Was mich gerade bewegt?

Abgesehen davon dass „Durchhalten statt durchdrehen“ ein gutes Motto ist, der „Politik“ zu begegnen, lese ich mal wieder Louise L. Hay und arbeite mich ganz ernsthaft durch ihr gelbes Büchlein, das ich seit fast 30 Jahren kenne. Eben habe ich einen Bericht über Hospizarbeit gesehen und denke, es ist eine Schande, dass so viel an Ehrenamtlichen und Unterbezahlten hängt, während für Kriege und ähnliche Dreibastigkeiten Summen in unvorstellbarer Höhe einfach rausgeschmissen werden. Außerdem gibt es Millionen von Gänseblümchen, der Löwenzahn fängt schon an zu blühen und ich habe heute richtig geackert, um die Pflanztröge mit Rankhilfe der Vormieterin zu leeren. Der Anhänger wird ganz schön voll, wenn wir zur Deponie fahren. Immerhin konnte ich einige Rosenkäferlarven bergen und etliches an Hauswurz umsetzen. In den Krokussen, Schlüsselblumen und der Christrose summt es, und die Besuchskatzen auf der Terrasse erfreuen uns jeden Tag. Der schwarzweiße Kater liebt die Fußmatte und macht hier regelmäßig ein Nickerchen in der Sonne und die Katze, die vor Jahren bei einem schrecklichen Unfall ihren Schwanz verloren hat, wollte mir heute schon auf den Schoß springen.

Der erste Zitronenfalter, die ersten Bienen, ich stelle Primeln vor die Türe, drinnen erfreut uns ein Tulpenstrauß. Februar. Monat der Verheißungen. Heute wollten wir eigentlich nach Frankreich fahren, haben uns dann aber umentschieden und waren im Schuttertal. Gut entschieden, Mulhouse wäre z.B. ungünstig gewesen. Ich habe den ersten Zitronenfalter gesehen und mag mal wieder Mascha Kaleko:

Rezept
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Also werde ich morgen mal wieder fegen und mich weiter an Wunder halten.

Noch bin ich nicht 55, das ist erst um 12.05 Uhr so weit, so dass ich mit Wasserfrau und Zwilling als Aszendent das doppelte Luftzeichen bekam. Vor 55 Jahren hat meine Mutter vielleicht noch geschlafen, vielleicht ging es ihr aber auch wie mir vor den Geburten, ich musste aufs Klo, hatte das Bedürfnis zu duschen, mir die Haare zu waschen, dann nochmal zu schlafen. Irgendwann ist sie dann, nachdem die Fruchtblase geplatzt war, zu Fuß (was man auf keinen Fall tun sollte, bitte nur liegend abtransportieren lassen) im frostigen, glatteisigen Gelsenkirchen zum Krankenhaus gelaufen, wo man sie irgendwann in den Kreißsaal gelassen und gegen Ende der Geburt noch betäubt hat, so dass sie nur noch murmeln konnte „auch das noch“, als man ihr sagte, ich sei ein Mädchen. Mein Vater ging am Morgen fröhlich in die Schule wie immer, und erst als am Ende des Unterrichts zuhause kein Essen gerichtet war, fiel ihm ein, dass da ja noch was gewesen war. Er eilte ins Krankenhaus, bekam mich, getrennt durch eine Glasscheibe gezeigt, war entsetzt („Ich dachte, du bist ein alter Chinese oder ein ganz junger Affe.“), wollte mich die ganzen 3 Wochen, die ich (untergewichtiges Kind einer starken Raucherin) noch dortbleiben musste, nicht mehr sehen und tat den überlieferten Stoßseufzer, als ich nach Hause kam: „Die ist ja doch ganz hübsch.“ Komischerweise habe ich dann doch eine ganz schöne Kindheit gehabt und war bestimmt eins der am meisten geliebten Kinder auf dieser Erde. Und auch 55 Jahre später bin ich eine glückliche Frau, trotz allem Chaos um uns herum. Das Leben ist schon eine wunderbare Sache.

Ich höre Das wohltemperierte Klavier und genieße die Präzision Bachs. Mir scheint nach Schlichtheit zu sein, denn ich habe auch mal wieder Tintin (Tim und Struppi) gelesen bzw. angeschaut und die Kunst der ligne claire sehr entspannend gefunden. Nebenbei schweifen meine Gedanken dahin ab, dass ich es schade finde, das Verschwinden nicht nur der Briefe und Postkarten zu beobachten und dazu das unverschämte Porto, eine Karte 95 Cent, sondern auch das der ausführlichen und wohlüberlegten E-Mails. Einen langen Brief mit der Hand zu schreiben war schön. Bach hat etwas Aufrichtendes, und das meine ich ganz körperlich. Ich hab das ja auch alles gespielt und merke, wie meine Wirbelsäule, meine Arme und Schultern und mein Becken sich in eine gerade, disziplinierte und gleichzeitig angenehme Position bringen.

Wir können nicht nicht im Kosmos sein. Ich weiß das. Und eben, als ich auf der Terrasse stand und staunte, wie viele Sterne von dem kleinen Fleck aus so nah am Städtle zu sehen sind, fiel es mir wieder ein. Wir sind im Kosmos, ein Teil des Ganzen. Wir können gar nicht anders, können es höchstens vorübergehend vergessen. So stand ich da im Kalten (nach den vorfrühlingshaften Tagen wird es gerade wieder kälter) und dachte an Kosmos und Sterne; dabei tauchte ein Lied von Tolkien, also eigentlich natürlich von Bilbo Baggins in mir auf wie eine Luftblase, und ich drehte mich um und ging wieder ins Wohnzimmer, mit Büchern, Sofa, Schreibtisch und schönen Lampen.

Home is behind, the world ahead,
And there are many paths to tread
Through shadows to the edge of night,
Until the stars are all alight.
Then world behind and home ahead,
We’ll wander back to home and bed.
  Mist and twilight, cloud and shade,
  Away shall fade! Away shall fade!
  Fire and lamp, and meat and bread,
  And then to bed! And then to bed!

Seit langer Zeit habe ich wieder gedacht, jetzt muss ich schnell Mama anrufen und ihr alles erzählen. Erzählen, dass ich nur 10 Minuten zu gehen brauche, um in die Rheinebene und hin zu den Vogesen zu schauen oder dass ich Brot beim Bäcker Käufer geholt habe.

Umzug.

Umzug. Erstes Bild: Eine festliche Parade, Narretei, Blasmusik. Zweites Bild: Möbelwagen. Drittes Bild „umzu“, das sagen die Ostfriesen zu „Drumherum“.

Ich bin mal wieder umgezogen, ohne Möbelwagen und nicht in Ostfriesland und auch nicht bei einer Parade. Kartons werden ausgepackt, Dinge eingeräumt, Möbel aufgebaut und umgestellt.

Das Schöne ist nicht nur das Ankommen an einem Ort, an dem ich schon immer gerne sein wollte, das Schöne ist auch, dass eigentlich nur Lieblingsstücke mitkommen, beim Umziehen. Lieblingsstücke an Büchern, Möbeln, Kleidung, Geschirr und sonstigen Besitztümern.

Zeit

Der Schmerz, der sich einstellt, wenn ich „Jauche und Levkojen“ schaue oder Dönhoff lese, ist ein ganz besonderer. Keine Rührseligkeit, kein Schuldbewusstsein, keine Hoffnung auf oder Notwendigkeit der Änderung. Es ist ein tiefes, tiefes Bedauern. Beim Betrachten unserer alten Fotos – der ganz alten, die mein Vater noch hat, teils gerettet, weil Abzüge der Berliner Verwandtschaft geschickt wurden, der neueren von der Ostpreußenreise mit meinem Vater im Jahr 2011 – verschärft sich dieser Schmerz und mildert sich gleichzeitig ab. Diese Schmerzen tragen sich weiter, wie ein Kettenglied sich ins andere fügt, während sie immer die aktuelle Zeit mit einflechten, das Alte wird allmählich weniger, das Neue mehr. Wer es sich bildlich vorstellen möchte, könnte nach der Anleitung suchen, einen französischen oder Bauernzopf zu flechten, das trifft es ganz gut. Wenn 80 Jahre nach der Flucht aus Ostpreußen geschieht, dass über eine Rezeptgruppe auf Facebook ein Bäckerssohn und eine Försterstochter aus einem kleinen Ort in der Rominter Heide telefonieren, weil ihre Töchter sich über Königsberger Klopsen begegnet sind, ist das ein unglaublich tröstlicher Moment.