Heute Morgen hat mich eine Amsel ein ganzes Stück Wegs begleitet, das war schön. Sie hüpfte und flatterte auf dem Zaun neben mir entlang.
Neben der Freude über die freundliche Tierbotin ploppt natürlich sofort Mother Goose auf mit
Sing a song of sixpence, A pocket full of rye, Four and twenty blackbirds Baked in a pie. When the pie was opened The birds began to sing— Wasn’t that a dainty dish To set before the king?
Das hat logischerweise für Folge, dass ich endlich wieder einmal „A pocket full of Rye“ lesen muss, einer von Miss Marples größten Triumphen.
Das war eine herausfordernde Woche. Gar nicht aus objektiven Gründen, ich habe nur wieder einmal gemerkt, wie sehr vergangene Erlebnisse uns triggern können, welche Echos auftauchen können und uns so sehr in die Träume begleiten, dass Schlaf eine beunruhigende Aussicht ist, auch wenn man noch so müde ist. Allerdings weiß ich aus Erfahrung auch, dass man mit einer gewissen Entschlossenheit schlafen oder wenigstens ruhen kann.
Geholfen haben meine Freundinnen, die weisen Frauen. Geholfen hat Ute Schiran. Geholfen hat das Besinnen auf das, was ich weiß. Geholfen hat Chanten. Geholfen hat viel Freundlichkeit, die mir im Alltag begegnet ist. Geholfen haben die Helferwesen. Geholfen haben alte, wiedergefundene Bücher.
Auf dem Weg zur Arbeit durch diese schmalen Gassen zu gehen, durch Torbögen zu schlüpfen und dann 7 Störche auf den Dächern zu sehen, das ist Glück am frühen Morgen.
Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an dem Haus vorbei, in dem meine Oma väterlicherseits lange lebte. Dort habe ich sie zum ersten Mal besucht, als ich noch keine zwei Jahre alt war und seitdem war ich jedes Jahr mehrmals dort, bis sie ein paar hundert Meter weiter ins betreute Wohnen zog – da haben dann auch noch meine Kinder sie erleben können. (Auch dort komme ich täglich vorbei.) In dem Haus in der Danziger Straße wohnte sie im Erdgeschoss, vom Balkon und auch aus dem Zimmer des Fensters, wo ich auf Besuch übernachtete, konnte ich herunterspringen, das habe ich oft am Morgen getan und bin ganz früh durch den Ort gestromert, habe Brötchen mitgebracht oder ein paar Blumen. Heute Abend gab es bei uns Wienerle im Weckle und der Geschmack brachte mir einen Abend vor sehr vielen Jahren zurück. Ich war neun Jahre alt und meine Oma hatte auf dem Dachboden ein Buch ihres jüngsten Sohnes ausgegraben, „Einer vom Hause Lesa“ von Johanna Spyri. Mit dem Buch und einem Brötchen mit Wiener saß ich vor dem Balkon auf dem Rasen, gelehnt an einen der Essigbäume, die damals dort wuchsen (sie waren genauso alt wie ich und es gibt niedliche Fotos von uns als wir zusammen sehr klein waren, mittlerweile sind sie schon lange nicht mehr da) und aß und las, bis ich satt und das Buch ausgelesen war. Es war ein Sommerabend voller Seligkeit. Es war das Jahr, in dem meine Beine lang genug für das Fahrrad meiner Oma waren und ich die ganzen Ferien in der Rheinebene herumradelte, das Jahr, in dem ich einen karierten Sonnenhut bekommen hatte, eines der Jahre, in denen ich mich mit den Kindern aus der Nachbarschaft dort herumtrieb, und in diesem Jahr gab es diesen besonderen Abend mit diesem wunderbaren Buch, das heute hier, ganz in der Nähe des damaligen Leseplatzes in meinem Bücherschrank steht.
Die Frage, was und wie Zeit ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Für uns, die wir akzeptieren, dass das Leben nicht linear sondern spiralförmig verläuft, ist diese Frage vielleicht nicht so dringlich. In der linearen Zeit ist meine Mutter morgen vor 27 Jahren gestorben. In manchen Jahren denke ich an dem konkreten Datum überhaupt nicht dran, in manchen Jahren ist ihr Tod sehr in „meinem“ Feld um diese Zeit. Wie in diesem Jahr.
Es gibt kein Grab in deinem Heimatort und nirgends sonst. Sentimentalität hast du dir streng verbeten. Der Rhein erinnert sich an dich, die Wege, die Gassen und die Berge, und ich, und ich erinnere mich. Und meine Tochter ähnelt dir so sehr.
Ich hatte lange Jahre einen Blog, der hieß „Mein inneres Sauerland“, ein Titel, der nicht auf meinem Mist gewachsen war sondern aus einem Satz einer Freundin resultierte. Aufgrund einiger Widrigkeiten im Internet habe ich ihn damals aufgegeben, besitze jedoch sämtliche Einträge noch in gedruckter Form. Wenn ich hineinlese, wundere ich mich manchmal, was für geniale und manchmal, was für naive Sachen ich geschrieben habe. Die Fotos waren oft besser als die jetzigen, weil ich mit diversen sehr guten Kameras wirklich auf Fotopirsch war. Vielleicht fange ich mal wieder damit an. Heute waren wir mal wieder nach der Arbeit am und über den Rhein, das Wasser hat geduftet, wir haben so viele blaue Libellen gesehen, der Natternkopf blüht blauer als alles andere, ein kleines Hausboot (très chic), das an „Drei Mann in einem Boot“ erinnerte, kam vom Rhein-Rhône-Kanal angeschippert, die Blätter der Pappeln sind hochsommersilbern, und ich dehne meine Seele aus von den Vogesen bis zum Schwarzwald und dann noch darüber hinaus vom Mittelmeer bis zur Nordsee.
Ich bin auf Muttererde, auf Mutter Erde bin ich, ich bin am rechten Ort.
Wir haben heute in Seelbach auf der Terrasse am Schwarzwälder Hof Kaffee getrunken. Der Campingplatz ist bumsvoll, da passt keine Maus mehr drauf. Ich werde immer bedauern, dass die seltsamen, superteuren „Baumhäuser“ den Blick auf den Tretenhof versperren. Der Tretenhof ist eines meiner Lieblingshäuser. Die Veränderungen nehmen dem Ort nicht seine besondere Atmosphäre. Zumindest noch nicht. Ich habe in den letzten Tagen beim Gehen viel gesungen. Ich merke, dass ich es nicht „Mantren“, nicht „Chanten“ nennen will. Zaubersprüche vielleicht, Magie. Vor über einem Jahr hat es angefangen, in mir zu singen, „Jeder Schritt ist ein heiliger Schritt, jeder Schritt ist ein Heilungsschritt“. Und damit habe ich mich Stufe für Stufe (und das ist durchaus wörtlich gemeint bei den vielen tatsächlichen Stufen) weitergesungen. Meine Freundin Elisabeth schrieb heute, sie kommt in 14 Tagen auf dem Rückweg von Oggebbio vorbei. Oggebbio. Die 100 Stufen (schon wieder Stufen), der erste Blick von der Terrasse auf den Lago Maggiore, der mit den Ameisen geteilte Keks, mein Morgenkaffee, das nächtliche Gewitter.
Die Stockrosen besuche ich immer, wenn ich in die Stadt gehe. Ich habe jahrelang versucht, im Garten welche zu ziehen. Sie wurden immer abgemäht. Nun blühen sie mir einfach so. Und ich merke, dass ich völlig ohne Groll bin, das fühlt sich gut an.
Es gibt einen seelischen Ausnahmezustand, den die psychiatrische Fachwelt als Dissoziative Fugue bezeichnet. Im Vollbild handelt es sich um eine Flucht (Fugue) aus der gewohnten Umwelt, die nicht der eigenen Kontrolle unterliegt. Da kauft sich z.B. jemand spontan ein Ticket und fährt irgendwo hin. Sein Benehmen ist wahrscheinlich völlig normal, er handelt und spricht unauffällig ohne Anzeichen einer Störung oder Krankheit, nimmt aber gegebenenfalls eine andere Identität, einen anderen Habitus an. Es kann sein, dass er während dieser Reise seine Vergangenheit oder bestimmte Begebenheiten vergessen hat. Nach Beendigung des dissoziativen Zustandes „erwacht“ der Mensch und weiß nicht, wie und warum er dorthin gekommen ist, wo er sich nun befindet. Sowohl die Erinnerungen an das Leben vor als auch während der Fugue können von Amnesie betroffen sein.
Diesen Ausnahmezustand gibt es natürlich auch in abgeschwächteren Formen.
Seit Ende der 90er Jahre habe ich viele Kurse von Gerda Bareuther besucht und viel über Geistige Heilweisen, Quantenphysik und Vieles mehr gelernt. Ein zentraler Punkt, der immer wieder bei ihr vorkommt, ist das „sich fügen Lassen“. Etwas ganz fest wollen (und mit dem Gegenteil einverstanden sein) und dann loslassen, damit es sich fügen kann. Die Klanggleichheit von „fügen“ und „Fugue“ brachte mich auf den Gedanken, einmal unter dem Aspekt auf die vermeintliche Störung zu schauen, ob sie nicht auch eine kreative Ausflucht (da steckt die Fugue schon wieder drin) unserer Seele sein kann, um aus einem unerträglichen Zustand, der durch Logik und Grübeln ebensowenig zu lösen ist, wie durch verzweifelte Kraftanstrengungen, in den Raum des „Sich Fügens“ zu gelangen.
Hier schildert eine Frau ihr „Erwachen“ nach der Fugue: „Ich saß an einem Novembertag am Küchenfenster mit Blick auf die Berge und dachte so etwas wie: „Und wie um alles in der Welt bin ich ausgerechnet hierher gekommen?“ Mein Verstand wusste es natürlich, es war ein körperlicher und seelischer Prozeß des Erwachens. Im Märchen vom Froschkönig, das auch „Der eiserne Heinrich“ heißt, ist dieser Prozeß wunderbar beschrieben: Es kracht, und der Prinz ruft: „Heinrich, der Wagen bricht!“ Der treue Heinrich antwortet: „Nein, Herr, der Wagen nicht. Es war ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt, als Ihr eine Fretsche wast.“ Damit nämlich sein Herz ihm nicht aus Kummer bräche, hatte er es in eiserne Bande fassen lassen, die nun nacheinander zersprangen. Genauso fühlte ich mich nun, und das Gefühl der zerspringenden Eisenbänder hielt einige Tage an. Als ich dann mit der wiederhergestellten Einheit von Körper, Geist und Seele meine aktuelle Situation betrachtete, stellte ich fest, dass es sich wunderbar gefügt hat, auf eine Weise, über einen Weg, den ein kontrollieren wollender Verstand, eine ängstliche Vernunft, niemals hätten ausdenken können.“