Jahrestag

Heute oder gestern, ich weiß es nicht mehr genau, hat die Narbe an meinem linken Auge 30jähriges. Vor 30 Jahren um diese Zeit lag ich also im Arnsberger Krankenhaus im OP und ein Augenarzt bemühte sich, die zerschnittenen Hautlappen um mein Auge möglichst sorgfältig zu vernähen, während wir hofften, die Hornhaut würde sich selber wieder regenerieren. Ich hatte gesagt, ich sei in die Glastür gefallen. Und keiner hat gelacht. Es fallen ja jeden Tag sportliche, gesunde Vierundzwanzigjährige in Glastüren. Ich war im Krankenwagen hergefahren worden, mit einer Kompresse auf beiden Augen. Vorher hatte ich mir den Krankenwagen gerufen und, während ich mit den blutenden Händen ein Handtuch auf die klaffende Wunde im Gesicht drückte, es fühlte sich an, als rinne mein Auge heraus und ich überlegte schon, wie es wohl mit Glasauge sein würde, noch ein paar Sachen fürs Krankenhaus zusammengepackt. Der Mann, der mir in seinem Jähzorn die Tür ins Gesicht geschmettert hatte, war, da er kein Blut sehen konnte, matt und blass an einer der blutbeschmierten Wände heruntergerutscht. Der Augenarzt, der mich zusammenflickte, sah genau aus wie Karl Dall, und während mir die 11 Betäubungsspritzen rund ums Auge wirklich wehtaten und jemand mir ganz lieb die Hand hielt, dachte ich, lustig, der sieht aus wie Karl Dall und ich hab jetzt das Auge dazu. Am nächsten Morgen sollte ich nach einer durchwachten Nacht, da die Patientin, die mit im Zimmer lag, sehr unruhig war, einen Blick in den Spiegel werfen. Ich weigerte mich, bis Dr. Karl Dall mir den Verlauf der Narbe aufgezeichnet hatte. Es war ein großer Hautlappen auf der Stirn weggeklappt gewesen und das Augenlid zerschnitten, dazu ein Ritz in der Hornhaut. Das Ergebnis sah aus wie Hammer und Sichel und überall schauten kleine schwarze Knoten aus Sternchenzwirn heraus, zumindest wirkte es so. Ich konnte abgeholt werden und rief den Mann an, dessen Jähzorn dazu geführt hatte, dass ich abgeholt werden musste. Er sagte, er könne nicht, er wolle ein paar Überstunden machen. Abgeholt hat mich dann meine Mutter und der Mann hat sich wirklich gewundert, dass ich ihn so grundlos und plötzlich verlasse. Das ist wie gesagt genau 30 Jahre her und er ist seit 5 Jahren tot, getroffen oder gesprochen hatte ich ihn nie mehr. Und die Narbe ist ein ziemlich zuverlässiger Wetterfrosch.

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Zu diesem Zitat von Ibsen „Das ist das Verdammte an den kleinen Verhältnissen, daß sie die Seele kleinmachen.“, schrieb eine Facebook-Freundin:
„Es gibt unendlich viele Menschen die in „kleinen“ Verhältnissen leben und unglaublich große Seelen haben. Trotz aller Härten.“

Ich glaube, ich weiß was er gemeint hat. Diese un-menschlich, un-bio-logisch geplanten Wohnsiedlungen, das Wartenlassen in Ämtern und bei Ärzten, das Bitten- und Antragstellenmüssen, das Unterbrechen bei allem, was man konzentriert tun will, sei es durch Werbung, Nachrichten, Laubbläser, die Vereinzelung und die in den letzten 4,5 Jahren perfektionierte Spaltung, die schlechten Verkehrsanbindungen, der Zwang, in unterbezahlten Jobs fast die komplette Zeit zu verbringen, hässliche, dreckige Bahnhöfe, ebensolche Straßenzüge und öffentliche Toiletten, das kann auch eine „große“ Seele schrumpfen lassen.

Die Zeit meiner wilden Feng Shui Begeisterung liegt fast 30 Jahre zurück. Einige Grundsätze und eigentlich Selbstverständlichkeiten sind mir aber auch bei diesem Zitat wieder eingefallen. Bei diesem Zitat und auch beim Stehen und Sitzen in diversen Zimmern. Wenn eine Wohnung, die eigentlich groß genug für drei Menschen wäre, seit Jahrzehnten auf unpraktische Weise vollgestellt und vollgestopft wurde, so dass außer dem Stehen in einer schmalen Küche oder dem Sitzen auf einem Riesensofa mit Blick auf eine „Wohnwand“ mit Nippesheiligtümern nichts bleibt, wenn keine Tür geöffnet werden kann, ohne sie einem anderen ins Kreuz zu hauen, merkt man schon bei kurzen Besuchen, dass auch das die Seele kleinzumachen versucht. Wenn kein Platz ist, kein Raum, dann ist auch keine Freiheit da.

Und „kleine Verhältnisse“, um auf Ibsen zurückzukommen, bedeutet ja auch Armut. In den hässlichen Häusern, in den Wohnblocks, leben arme Menschen, die „sozial schwach“ genannt werden. An den gruseligen Bahnhöfen und in den schlimmen Straßenzügen trifft man auf Leute, die dort genau ins Bild passen.

Warum leben sie so? Warum „lungern“ sie dort herum? Wenn doch jeder die gleichen Chancen hat, wie uns immer so gerne erzählt wird?

Astrid Lindgren sagt es in „Madita“ ganz deutlich:
„Die Hilflosigkeit der Armut, was ist das?, fragt sie Papa. Und er erklärt ihr, wenn man richtig arm ist, dann ist es genauso, als wäre man an Händen und Füßen gefesselt, man kann nichts tun. Man ist ganz hilflos, wenn etwas passiert, Krankheit oder etwas anderes, was schwer ist in diesem Leben.“

Da kann man dann schön nach seiner großen Seele suchen, wenn es einem so geht. Es ist ein Wunder, dass Menschen überhaupt Seelengröße zeigen können, wenn es ihnen so geht. Was diese Menschen wohl in Freiheit und Eigenmacht alles könnten! 

Ebenso gibt es die Hilflosigkeit des Wartens. Besonders schlimm, wenn man krank ist, ich habe einmal während ich mit einem Patienten, den ich begleitete, beim Onkologen wartete, einen längeren Text geschrieben, aus dem ich hier einen Auszug zitiere:

„…totale Unpünktlichkeit zu akzeptieren, da es keine Wahl gibt (in dieser Praxis gibt es noch einen Arzt, der aber hat den Ruf, den das gesamte Wartezimmer bestätigt, und ich höre es nicht zum ersten Mal, seine Patienten anzuschreien, zu verängstigen, beim Gespräch nicht anzuschauen, deshalb wechseln sie, wenn es geht, zu dem anderen, der sich heute lässig 40 Minuten verspätet – ohne Wort des Bedauerns oder der Erklärung, ohne eine Chance, in der Wartezeit noch einen Kaffee trinken zu gehen oder einen kleinen Spaziergang zu machen, die Leute sollen einfach still sitzen bleiben und tun es auch).“

Aber auch in Warteräumen von Behörden oder Krankenkassen finden wir dieses Phänomen, dass Menschen mit Warten in die Position von Bittstellern gedrängt werden sollen, in die Erfahrung, dass ihre Zeit nichts wert sei.

Unsere „große Seele“ ist somit einen großen Teil der Zeit damit beschäftigt, sich in der Gegenstromanlage des Systems abzustrampeln. Was an Kreativität, wilder Kraft und Lebenslust soll denn nach einer 40 Stunden Arbeitswoche in einem ungeliebten Job plus Fahrzeit noch pulsieren? 

Wer das Glück hat, in Gemeinschaft etwas Sinnvolles zu tun, der weiß, wie anders sich das TUN unter menschenartgemäßen Bedingungen anfühlt. Das SEIN natürlich auch. Da ist dann jede Seele groß.

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Ich wollte so viel Nachdenkliches und Kluges zu diesem 6 Jahre alten Bild schreiben aber es überschwemmt mich gerade, deshalb begnüge ich mich mit diesem Zitat von Spoerl, das ich seit jeher sehr mag:

Wahr sind die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.

Ich war in den letzten 2 Jahren deutlich dicker als jetzt wieder. Und es hat sich kein bißchen gut angefühlt. Eben habe ich Vergleichsfotos angeschaut, vom November 2022 und vom Mai diesen Jahres und dazu aktuelle Bilder. Auf den aktuellen Fotos sehe ich meinem Ich von vor 10 oder 15 Jahren ähnlicher als dem auf den Dickenbildern. Und das fühlt sich sehr gut an. Genauso wie das Bergaufgehen, das Gymnastikmachen, die wiederauftauchende Taille. Und ich war immer im „Normalgewicht“ beim BMI, da kann man sehen, wie wenig das mit Wohlfühlgewicht zu tun hat. 10 kg mehr oder weniger ist einfach viel Gewicht, vor allem wenn man sein Leben lang schlank war. Ich habe übrigens das meiste des Übergewichts verloren, als ich das Thema komplett aus meinen Gedanken gestrichen hatte, oft abends noch mal Pasta oder nachmittags ein Stück Kuchen gegessen habe. Allerdings stellte sich durch einen veränderten Lebensrhythmus unbewusst wieder ein Fastenintervall ein, auf das ich nun auch wieder bewusst achte. Und es geht mir gut. Heute war mal ein müder Tag, an dem es gar nicht hell wurde. Immerhin habe ich Königsberger Klopse gekocht. Und gegessen.

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Ich steh an deiner Krippen hier…

Ich liebe die Musik und habe sie oft als Ohrwurm. Darum habe ich endlich mal den Text etwas angepasst:

Ich steh mit beiden Füßen hier,
o Erde, du mein Leben,
ich komme, bring und zeige dir,
was du mir hast gegeben.
Sieh her, es ist mein Blut, mein Leib,
mein Sinn, mein Geist,
ich bin ein Weib,
dir, Mutter, zu gefallen.

Da ich noch nicht geboren war,
war ich doch schon geborgen,
du hast mich dir zu eigen gar
eh ich dich kannt‘, erkoren.
Bevor mein Feuer sich entfacht,
da hast du schon an mich gedacht,
da träumt ich schon das Morgen.

Ich lag in tiefer Mutternacht,
Du warest meine Sonne.
Die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud‘ und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
Des Lebens in mir zugericht‘,
ich darf auch wieder sinken.

Ich sehe uns mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib’ ich beseligt stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär’
und meine Seel’ ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen.

Ich frage nach der Lust der Welt
und nach des Leibes Freuden;
du hast uns bei dir eingestellt,
uns gründlich satt zu weiden,
lässt unsrer Seele Herrlichkeit
durch Freude, Fülle, Raum und Zeit
so reich und sichtbar werden.

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Die Welt 
bedeutet vielerlei
und dreht so ihre Runden

Die Welt 
ist das All, das mich umgibt,
die Welt 
ist die Erde, die mich liebt,
die Welt 
ist der Wahnsinn ringsumher.
Die Welt
ist Getümmel und Verkehr
Die Welt
ist Stille und Geschrei.

Die Welt 
bedeutet vielerlei
und dreht so ihre Runden.

Nebel

Wir sind einmal schräg durch Deutschland gefahren und waren die ganze Zeit im Nebel. Von Sachsen-Anhalt habe ich außer dem sichtbaren Stück Straße um uns herum, nichts gesehen. Bevor wir dann gleichzeitig mit der frühen Dunkelheit auf der Landstraße in total dickem Nebel versanken, gab es bei Dresden ein paar Minuten blauen Abendhimmels, der hier im Osten schon gegen halb 5 stattfindet, an dem die untergehende Sonne und die halbe zunehmende Mondsichel in gleicher Höhe über dem Horizont standen, ein magischer Moment.

Ihr denkt nicht, dass ich die Weltlage kommentiere, oder?
Ich bin die, die mit ihrem Kaffee am Fenster sitzt und die Meisen, Spatzen und das Rotkehlchen an der Futterstelle beobachtet.

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Ich sage lediglich: Mit den Mitteln des Systems können die Probleme, die durch das System entstanden sind, nicht gelöst werden.

Guten Morgen, November.

Das Rotkehlchen sitzt
auf dem höchsten Zweig
und besingt sein Revier.

Ich blättere den Kalender um.

Ein Ausflug zu den Göttinnen: Cailleach übernimmt um diese Zeit den Stab, den Modron, die Sommergöttin, unter einen Holunderstrauch gelegt hat. Nun ist die Alte an der Reihe, durch die dunkle, ruhige Zeit hindurch zu regieren, bis sie im Februar den Stab an Brigid übergibt.

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Immer das Gleiche – ich häkle selig im Half Granny Square vor mich hin und merke, dass ich viel zu wenig Wolle habe. Also werde ich versuchen, mir eine passende zu besorgen, damit es diesmal ein wirklich großes Dreieckstuch gibt. Das Muster hat so etwas Beruhigendes. Dazu noch ein Miss Marple (BBC Verfilmung natürlich) und der dunkle Abend ist ganz gut auszuhalten.