
Autor: rumpentrumpen
Die Natur scheint den kalten, verregneten Juni mit eingestreuten Sonnenstunden zu genießen, es ist so grün und üppig, es gibt so viele Fingerhüte wie ich noch nie gesehen habe. Aber ich, ich möchte endlich in der Sonne liegen, Wäsche aufhängen, spazierengehen, ohne nasse Füße und immer einen Blick zu den Wolken, wann es wieder losschüttet, möchte an den langen, hellen Abenden, die es nur zu dieser Zeit im Jahr gibt, draußen sitzen. Licht und Wärme wären gerade so wichtig und tröstlich.

Helferwesen
In den letzten vier Wochen habe ich sie fast jeden Tag aufgesucht. In der Zeit haben sie vor allem in die Höhe gebaut. Ihre Kraft und Ausdauer, ihr Sinn dafür, was die Gemeinschaft braucht, ihre Balance zwischen Eifer und Ruhe, all das waren nährende und helfende Botschaften für diese Zeit. Eben habe ich mich verabschiedet. Morgen ziehen wir weiter.

Ich habe neulich ein neues Wort gelernt:
to spuddle*)
Als Illustration möchte ich am liebsten das Bild einer ehemaligen Chefin zeichnen, die nie anders anzutreffen war, selbst draußen beim Rauchen, als mit zerrauftem Haar, einem Telefon am Ohr und mehreren Ordnern unter dem Arm, aus denen hier und da wichtige Papiere herausschauten. Beim Rauchen stand sie auch mal still, ansonsten bewegte sie sich im Geschwindschritt und lauthals ins Telefon sprechend, durch den ganzen Betrieb oder fuhr mit ihrem Schreibtischstuhl durchs Büro, dessen Türe natürlich offen stand, damit ihr Eifer auch wahrgenommen werden konnte. Sie war ein lieber Mensch (und ist es sicher noch, sie hat sich ja nicht in dem Moment in Luft aufgelöst, als ich aufhörte, dort zu arbeiten) und auch in diesem chaotischen Verhalten sympathisch.
*) „To spuddle“ is a word from 17th century that means to work ineffectively; to seem extremely busy whilst achieving absolutely nothing with the utmost hustle and bustle.
Sonnenbank
„Graf Douglas spricht’s, am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh.
Er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.“
(natürlich Fontane, Archibald Douglas)
Naja, fast. Ich habe mal wieder die Schachnovelle gelesen und mich dabei auf einem dieser Betondinger gesonnt, ohne dass mich mehr als 2 sehr kleine Ameisen gebissen hätten. Lerchen sangen, Heuschrecken sprangen, und in der Stadt duftet alles nach Liguster.
So wie mir ein Grundgefühl von Freude innewohnt, existiert auch eine Grundtraurigkeit. Beides ist unabhängig von äußeren Gegebenheiten, wird manchmal durch einen Traum oder einen Sinneseindruck in den Vordergrund gerückt. Heute macht die Grundtraurigkeit sich bemerkbar, ganz milde und fast wie eine Art Mitgefühl, dabei ist noch gar nichts passiert außer zwei Tassen Kaffee hier am Fenster. Ich habe sogar schon meditiert. Vielleicht wurde sie durch nächtliche Gedanken aufgeweckt, halbwache Gedanken zu den Themen Freundschaft und Familie und die Entwicklung in den letzten 4 Jahren und fast 3 Monaten.

Und jetzt schlucke ich den letzten Kaffee hinunter und schaue, was die Grundfreude macht, die ja durchaus auch bei den nächtlichen Themen reichlich Nahrung findet. Sogar mehr als die Trauer, die, bei Tageslicht betrachtet, mir viel zu viel Sentimentales hat. Man kann auch mal einfach „Good riddance.“ sagen und die Achseln zucken.
An der vielbefahrenen Straße
wohnen die Ameisen
vor einem leeren Haus,
der Vorgarten verwunschen verwildert,
mit prächtigen Nadeln zum Bauen.
Ich besuche sie gerne,
betrachte das Wachstum
ihrer Behausung
und hoffe,
niemanden interessiert
das Stückchen Gehsteig,
das sie mit einbeziehen.

Ordnung schaffen
Nachdem ein gewittriger Nachmittag mit sehr reichlichem Regen mir den Spaziergang in die Stadt ausgeredet hat, habe ich mal meine Downloads und Dokumente aufgeräumt, die sich so angesammelt hatten. Nun überlege ich, ob ich die Fotos noch folgen lasse, nachdem gestern ein Küchenschrank den Anfang gemacht hatte. Ich mag das, weil sich so doch einiges sortiert und löst, das sich im Gewirr der letzten Jahre in mir breitgemacht hatte. Ich stelle fest, dass ich mich an diesem Schreibtisch sehr wohl fühle, mit Blick auf die Birke und die kompromisslos schlichte Fassade des Hauses gegenüber.

Pfingsten
Ich bin nach dem ersten halben Becher Kaffee mit der nassen Wäsche die 60 Stufen hintergestiegen und habe sie im Hinterhofgarten aufgehängt, die Wäsche natürlich, nicht die Stufen; die Luft ist mild und sanft und die Heckenrosen blühen. Jetzt bin ich wieder oben und habe, während ich die zweite Hälfte Kaffee getrunken habe, ein bißchen was zu Pfingsten gelesen:
https://artedeablog.com/pfingsten-das-fest-der-heiligen-geistin-2/

Verknüpfungen
Ich höre ein Lied, das ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Und schon schmecke ich Cassis (Airwave Kaugummi), spüre Wind in den Haaren, fühle wie mein Arm im geöffneten Autofenster liegt und höre den Motor des Renault Trafic, den ich damals fuhr, auf dem Weg durch die nicht besonders geliebte Stadt zum Sport und zur Sauna, wenn ich mal einen halben Tag kinderfrei hatte. Aus 20 Jahren Abstand schaue ich mild und mit leicht hochgezogenen Augenbrauen auf diese Erinnerung. Das war auch ich.