Ein guter Tag.

Auch wenn es heute nicht so heiß war, ist eindeutig Hochsommer, überall staubt es von den Mähdreschern. Wir haben viel gesehen, Störche und Milane, Stare und Rehe, einladende Orte, sind versehentlich mit dem Auto in eine Warteschlange für ein Festival geraten, das wir dort weder vermuten konnten noch besuchen wollten, und zum Schluß haben wir noch fein gegessen.

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Sind die Gedichte in mir 
verstummt und verblichen?
Oder sind sie nur
ungeschriebenen Worten gewichen?
Statt naiv überzeugt
in Verse zu fassen
kann ich nun auch
Dinge Ding sein lassen.
Nur manchmal werden die Worte laut
wollen ausgedrückt werden
wie Pickel unter der Haut.

Mit der Prosa geht es mir ebenso. Ich schreibe viel und lösche dann das allermeiste wieder. Worte sind so drastisch, und geschriebene Worte wirken manchmal wie Fußabdrücke in Zement. Vielleicht läutet sich einfach eine neue Phase des Schreibens ein. Warum sollte auch gerade das Schreiben von neuen Phasen, Zwischenwelten und Übergangszeiten unberührt bleiben? Was mir übrigens in der letzten Zeit mit am besten gefallen hat, waren Auszüge aus den Werken von Erich Mühsam, die im MDR Kulturradio vorgelesen wurden. 

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Wegwarte. Aus ihren Wurzeln wird Zichorienkaffee gemacht, sie ist ein wertvolles Heilkraut, bei den Bachblüten kennen wir sie als Chicory. Die Begegnung mit ihr erinnert uns daran, uns selbst treu zu bleiben, bringt uns ins berühmte Hier und Jetzt, weist darauf hin, keine Bedingungen für liebevolles Tun zu stellen. Außerdem erinnert sie an Hagazussa, die Zaunreiterin, sie steht an und auf der Grenze, ist weder Weg noch Wiese.

Wieder im Haus mit dem Hinterhof, in dem die Wäsche bei diesem Wetter wunderbar trocknet. Ich habe die Ameisen besucht, deren Hochhaus durch den Starkregen nur ein klein wenig platter geworden ist, sie wimmeln und wuseln wie gehabt. Vielleicht fahren wir heute Abend noch zum See.

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Viele leerstehende Häuser hier, in deren Vorgärten langsam Wildnis wächst. Danach sind die Fassaden dran, Birken wachsen auf bröckelnden Balkonen und Geißblatt schlängelt sich durch Fenster. 

Wir erleben eine Zwischenzeit in dieser seltsamen Welt. Wie mit Scheuklappen hasten die Menschen in den Städten aneinander vorbei, rempeln sich an, kaum jemand blinkt, wenn er aus einem Kreisverkehr rausfährt, man kommt sich vor wie bei einem ziemlich niveaulosen Jump-and run-Spiel. Dieses Jump-and-run-Spiel-Gefühl hatte ich zum ersten Mal, als 2020 die Abstandsregelung ausgerufen wurde und die Leute vom Weg sprangen, wenn ich ihnen entgegen kam. Jetzt ist es eher so, dass ich ausweiche, weil sich eben zu Fuß, mit Fahrzeugen oder Einkaufswagen so bewegt wird, als wäre niemand anderes da. Das große Thema ist wieder mal Fußball; was die Weltpolitik derweil betreibt, um die Reise in den Abgrund zu beschleunigen, ist den allermeisten Leuten offensichtlich komplett egal. Ein Foul im Strafraum ist wesentlich empörender und mit mehr Emotionen besetzt als so etwas wie Grundrechtsverluste.

Und was ist schön? Was ist gut? Die Menschen, die geblieben sind. Der (wenn auch bisher wirklich nasse und kühle) Sommer. Der Gesang des Zaunkönigs am Morgen und die flötende Amsel am Abend, der unverwechselbare Ruf des Milans, wenn er dicht über uns kreist.

Gut ist, wenn ich mich ins nasse Gras knie, um festzustellen, dass die kleine Nelke trotz des ganzen Regens unglaublich fein duftet.

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Mit Magen- und Rückenweh sitze ich auf der Terrasse, da flattert es im Busch, der Zaunkönig setzt sich neben mir aufs Geländer und schaut mir ein Weilchen in die Augen. Ich fühle mich beschenkt.

Juni

Ohne die Motorräder, die in endloser, lärmender Kolonne durchs Sauerland ziehen, wäre es ein ruhiger Sommertag. Die Radieschen sprießen, die Fingerhüte blühen noch, Margeriten ebenfalls, Natternkopf bereichert die Wiesen und Wege um sein intensives Blau, oranges Habichtskraut strahlt genauso wie das gelbe. Wegwarte habe ich noch nicht viele gesehen. Die Schwebfliegen besuchen den Pippau in unserem Gärtchen. Endlich richtig Sommer.

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Hier ist uns ein Gefleckter Schmalbock (leptura maculata) begegnet.

Diesen Text von Rilke habe ich heute Morgen gelesen:

„Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, daß dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch !!
Aber – er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…..
Man muß Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum alles zu leben !

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich -ohne es zu merken – eines fremden Tages in die Antwort hinein.“

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