post flu

Ich hatte die Grippe und war 10 Tage lang wie aus der Welt genommen. Was mir gut getan hat, der Welt vielleicht auch. Sie könnte viel mehr herausgenommene und innehaltende Menschen sicher gut vertragen. Ich hatte, nachdem die Schmerzen und das hohe Fieber vergangen waren, das klare Gefühl einer Gelegenheit, die ich nutzen kann und will. Eine Hier und Jetzt Blase, in der nichts zum Ablenken war. Besinnen. Sein. Atmen. Träumen. Das, was ich tun konnte (wenig war es, ab und zu, so ab dem 5. Tag ein Wort schreiben, ein paar Zeilen lesen, immer wieder einschlafend ein bißchen meditieren), ganz tun, ohne ständig den Kopf nach anderen Aktivitäten zu drehen. Fragen und Ahnungen stellten sich ein. 

War wirklich meine Hauptaktivität in den letzten Monaten die auf Facebook? Mich darüber aufzuregen, was wildfremde Menschen an Blödsinn ins Internet schreiben und mich mit ihnen darüber zu streiten? (Nein, war es nicht, ich habe schließlich zuhause auch gelebt, ich habe gearbeitet, ich habe gelesen, aber: Es war ein großer Anteil meiner Freizeit, der bei Facebook versickert ist.) Will ich direkt wieder, sobald ich wieder aufrecht stehen kann, losrasen und ein mehrtägiges Projekt bei der Arbeit stemmen, nur weil ich die flexible Springerin bin? Vielleicht bin ich vor lauter Flexibilitätsanspruch schon ganz gefangen. Will ich Mitfrau bei Terre des Femmes sein, wenn die die Väterrechtler am Frauentag mit Preisen ehren? Will ich eine neue Seminar- und Workshopreihe ersinnen und anbieten? Ich kann nicht mal das Wort Workshop so richtig gut leiden. Will ich dafür sorgen, dass die neue Patriarchatskritik Facebookgruppe nicht zu viel Verwirrung in der Sache anrichtet? (Das ging schnell: Ich habe die Gruppe einfach verlassen: Warum sollte ich mich gezwungen sehen, eine Gruppe, die eine mir unbekannte Person gründet, immer wieder in die richtige Richtung zu lenken? So könnte man mich ja leicht beschäftigen und völlig wirkungslos werden lassen.) 

Das Buch, das mich während der Krankheit am meisten beeindruckt hat: „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, es fasste meine Gedankenfäden irgendwie mit auf, genau wie Luisa Francia wieder mal mit ihrem Blog auf www.salamandra.de. Wir tun unspektakuläre Dinge an unspektakulären Orten, verbinden uns mit Leben, das in diesen Formen von unserer derzeitigen Gesellschaft gar nicht wahrgenommen oder erkannt wird, weben die Fäden der Alten und bestärken trotzdem unsere jungen Leute in ihren Demonstrationen für Erde und Klima, gewebt wird auf vielen Ebenen. („Die Fäden der Alten“, ja, ich weiß, dass ich nicht alt bin, aber die Junge und auch die Mutter sind, abgesehen davon, dass alle 3 Formen immer in jeder Frau leben, definitiv nicht mehr die, die bei mir im Vordergrund stehen, das hat mit alt sein oder sich alt fühlen, gar nichts zu tun, es geht eher um Sichtweisen und Prioritäten.) 

Eine kleine Reise, auf die ich mich seit Monaten gefreut hatte, fiel grippebedingt aus, und nicht einmal das hat mich gestört oder empört. Jetzt, wo ich es schreibe, fällt mir auf, dass ich offensichtlich in einem „The Work“ Zustand in Reinform war. Was ist, ist. Kein Widerstand, kein, „Ich sollte, andere sollten“, es war komplett friedlich in mir. Wenn das in Krankheit möglich ist, sollte es ja bei Gesundheit auch möglich sein. In dieser Friedlichkeit wieder ins Tun kommen, das ist mein nächster Schritt. 

Die ganze Zeit haben übrigens zwei meiner Katzen mich begleitet und mit ihrer heilsam schnurrenden Gegenwart den Kontakt zur Welt für mich gehalten.

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