
Nicht über den Dächern
aber hoch über dem Hinterhof
und den Laternen
sitzen wir am Tisch
am Fenster
mit der kleinen Primel
draußen auf dem Sims
und reden über schlimme Zeiten
während Glück um uns schimmert.
Menschen.

Nicht über den Dächern
aber hoch über dem Hinterhof
und den Laternen
sitzen wir am Tisch
am Fenster
mit der kleinen Primel
draußen auf dem Sims
und reden über schlimme Zeiten
während Glück um uns schimmert.
Menschen.
Tag- und Nachtgleiche. Turbulente Zeiten. Wir merken es in unseren Leben und sehen es in den Sternen. Strukturen haben sich schon lange aufgelöst, für „die Gesellschaft“ werden wir immer weniger wahrnehmbar, kann ein Vorteil sein. Am Rand, unter dem Radar entdecken wir neue Räume. Heute hatte ich nicht die Möglichkeit, ein Feuer oder einen Mehlkreis zu machen, also gingen wir spazieren und fanden wilden Schnittlauch, zart, duftend, scharf, und begegneten einer wunderschönen gefleckten Schnirkelschnecke, zielstrebig, ganz in ihrem Tempo, lässt sich nicht treiben, neugierig, anmutig. Begegnungen sind auch Rituale. Und wir können lernen. Von den Kräutern, von den Schnecken. Und an der Hollerin sind schon die Blüten angelegt.

Das hatte ich lange nicht mehr, dass jeden Tag mindestens ein Moment dabei ist, in dem ich denke, jetzt könnte man die Welt ruhig mal anhalten.

Friedliche Menschen, friedliche Begegnungen, friedliches Leben. Wünsche dieser Zeit und wahrscheinlich aller Zeit, seit der Frieden mit Beginn des Patriarchats geendet hat. Und nun, da so viele Menschen wieder in den Kriegswahn verfallen sind, spüren wir diese Wünsche umso mehr. Heute waren wir friedlich an einem friedvollen Ort.
Vor 4 Jahren war ich gerade von einem Kurzbesuch in Hamburg zurückgekommen. Es war ein schöner, früher Frühling. Ich arbeitete im Bildungswerk und in meiner Praxis und hatte nebenbei eine gut ausgefüllte Freizeit. Vor 4 Jahren wurde bekanntgegeben, dass zur Eindämmung der Gefahr (der R-Wert war lächerlich niedrig) während der zweiwöchigen Osterferien die Schulen geschlossen werden sollten, und es gab Reiseverbot. Dann sei alles wieder normal. Also packte ich meinen Minicamper wieder aus und zog mit Kater und Wurfzelt in den Frühlingsgarten. Wenn ich hinausging, sah ich die in Flatterband eingewickelten Altenheime und Kinderspielplätze. Meine Teilnehmer aus dem Bildungswerk wurden aus ihrem betreuten Wohnen nach „Hause“ geschickt, bekamen keine Therapien mehr, alles zu gefährlich. Aus den zwei Wochen wurden Jahre. Aus Freunden und Teilen der Familie wurden Fremde. Aus Arbeit wurde Arbeitslosigkeit. Aus meinem Land wurde feindlicher Boden, auf dem es ein Risiko bedeutete, mit einem Grundgesetz in der Hand spazieren zu gehen. Jetzt sagen sie, es sei ja alles lange vorbei. Glaubt ihnen nicht. Manches konnte heilen, über manches kann man mit viel gutem Willen Gras wachsen lassen, manches heilt nicht und verlangt danach, gesehen, anerkannt und geahndet zu werden.

Ich war heute Morgen im Ahninnenhaus. Rita und Ute trommelten draußen am Schwarzmondinfeuer, neben der Tür lehnte mein Reisigbesen, und drinnen war ein richtiges Gedränge. Viele Frauen waren da, die mit diesen Dingen nichts zu tun haben (wollen), z.B. Annie und Doro, auch meine Mutter und ihre Schwester, Gabriele, als einziger Mann war der schemenhafte Geist von Klaus B. da, natürlich auch Sabine, Sieglinde und Susan-Barbara. Wir vier stiegen die Treppe zur Empore hoch, denn dort wartete die Uralte, die wieder einmal den unendlich weiten Weg durch Zeit und Raum gemacht hatte. Wir reichten uns die Hände zum Kreis und sie sagte uns Dinge, ohne zu sprechen. „Bindet euch an die Erde an. An die Erde und an den Kosmos. Verbindet euch mit den Elementen.“ Dazu erschienen in uns die Bilder von Feuer, Wasser, Luft und unseren Händen, die in die dunkle Frühlingserde greifen. Die ganze Zeit sangen wir dazu
„Ich gehe und gehe… weite die Kreise
Gehe zum Ursprung und Ziel
Ich gehe die Pfade der großen Spirale
Und singe das uralte Lied“
von Iria Schärer
und alle Frauen in dem vollen Raum unten sangen mit. Ute und Rita kamen herein und die Uralte sagte ihnen, sie sollten nachher weiter trommeln und tönen, das zeige uns unseren Weg. Und ich solle meinen Besen nehmen und einen Kehraus machen. Während wir uns von ihr verabschiedeten, verblassten allmählich alle anderen Besucherinnen und das Ahninnenhaus war ruhig und still. Das Trommeln draußen setzte wieder ein und ich begann mit dem Fegen. Als ich allen Staub über die Schwelle gekehrt hatte, kam ein quirliger Windstoß und eine Staubwolke erhob sich, die aussah wie ein fliegender Hahn und stob über das Hausdach hinweg in einen grauwolkigen Himmel.

„O schüttle ab den bangen Traum
und die lange Winterruh,
es wagt’s der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch du.“
Natürlich von Fontane.
Der März war in den letzten Tagen richtig kalt, teils mit Hochnebel, heute mit Ostwind und strahlend blauem Himmel. Wir sind spazieren gegangen und haben Königsberger Klopse gekocht und gegessen. Es findet ein Prozeß statt, der mit Heilung und Findung zu tun hat.
Reisevorabend.
Meisen, Amseln, Dompfaffen, Huflattich, Krokusse und ganz leicht milde Spätwinter-/Vorfrühlingssonne haben mich heute begleitet. Dazu deine liebe Stimme, der ich bald entgegenfahre.
Familiengeschichten sind wie Ketten. Nicht nur, dass sie einen binden, sie greifen auch von Leben zu Leben ineinander wie die Glieder einer Kette. Wo sich die Glieder überschneiden, meinen beide, nun alles vom Leben des anderen zu wissen, dabei fehlt beiden das Wissen um große Teile des Lebens des anderen. Mein Vater teilt gerade den früheren Teil seines Lebens mit, er schreibt die Geschichte seiner Flucht aus Ostpreußen auf. Und in diesen Teil hakelt sich wieder die uns allen unbekannte Geschichte seiner Eltern und Großeltern ein. Dazu kommen die Abzweigungen der Geschwister, Cousinen, Onkel, Tanten, so dass aus der Kette ein ganzes Netz gewoben wird.
Aus meinem Netz greife ich nun einen Faden. Ich greife den Faden meiner Tante Liesel. Der Faden ist kurz aber nur in meiner Wahrnehmung, denn in meinem Bewusstsein fängt ihr Leben erst Mitte der 1930er Jahre an und endet mit ihrem Tod, als sie in dem wunderschönen Haus in Ettenheim, hinten ein Garten, vorne zu Straße raus, mit schmiedeeisernem Gitter eingefriedet, die Treppe hinunterfiel und sich das Genick brach. Und von den 30ern bis 1976 weiß ich nur, was meine Mutter erzählt hat.
Liesel Wiesler.
Ich weiß nicht, wann sie geboren wurde. Das werde ich nachsehen, wenn ich das nächste Mal auf dem Ettenheimer Friedhof bin. Vielleicht finde ich auch ein Foto mit dem Grabstein. (Ich habe eins gefunden, 1915 – 2002.) Sie haben sie zu den Daten meines Großvaters mütterlicherseits graviert. Denn sie war nicht nur seine Cousine sondern auch seine zweite Frau. Meine Erinnerungen an sie sind schön. Diese schönen Erinnerungen werden auch geprägt vom Talent meiner Mutter, alles in eine Art Double Bind zu verwandeln. Sie hat Tante Liesel mindestens einmal im Jahr besucht. Solange sie in Ettenheim lebte, waren sie gemeinsam im Rhein schwimmen. Gleichzeitig war es Pflicht, Liesel zu hassen, da sie den Vater verführt hat. Er war ein notorischer Fremdgänger und fast 20 Jahre älter als sie, der der Reihe nach alle Dienstmädchen vögelte, immer mit der Entschuldigung, er kenne sie bestimmt aus einem vorherigen Leben. Dann nahm er halt auch seine junge Cousine vor, und die ließ sich nicht so leicht abschütteln wie die Dienstmädchen. Meine Mutter war damals vier Jahre alt und konnte ihre Rolle als Versöhnungskind nicht erfüllen. Ihre Mutter versank von diesem Zeitpunkt an in eine tiefe Trauer. Ich habe Briefe von ihr, also von meiner Oma, gelesen, aus der Zeit vor ihrer Ehe, es waren spritzige, lustige, geistvolle Briefe an eine Freundin. Aus der Zeit, an die sich meine Mutter erinnert, sind nur traurige Dinge überliefert. Ihre Mutter hieß in der Familie „der Mämmel“ (wer weiß, was das bedeutet, möge sich bitte melden), und es gibt etliche aufbewahrte Gedichte zu Weihnachten und zum Geburtstag, die meine Mutter für sie gedichtet hat, seit sie schreiben konnte, und der einzige Wunsch war immer, verziert mit Herzen, Tannenbäumen und Engelchen, dass der Mämmel einmal wieder lachen könnte. Ich merke, es ist nicht leicht, nur einen Faden in der Hand zu halten und zu verfolgen, viel zu viele andere Fäden, andere Kettenglieder, hängen mit dran und drin. Tante Liesel wurde vom Mämmel „das Ripp“ genannt. Das ist definitiv kein Kompliment, und ich frage mich von Kindheit an, ob diese Beschimpfung etwas mit der patriarchösen biblischen Geschichte von Eva aus Adams Rippe und der Erbsünde zu tun hat. Wenn die Liesel den Pfad am Garten entlang ging, bevor meine Oma dann mit den Kindern aus dem Haus vertrieben wurde, da der Bankdirektor, seines Zeichens mein Großvater, keinen Pfennig herausgerückt hat, trabte meine Oma innen am Zaun entlang und schimpfte keifend auf „das Ripp“. Meine Mutter liebte ihren Vater sehr, er schrieb Märchen, liebte Kinder und gab ihr keine Gelegenheit, weiterzustudieren, als alle ihre Jobs in den Semesterferien nicht mehr ausreichten (die Mutter musste ja auch unterhalten werden, die ältere Schwester verdiente nichts, die war als Dienstmagd an den Pfarreronkel gegeben worden, der eine Bruder war als Deserteur untergetaucht, der andere Bruder in Russland gefangen), trotzdem liebte sie ihn. Ich habe ihn nicht kennengelernt. Zwar war ich mit meinem Vater in Ettenheim, ein Jahr, bevor mein Großvater starb, aber er hat mich nicht hingebracht. Erinnern könnte ich mich wahrscheinlich auch nicht, denn damals war ich erst ein Jahr alt. Er ist übrigens an Parkinson gestorben, was meiner traurigen Großmutter Genugtuung verschafft haben soll, da sie sich freute, dass sein „sündiges Teil“ nun auch zitterte. Tante Liesel schickte mir, solange sie lebte, jedes Jahr zu Weihnachten ein Geschenk. Ein Buch (meist aus der Bibliothek meines Großvaters), ein Spiel (ich erinnere mich an ein kleines Gesellschaftsspiel, das mich so sehr gefreut hat, da ich ein von den Eltern fast nur intellektuell beschenktes Kind war) oder einmal, als diese ganz neu auf dem Markt waren, eine Schachtel Ferrero Rocher (mit der Schachtel und einem meiner Weihnachtsbücher verbrachte ich den restlichen heiligen Abend auf dem Bauch liegend hinter den Sesseln versteckt). Bei den Geschenken lag jeweils eine Weihnachtskarte, auf der nur das eine Wort stand: „Liesel“. Im Sommer, wenn meine Mutter und ich in ihrer Heimatstadt waren, besuchten wir die Tante immer. Es gab Wurstsalat und Brot oder andere badische Leckereien, immer gedeckt auf einem runden Tisch mit einer Tischdecke, die so üppig mit Drachen bestickt war, dass ich als Kind völlig fasziniert war, im Eßzimmer. Und nach dem Essen ging es in den Garten hinter dem Haus, der in meiner Erinnerung aus einer Teppichstange zum Turnen und mehreren Obstbäumen besteht. Am liebsten hatte ich die sonnenwarmen Mirabellen, die wir pflückten, bevor wir mit den Rädern weiterfuhren zum Baggersee. Liesel hat bis zum Schluß ihr zum Knoten gedrehtes Haar pechschwarz gefärbt, und ihr Gesicht hatte genau die Falten, die sie einer Oma in den Kinder- und Märchenbüchern malen. Es war ein liebes Gesicht und lieb war sie immer zu mir. Soll ich ihr böse sein, dass sie als ganz junge Frau sich in ihren Vetter verliebt hat? Dass sie, als ihr Mann ihr das Haus hinterließ, es nicht seinen Kindern gegeben hat? Ich bin ihr gar nicht böse. Die schwarzen Haare, die Teppichstange, die Fältchen, das schöne Haus, die sommerwarmen Mirabellen, die Geschichten meiner Mutter, das drachenbestickte Tischtuch, der Kies, der unter meinen Fahrradreifen knirscht – das ist meine Tante Liesel (die ja gar nicht meine Tante sondern – nun muss ich nachdenken – meine Cousine irgendeines Grades war).
Kraniche
laut rufend über uns auf dem Weg zu ihrem nächsten Schlafplatz
Milane über Wald und See
Kormorane
und heute Morgen
noch ein ausdauernder Specht
haben uns durch die letzten Tage begleitet