Sturmtag

Während die Sturmfrau ums Häuschen tobt, schütten tut es auch noch dazu, blättere ich durchs Internet und werde wieder mal von einer Welle kitschiger, weichgezeichneter von irgendeiner KI generierten Bildchen überschwemmt. Sie gleichen sich in den Farben, dem debilen Gesichtsausdruck von Menschen und Tieren, der überzuckerten Szenerie und erinnern mich beunruhigend an Werbetraktate von Sekten, Freikirchen und an die „Die Bibel im Bild“ Comics. Menschen lassen sich selbst dort „kreieren“, bebildern ihre Geschichten und auch Klassiker damit. Neulich zeigte jemand ganz stolz „seine“ Illustrationen zu „Heidi“. Heidi lebte dort in einer braun-beige-gelblichen (das sind generell die vorherrschenden Farbtöne) Welt, hatte lange blonde Zöpfe, der Öhi sah aus wie Moses aus so einem religiösen Prospekt und Fräulein Rottenmeier wie das Omaklischee schlechthin. Auch Menschen, die ich als kritisch und eigenständig kenne, „spielen“ gerne mit der KI. Leider auch solche, deren Fotografien ich sehr schätze. Seit aber immer wieder die KI dort hineinspukt, ist das vorbei. Und es geht ja noch weiter. Stellt jemand in einem Forum eine Frage, kommt garantiert die Antwort „Frag doch ChatGPT.“ Es gibt begeisterte Berichte darüber, wie man sich von ChatGPT therapieren lasse, was für empathische und tiefgründige Gespräche dort möglich seien. Wir haben 1984 und Panem sportlich überholt und fliegen alle miteinander übers Kuckucksnest. Nicht nur in dieser Beziehung.

Und jetzt stelle ich mich kurz auf die Terrasse –

Ich lehn mich in den Arm der Sturmfrau,
sie kommt vom Meer
und macht mich leer.
Sie lässt mich wieder finden,
wer ich wirklich bin,
meinen immanenten Sinn.
Ich lehn mich in den Arm der Sturmfrau,
sie kommt vom Meer,
von ganz weit her.

Ein Gedanke zu “Sturmtag

  1. Juste un souffle de bon sens … Merci Steffanie pour tes mots qui ne pourront être plus juste et cela écrit avec ta plume qui émerveille à chaque fois.

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