Trancereise

Nach einer unruhigen Nacht mache ich mich am Morgen mit dem Gesang der Vögel vor dem Fenster auf den Weg zu meinem Ahninnenhaus. An kleinen Mauern entlang wie man sie auf englischen Wiesen und Feldern findet, folge ich dem Ton einer Trommel bis zu einem Zauntritt, steige hinüber, gehe weiter und komme beim Haus an. Es ist das Haus oben im Bild. Vor der Türe sitzt trommelnd Ute Manan Schiran. Ich gehe hinein und finde zu meiner Freude an einem runden Tisch hinter der Türe direkt Sieglinde, Sabine und Susan-Barbara sitzen und umarme sie. Auf der Treppe nach oben und im oberen Stockwerk, es ist nur eine kleine Galerie, sehe ich meine Mutter und viele Frauen aus meiner Familie. Auch viele andere sind da, die ich nicht kenne. Und im Mittelpunkt, bequem an die Wand gelehnt, gegenüber der Tür, sehe ich eine, die heute das erste Mal hier ist. Sie von weit gekommen. Eine halbe Million Jahre durch die Zeit, die Ahnin, die Uralte. Wir wenden uns ihr alle zu, setzen uns um sie, und sie spricht mit Bildern zu uns. Wir sind eine Nuss, die sie im Boden versenkt, tief in die Dunkelheit der Erde. Manche Nuss keimt und wächst zu einem großen Baum auf. Viele andere Nüsse werden angebohrt und Insekten werden aus ihnen geboren. Andere werden einfach gegessen. Ganz deutlich zeigt sie uns, dass es keine Wertung gibt. Der Baum wächst nicht aus einer „guten“ Nuss, die angebohrte Nuss ist nicht weniger als der Baum, die von ihnen zehrenden, Leben gewinnenden, Tiere sind weder gut noch böse. Sie sind. Die Unendlichkeit der Möglichkeiten des Lebens steht klar vor uns und dehnt sich spiralförmig und tanzend bis ins All aus. Ich fühle, wie durch die Reihen meiner leiblichen Ahninnen hinter mir eine Erleichterung weht. Keine hat durch ihr Sein, durch angebliche falsche Entscheidungen, durch Fehler, durch irgendetwas diese Spirale des Lebens gestört. Wir wollen der Uralten danken, ganz respektvoll, da breitet sie die Arme aus und lacht uns so liebevoll an. Wir drängen uns um sie und umarmen sie zu vielen auf einmal. „Meine Kinder“, sagt sie. „Meine Töchter, meine Töchter.“
Als ich das Ahninnenhaus verlasse, sehe ich, links neben der Türe einen Besen lehnen, einen Reisigbesen, den ich mitnehmen soll. Ich trage ihn in der linken Hand den Weg zurück, über den Zauntritt und stelle ihn hier außen links vor die Haustüre. Es ist Zeit durchzufegen.

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