Ich konnte nicht schlafen

und habe mir deswegen überlegt, wie es wohl mit Heidi weitergegangen sein könnte. (Neulich hatte ich ja Spyri-Lesetag.) Da ist Heidi, im Original permanent „das Heidi“ genannt, wieder bei ihrem Großvater. Klara kann laufen und wird sie mit der Großmama einmal im Jahr besuchen. Der liebe Doktor hat das verfallene Haus gekauft im Dörfli und richtet es her, inklusive Winterquartier für Heidi und den Öhi. Die blinde Großmutter bekommt das Bett aus Frankfurt, und der Geißenpeter kann ihr notfalls was vorlesen.

Als Happy End fand ich es so mitten in der Nacht auf einmal sehr, sehr dünn. Heidi ist etwa 10 Jahre alt am Ende des zweiten Bandes, der Geißenpeter 16 (da muss die Autorin sich am Anfang irgendwie im Alter vergaloppiert haben, denn dass er da noch in die Schule geht, wäre eher unwahrscheinlich). Wie könnte es weitergehen? Was wird Heidi in der Pubertät erleben? Nur den Tisch in der Hütte blankputzen und unter den Tannen herumhüpfen wird nicht genügen, und mit dem Peter täglich in die Bergeinsamkeit mag ich sie auch nicht mehr schicken, vor allem, weil er sie ohnehin schon als sein „Gut“ ansieht und unter mangelnder Impulskontrolle leidet.

Also: Der gute Doktor will sie ja „in alle Kindesrechte“ eintreten lassen (damit sie ihn später einmal pflegt), also ist sie finanziell abgesichert. Ich denke mir, ein gutes Internat in Basel sollte sich machen lassen. Dort lernt sie andere Mädchen kennen, anderes Essen (das in Frankfurt mochte sie ja vor lauter Heimweh nicht, aber in dem Internat werden ihr die Dinge, die nicht aus Ziegenmilch sind, schon schmecken, sie kann Gemüse und Salat und Obst kennenlernen…) und anderen Schulstoff als der Zwergschullehrer im Dörfli in die Köpfe hineinbugsieren kann. Dort werden sie merken, wie klug „das Heidi“ ist und sie auf die Idee bringen, Lehrerin zu werden – wenn dann der alte Lehrer in Pension geht, kann sie im Dörfli unterrichten (dass sie von dort weggeht, kann ich mir noch nicht vorstellen, vielleicht in einer der nächsten Nächte).

Außerdem machen Sesemanns natürlich kräftig Reklame für Gesundwerden in den Schweizer Bergen – wenn dort sogar Klara wieder Laufen lernen konnte, wie gut wird dann ein Aufenthalt allen gestressten, ausgebrannten, müden, sonnenentwöhnten Großstädtern tun! Heidi und der Öhi ziehen also auch im Sommer ein, zwei Monate ins Dörfli in das renovierte Haus und vermieten ihre Almhütte mit Ziegen und Heulager zum Schlafen an die ersten Touristen. Und (darauf bin ich ganz stolz) so ist auch der Peter gut versorgt (was hätte er sonst werden sollen – ewiger Ziegenhirt, immer bettelarm, Tagelöhner, nein, wie es denen ging, wissen wir ja aus Gritlis Kinder und aus dem Rosenresli): Er macht den Hausmeister, zeigt den Fremden, wie man Ziegen melkt, nimmt sie mit auf die Weide, seine Mutter kann im Haushalt zu Hand gehen, so haben sie ein Zusatzeinkommen, und der Peter muss sich zusammennehmen und kein fremdes Eigentum den Berg hinterstoßen oder die Ziegen grundlos mit der Rute schlagen.

Als schönes Schlußbild, bei dem ich dann wieder einschlafen konnte, stellte ich mir vor, wie Heidi Klara in Frankfurt besucht, als sie vielleicht die Prüfung als Lehrerin gerade bestanden hat, vielleicht anlässlich Klaras Verlobung, und Fräulein Rottenmeier auf deren neugierige Nachfrage, warum sie denn Lehrerin werden wolle, deutlich sagt, sie habe als Kind erfahren, wie man Kinder auf keinen Fall behandeln dürfe und wolle dies nun anders machen.

Ja, so etwas denke ich, wenn ich mal wieder nicht einschlafen kann.

 

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