Wer in sich einen Himmel trägt.

Ich habe mir vorgestellt, eigentlich um mich nochmal in den Schlaf zu denken, wie ich mit einem durchaus sympathischen Politiker ein bestimmtes Thema diskutiere. Dabei ging mir glasklar auf, dass dieses Gespräch dort Grenzen haben würde, wo seine Politikereigenschaft nicht mehr alles abdecken kann, wo er an die Ränder seiner abgesteckten Welt käme. 

Am einfachsten stellt ihr euch das vor, wenn ihr an den Versuch denkt, mit einem religiösen Menschen zu diskutieren. Der kann lustig sein und klug, freundlich und unkonventionell, bis zu einem gewissen Punkt. Wo der Glaube ins Spiel kommt, wird der selbe Mensch hart, kalt oder hitzig, gemein, wütend und gewaltbereit. Und wie dieser religiöse Glaube, der auch nur die Vermutung, jenseits seiner Grenzen könne noch, könne auch etwas sein, könne Gutes, Richtiges, Wichtiges oder auch nur Mögliches sein, nicht zulässt, so wirken auch bewusst oder unbewusst akzeptierte Definitionen wie „man“ ist, wie „die Welt“ ist. Alleine die gedankliche Nähe zu diesen Grenzen löst in den Betroffenen solche Angst aus, dass sie alles tun würden, um nur nicht über diese Grenzen hinausdenken zu müssen. Weder mit Logik noch mit Liebe kommt man weiter. 

Es kann auch ein Beruf sein, der allgemein auf eine bestimmte Art bewertet ist (lasst mal einige Beispiele in euch anklingen). Geraten wir nun in so ein Berufsfeld, besteht die Gefahr, dass wir diese Zuschreibungen auf unser Tun und Denken übergreifen lassen und uns so verhalten wie es in unserer Natur nicht angelegt ist. Es kann eine Eigenschaft sein, die du hast, mit der die anderen um dich herum bestimmte weitere Eigenschaften verbinden und sie dir so selbstverständlich zuschreiben, dass du dich unbewusst verpflichtet fühlst, sie zu entwickeln oder wenigstens zu zeigen oder in Verzweiflung gerätst, weil du permanent falsch eingeschätzt wirst. Es kann auch eine Gruppe sein, eine Schulklasse, eine Clique, eine Interessengemeinschaft, ein Verein, was auch immer. 

Geraten wir dort hinein, weil wir zugeteilt werden wie in eine Schulklasse, uns für einen Beruf oder auch nur einen Job entschieden haben oder weil wir die Begeisterung für ein bestimmtes Thema teilen, laufen wir direkt Gefahr, uns den anderen, dieser Gruppe allgemein zugeschriebenen Eigenschaften und Verhaltensweisen anpassen zu wollen, um dazuzugehören.* Da wir diese Regeln aber nicht verstehen oder ihren Sinn nicht erkennen, wahrscheinlich weil für uns gar keiner da ist, müssen wir uns verstellen, schauspielern und können das nicht lange überzeugend aufrechterhalten, gelten rasch als seltsam, komisch, nicht ganz richtig. Wir ahmen vielleicht nach, was die anderen tun, haben aber keine Ahnung, warum sie es tun und wirken unecht oder steigen von einem Fettnapf in den nächsten. 

Selbst wenn wir überzeugend schauspielern, bleibt in uns selbst das schale Gefühl, irgendwelche sinnlosen Gesten zu machen, bei mir heißt dieses Gefühl „Kinderpost spielen“ und ist ein deutliches Zeichen, dass ich mich sammeln muss. Ebenso ist ein flatterndes Panikgefühl ohne Grund ein Zeichen, das Gefühl, jederzeit etwas Schreckliches anrichten zu können, weil eine Regel, die allen anderen selbstverständlich ist und die einem deswegen auch nie erklärt wird, nicht erkannt wird. Dann ist die Gefahr sich zu verlieren groß und es besteht die Not-Wendigkeit, sich wieder einzusammeln.

Womit sammle ich mich? Mit Be-Sinn-ung. Schauen, was meine Sinne machen, sie wieder aktivieren, unter der eben beschriebenen Anspannung fallen sie leicht aus, versuchen, einen Sinn zu erkennen (oder einen UNsinn zu entlarven, der kein lustiger Unfug ist sondern etwas, das sich gegen den biologischen Sinn, gegen das Lebendige Sein richtet). 

Unglaublich hilfreich ist die von Ute Schiran beschriebene Grundhaltung, das wache Sein in der Kunst der Wiederholung (als tätest du alles zum ersten Mal), der Absichtslosigkeit (lass dir keinen Zweck vorschreiben), der Entschiedenheit (immerwährende Bekräftigung des Wunsches nach Lebendigkeit) und Aufmerksamkeit (KOREspondenzbereitschaft des Körpers, von innen her da, kein Radar, dass das Außen abtastet). Hilfreich ist Lebenserfahrung, eindeutig. Hilfreich wären Eltern, die das durchschaut haben. Hilfreich ist es, sich immer wieder auf anderes einzulassen, sich dem Lebendigen zu zeigen, zu spüren, welches Gefühl Situationen, Handlungen und Regeln hinter unserem Brustbein auslösen, was das Zwerchfell dazu sagt, wie unser Atem fließt. Hilfreich ist es, sich auf Botschaften einzulassen, die wir von allem um uns herum empfangen: Was sagen mir die Tiere und Pflanzen, denen ich begegne, was der Wind? Hilfreich sind Menschen, die uns sehen, ohne uns mit Etiketten zu ver-sehen.

Es gibt eine Ballade, die lang vergessen und heute schwer zu finden ist, wahrscheinlich weil sie sehr genau den Punkt trifft, vor dem alle Systeme, die uns mit Regeln und angeblichem Sinn in Angst und Gehorsam halten wollen, sich fürchten, eine Ballade von Robert Hamerling (1830 – 1889) mit dem Titel „Sankt Basilius in der Hölle“. Weil sie mir in diesem Zusammenhang wieder eingefallen ist, schreibe ich sie hier auf:

Sankt Basilius in der Hölle
von Robert Hamerling

Es war ein heiliger Mann, der tat
In seinen Werken den Christenrat,
Doch gegen das strenge Kirchenrecht
Verhielt er sich nicht ganz gerecht.

Man sprach den Bann über ihn und fort,
Verstoßen war er von Gottes Ort;
Die Pforte des Himmels blieb ihm zu,
Da sank er hinunter zur Hölle im Nu.

Doch siehe, die Flammen erbleichten sogleich,
Es wurde die Hölle öd und bleich;
Denn wo der Heilige nur erschien,
Da mussten die Gluten erlöschen hin.

Da riefen die Teufel: „Was sollen wir
Mit einem solchen Gesellen hier?
Er stört uns das Feuer, er kühlt uns die Glut,
Fort mit dem Heiligen, uns ist er nicht gut!“

Und sie warfen ihn wieder zur Erde hinaus,
Da stand er verlassen vor seinem Haus;
Da kam ein Engel und führte ihn still
Dorthin, wohin er nun kommen will.

Und siehe, die Himmel taten sich auf,
Es endete seltsam des Heiligen Lauf,
Denn — „wer in sich einen Himmel trägt
Und um sich schafft ein Paradies,
Den kann der Bann nicht bannen mehr,
Er ist des ew’gen Friedens wert.“

*(das Körperbewusstsein, im HUNA Ku, wird es auf jeden Fall versuchen, wenn Lono (Verstand) und Kane (höheres Selbst) nicht lenkend einwirken)

Heute Morgen hat mich eine Amsel ein ganzes Stück Wegs begleitet, das war schön. Sie hüpfte und flatterte auf dem Zaun neben mir entlang.

Neben der Freude über die freundliche Tierbotin ploppt natürlich sofort Mother Goose auf mit

Sing a song of sixpence,
A pocket full of rye, 
Four and twenty blackbirds 
Baked in a pie. 
When the pie was opened 
The birds began to sing— 
Wasn’t that a dainty dish 
To set before the king? 

Das hat logischerweise für Folge, dass ich endlich wieder einmal „A pocket full of Rye“ lesen muss, einer von Miss Marples größten Triumphen.

Das war eine herausfordernde Woche. Gar nicht aus objektiven Gründen, ich habe nur wieder einmal gemerkt, wie sehr vergangene Erlebnisse uns triggern können, welche Echos auftauchen können und uns so sehr in die Träume begleiten, dass Schlaf eine beunruhigende Aussicht ist, auch wenn man noch so müde ist. Allerdings weiß ich aus Erfahrung auch, dass man mit einer gewissen Entschlossenheit schlafen oder wenigstens ruhen kann.

Geholfen haben meine Freundinnen, die weisen Frauen.
Geholfen hat Ute Schiran.
Geholfen hat das Besinnen auf das, was ich weiß.
Geholfen hat Chanten.
Geholfen hat viel Freundlichkeit, die mir im Alltag begegnet ist.
Geholfen haben die Helferwesen.
Geholfen haben alte, wiedergefundene Bücher.

Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an dem Haus vorbei, in dem meine Oma väterlicherseits lange lebte. Dort habe ich sie zum ersten Mal besucht, als ich noch keine zwei Jahre alt war und seitdem war ich jedes Jahr mehrmals dort, bis sie ein paar hundert Meter weiter ins betreute Wohnen zog – da haben dann auch noch meine Kinder sie erleben können. (Auch dort komme ich täglich vorbei.) In dem Haus in der Danziger Straße wohnte sie im Erdgeschoss, vom Balkon und auch aus dem Zimmer des Fensters, wo ich auf Besuch übernachtete, konnte ich herunterspringen, das habe ich oft am Morgen getan und bin ganz früh durch den Ort gestromert, habe Brötchen mitgebracht oder ein paar Blumen. Heute Abend gab es bei uns Wienerle im Weckle und der Geschmack brachte mir einen Abend vor sehr vielen Jahren zurück. Ich war neun Jahre alt und meine Oma hatte auf dem Dachboden ein Buch ihres jüngsten Sohnes ausgegraben, „Einer vom Hause Lesa“ von Johanna Spyri. Mit dem Buch und einem Brötchen mit Wiener saß ich vor dem Balkon auf dem Rasen, gelehnt an einen der Essigbäume, die damals dort wuchsen (sie waren genauso alt wie ich und es gibt niedliche Fotos von uns als wir zusammen sehr klein waren, mittlerweile sind sie schon lange nicht mehr da) und aß und las, bis ich satt und das Buch ausgelesen war. Es war ein Sommerabend voller Seligkeit. Es war das Jahr, in dem meine Beine lang genug für das Fahrrad meiner Oma waren und ich die ganzen Ferien in der Rheinebene herumradelte, das Jahr, in dem ich einen karierten Sonnenhut bekommen hatte, eines der Jahre, in denen ich mich mit den Kindern aus der Nachbarschaft dort herumtrieb, und in diesem Jahr gab es diesen besonderen Abend mit diesem wunderbaren Buch, das heute hier, ganz in der Nähe des damaligen Leseplatzes in meinem Bücherschrank steht.

Die Frage, was und wie Zeit ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Für uns, die wir akzeptieren, dass das Leben nicht linear sondern spiralförmig verläuft, ist diese Frage vielleicht nicht so dringlich. In der linearen Zeit ist meine Mutter morgen vor 27 Jahren gestorben. In manchen Jahren denke ich an dem konkreten Datum überhaupt nicht dran, in manchen Jahren ist ihr Tod sehr in „meinem“ Feld um diese Zeit. Wie in diesem Jahr.

Es gibt kein Grab in deinem Heimatort
und nirgends sonst.
Sentimentalität hast du dir streng verbeten.
Der Rhein erinnert sich an dich,
die Wege, die Gassen und die Berge,
und ich, und ich erinnere mich.
Und meine Tochter ähnelt dir so sehr.

Ich hatte lange Jahre einen Blog, der hieß „Mein inneres Sauerland“, ein Titel, der nicht auf meinem Mist gewachsen war sondern aus einem Satz einer Freundin resultierte. Aufgrund einiger Widrigkeiten im Internet habe ich ihn damals aufgegeben, besitze jedoch sämtliche Einträge noch in gedruckter Form. Wenn ich hineinlese, wundere ich mich manchmal, was für geniale und manchmal, was für naive Sachen ich geschrieben habe. Die Fotos waren oft besser als die jetzigen, weil ich mit diversen sehr guten Kameras wirklich auf Fotopirsch war. Vielleicht fange ich mal wieder damit an. Heute waren wir mal wieder nach der Arbeit am und über den Rhein, das Wasser hat geduftet, wir haben so viele blaue Libellen gesehen, der Natternkopf blüht blauer als alles andere, ein kleines Hausboot (très chic), das an „Drei Mann in einem Boot“ erinnerte, kam vom Rhein-Rhône-Kanal angeschippert, die Blätter der Pappeln sind hochsommersilbern, und ich dehne meine Seele aus von den Vogesen bis zum Schwarzwald und dann noch darüber hinaus vom Mittelmeer bis zur Nordsee.

Ich bin auf Muttererde,
auf Mutter Erde bin ich,
ich bin am rechten Ort.

Wir haben heute in Seelbach auf der Terrasse am Schwarzwälder Hof Kaffee getrunken. Der Campingplatz ist bumsvoll, da passt keine Maus mehr drauf. Ich werde immer bedauern, dass die seltsamen, superteuren „Baumhäuser“ den Blick auf den Tretenhof versperren. Der Tretenhof ist eines meiner Lieblingshäuser. Die Veränderungen nehmen dem Ort nicht seine besondere Atmosphäre. Zumindest noch nicht. Ich habe in den letzten Tagen beim Gehen viel gesungen. Ich merke, dass ich es nicht „Mantren“, nicht „Chanten“ nennen will. Zaubersprüche vielleicht, Magie. Vor über einem Jahr hat es angefangen, in mir zu singen, „Jeder Schritt ist ein heiliger Schritt, jeder Schritt ist ein Heilungsschritt“. Und damit habe ich mich Stufe für Stufe (und das ist durchaus wörtlich gemeint bei den vielen tatsächlichen Stufen) weitergesungen. Meine Freundin Elisabeth schrieb heute, sie kommt in 14 Tagen auf dem Rückweg von Oggebbio vorbei. Oggebbio. Die 100 Stufen (schon wieder Stufen), der erste Blick von der Terrasse auf den Lago Maggiore, der mit den Ameisen geteilte Keks, mein Morgenkaffee, das nächtliche Gewitter.

Die Stockrosen besuche ich immer, wenn ich in die Stadt gehe. Ich habe jahrelang versucht, im Garten welche zu ziehen. Sie wurden immer abgemäht. Nun blühen sie mir einfach so. Und ich merke, dass ich völlig ohne Groll bin, das fühlt sich gut an.