin ich nicht 55, das ist erst um 12.05 Uhr so weit, so dass ich mit Wasserfrau und Zwilling als Aszendent das doppelte Luftzeichen bekam. Vor 55 Jahren hat meine Mutter vielleicht noch geschlafen, vielleicht ging es ihr aber auch wie mir vor den Geburten, ich musste aufs Klo, hatte das Bedürfnis zu duschen, mir die Haare zu waschen, dann nochmal zu schlafen. Irgendwann ist sie dann, nachdem die Fruchtblase geplatzt war, zu Fuß (was man auf keinen Fall tun sollte, bitte nur liegend abtransportieren lassen) im frostigen, glatteisigen Gelsenkirchen zum Krankenhaus gelaufen, wo man sie irgendwann in den Kreißsaal gelassen und gegen Ende der Geburt noch betäubt hat, so dass sie nur noch murmeln konnte „auch das noch“, als man ihr sagte, ich sei ein Mädchen. Mein Vater ging am Morgen fröhlich in die Schule wie immer, und erst als am Ende des Unterrichts zuhause kein Essen gerichtet war, fiel ihm ein, dass da ja noch was gewesen war. Er eilte ins Krankenhaus, bekam mich, getrennt durch eine Glasscheibe gezeigt, war entsetzt („Ich dachte, du bist ein alter Chinese oder ein ganz junger Affe.“), wollte mich die ganzen 3 Wochen, die ich (untergewichtiges Kind einer starken Raucherin) noch dortbleiben musste, nicht mehr sehen und tat den überlieferten Stoßseufzer, als ich nach Hause kam: „Die ist ja doch ganz hübsch.“ Komischerweise habe ich dann doch eine ganz schöne Kindheit gehabt und war bestimmt eins der am meisten geliebten Kinder auf dieser Erde. Und auch 55 Jahre später bin ich eine glückliche Frau, trotz allem Chaos um uns herum. Das Leben ist schon eine wunderbare Sache.