Wir waren zwischen 5 und 10 Jahren alt und spielten auf dem Garagenhof. Meistens Fußball; ab und zu krachte der Ball in eine Scheibe – wenn ich die Täterin war, passierte nichts weiter als dass mein Vater ein neues Glas und Kitt besorgte. Denn ich war die Tochter des Herrn Lehrers. Geschah das Mißgeschick einem der eingeborenen kleinen Sauerländer, besorgte deren Opa die Scheibe und den Kitt und verdrosch sein Enkelkind. Ab und zu öffnete sich während unserer Spiele ein Fenster in einem der zwei Häuser, die den Garagenhof umstanden und eine unserer Mütter warf in Stanniolpapier eingewickelte Rippen von Schokolade hinunter. Schokolade an der frischen Luft gegessen schmeckt völlig anders als wenn man sie im Zimmer ißt. Bei Äpfeln ist das ganz ähnlich. Wenn im Vorfrühling die ersten milderen und trockenen Tage kamen, packte meine Mutter mich und einen kleinen Rucksack mit einer Decke, meiner lieben hellblauen Babydecke, in der später eine unserer Katzen beerdigt wurde, Äpfeln, Schokolade und vielleicht noch einem Brötchen und wir gingen in den Wald, an eine Stelle, wo am Südhang das duftige bleiche hohe Gras aus dem Herbst noch stand und wo es nach warmen Fichtennadeln duftete. Dort wurde gepicknickt. Und danach suchten wir unsere geheime Stelle am „Janushang“ auf (Janus war ein Collie, der mit einer alten Frau in einem kleinen Haus mitten im Wald lebte), wo eine vergessene Hochsitzleiter lag, die wir über einem Baumstumpf zur Wippe gemacht hatten. Wenn wir Kinder alleine in den Wald zogen, um Hütten zu bauen, den Maler „Pinsel“ zu ärgern oder vor dem alten Bauern aus dem Nachbarort auszureißen, der Kinder hasste, sprangen wir mit Anlauf auf das Dach aus Teerpappe einer Futterkrippe für Rehe und rannten hoch bis zum First, turnten an den Leitern zu Hochsitzen, angelten Kröten aus dem Zufluß eines kleinen Teiches, aus dem die laichlustigen Tiere alleine nicht herausgekommen wären, und folgten den Schneisen der frisch errichteten Hochspannungsmasten. An anderen Tagen gingen wir hinunter zum Bach und sahen den Bisamratten beim Schwimmen zu, verkrochen uns zu Doktorspielen in den riesigen Ginsterbusch und fürchteten uns vor den zwei großen Schäferhunden, die die Fabrik dort unten bewachten und nicht immer zuverlässig eingesperrt waren und vor dem Dackel des Polizisten, der schräg gegenüber der Fabrik wohnte. Der Dackel war nur gefährlich, wenn wir Fahrrad fuhren, dann aber richtig. Meine Mutter war eine Verfechterin der „nur keine Angst zeigen“ Theorie und blieb unerschrocken stehen, egal, welcher Hund auf sie zustürmte. Sobald ich alleine unterwegs war, sah ich zu, dass ich wegkam. Damals habe ich gelernt, sehr schnell Fahrrad zu fahren und sehr schnell auf die Eiche und die Kastanie, zwei sehr alte Bäume zwischen den Häusern und dem Bach auf dem „Grillplatz“ zu klettern. In den Bäumen saß ich auch gerne unbemerkt und beobachtete Vögel, Eichhörnchen, Nachbarn und genoß, dass niemand wusste, wo ich war. Dieser Zustand des Unbeobachtetseins war ein großes und für mich als überbehütetes Einzelkind, leider seltenes Glück. Ich erinnere mich daran, aus einem Dachbodenfenster gestiegen- das Haus stand am Hang und dort war ich 4 Stockwerke über dem Boden – und dort auf den warmen Dachziegeln in der Abendsonne gesessen zu sein, im seligen Bewusstsein, dass mich dort niemand jemals suchen würde. Auch in der Schule fand ich solche Rückzugsorte – besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Deutschstunde, die ich im Klassenschrank verbrachte und ein Vormittag in der Turnhalle, an dem ich im Kasten saß, über den alle anderen hinwegspringen mussten. Ebenso liebe ich bis heute die einsamen Streifzüge im Unterholz, alten Steinbrüchen, verfallenen Häusern, aufgelassenen Bahngleisen, wo Steine, Federn, Knochen zu finden sind und die allerersten Frühlingsblumen ihren ganz besonderen Duft verbreiten.

so wunderbar, so poetisch, so anders wie heutzutage!
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