So eine schöne Welt.

Wir stehen auf dem Ballon d’Alsace und sehen am Horizont die schneebedeckten Alpen. Wir stehen lange und schauen. Es ist ein stiller Tag, sanft kommt die Sonne durch den Hochnebel. Windstille. Ganz wenig Menschen sind unterwegs. Wir stehen lange in diesem Frieden und schauen. Was für eine wunderschöne Welt.

Wir haben an dem kleinen Verkaufsstand am Rhein ein Schälchen Tomaten und 2 Birnen gekauft, schön wie beim Herrn von Ribeck auf Ribeck im Havelland. Ein perfekter Septembertag.

Ich freue mich an dem, das es zu freuen gibt. Mag mich nicht rechtfertigen. Ich weiß um meine Gründe.

Dornröschen

Wenn man einmal diese Art zu Reisen mag (und trotz massiven Protestes ein geliebtes Wohnmobil einfach verkauft wurde), ist ein günstiges Angebot direkt um die Ecke ziemlich unwiderstehlich. Es ist natürlich ein Abenteuer, so ein altes Fahrzeug hatte ich noch nie. Am Anfang war es innen drin ziemlich naja, nun ist es blitzblank, saubere Polster, eklige Vorhänge raus, Heizung und Herd funktionieren, in den nächsten Tagen kommt die große Wassertankreinigung. Und ich freue mich jetzt auf die erste Übernachtung. Es hat den optimalen Grundriss, es ist kurz, es hat einen Alkoven zum Schlafen, das Klo ist so weit weg vom Bett wie möglich, die Sitze vorn sind genauso gemütlich wie die Bänke am Tisch, und das Raumgefühl ist gut. Weit weg vom Gefühl, dass man einen zu engen Stützstrumpf anhätte wie in diesen schicken neuen Bussen. Fahren ist auch gut und wird mit jeder Tour besser. Wachgeküsst eben. Wir machen das jetzt mal.

Wahrorte

Orte, an denen du dich besonders wohl fühlst, Orte, die etwas in dir anrühren, Orte, die du magst, die dich ganz zu dir kommen lassen, müssen nicht spektakulär oder bekannt sein. Eigentlich kann jede Stelle so ein Ort sein. Jeder Fleck am Wegesrand, eine Parkbucht, ein Stückchen Straße, ein Zugang zu einem Flussufer, einem Wäldchen. Manchmal verwandelt sich auch die eigene Eingangstreppe in so einen Ort. Oder ein Pflasterstein unter deinen Füßen. Du selbst machst einen Ort zum Wahrort. Und an manchen geht es leichter.

Radio.

Im Auto höre ich ab und zu mal ganz gerne Radio. Da meines die übliche VW-Radio-Schwäche hat und der Touchscreen nicht mehr richtig funktioniert, überrascht es mich manchmal. (Es ist sozusagen ein Radio-Orakel.) Heute hat es mich mit einem feinen französischen Musiksender überrascht, und als erstes kam direkt ein Chanson von Georges Brassens, da habe ich mich gefreut.

Heute.

Heute bin ich vom ersten Wecker sanft geweckt worden, nach einer ziemlich guten Nacht. Wenn die Träume nicht zu schlimm sind, die Wachphasen nicht zu lang und nicht so viele Hitzewellen, ist es eine ziemlich gute Nacht. (Das nehme ich recht entspannt, ich habe schon viel schlechter geschlafen. Wie schreibt Hesse – „Aber Schlaf ist ein scheuer Vogel geworden, schwer zu fangen und leicht zu morden.“) Ich habe Kaffeewasser heiß gemacht, währenddessen geduscht, dann Kaffee getrunken, ein bißchen gelesen, geschrieben, noch einen Kaffee getrunken, 2 Karten gezogen aus dem Deck von Margarete Petersen (Gedanken ans Wendland, an Luisa, an Anna, alles lange vorbei), bin aus dem Haus getreten, in einen überraschend warmen Septemberwind und zur Arbeit gegangen. Auf dem Rückweg waren die Vogesen so schön zu sehen und ein paar Alpensegler waren noch in der Luft. Am Nachmittag habe ich Etliches von der to do Liste abhaken können und dann voller Behagen in „Diskrete Zeugen“ von Dorothy L. Sayers gelesen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich mit Lord Peter angefangen habe, als ich fast 15 Jahre jünger war als er in den ersten Bänden und ich mittlerweile sein Alter in den letzten leicht überholt habe. Naja, das ging mir ja schon mit vielen Figuren so und ist spannend. Außerdem hallt heute noch der schöne gestrige Tag nach. Ich gehe heiter und zuversichtlich in die kommende Nacht.

Von wegen Steinzeit.

Von wegen Steinzeit: 500.000 Jahre lang lebten die Menschen ohne Krieg, Hierarchien, Religionen, menschenartgerecht im Matrifokal, in Muttersippen, mit Female Choice. 

Wenn ich so darauf herumreite, dass die Menschheit in der Steinzeit eben nicht keulen- oder messerschwingend herumlief, dass nicht irgendwelche primitiven Männchen Macht hatten und sich aufspielten, sondern ein friedliches Leben in Muttersippen stattfand, die Sippe gemeinsam die Kinder aufzog, also die blutsverwandte Sippe, dass biologische Vaterschaft völlig unwichtig war und Sexualität alleine von der Female Choice bestimmt war, geschieht das nicht, weil ich ein ein bißchen historisch klugscheißen will, sondern weil es einen grundlegenden Unterschied macht, ob wir Menschen uns zu dem Punkt, an dem wir jetzt sind, evolutionär „hochgearbeitet“ haben oder ob wir uns darüber im Klaren sind, dass es seit ca. 6.500 Jahren mit uns abwärts geht wie auf einer Kohlenrutsche. Es war die allermeiste Zeit der Menscheitsgeschichte viel besser (500.000 Jahre lang!) und das sollte in uns doch den Ehrgeiz und die Hoffnung erwecken, es wieder besser, bio-logischer, menschenartgerechter werden zu lassen. 

Die Menschen sind in der Evolution nur durchgekommen, weil sie früher (also die erste halbe Million Jahre der Menschheitsgeschichte) soziale Wesen waren. Seit vor etwa 6.500 Jahren das Patriarchat entstand, ändert sich das und zur Zeit in erschreckender Geschwindigkeit.

Aber auch wenn wir uns natürlich nicht zurückbeamen können, können wir doch daran arbeiten, es von diesem Punkt aus noch einmal wieder besser werden zu lassen.