Norden

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Ich mag das Wattenmeer. Was mich immer irritiert, ist die Art der Menschen, es zu benutzen. Land dem Meer „abzutrotzen“, erscheint mir schon immer irgendwie unanständig. Bis in die See hinein zu betonieren, auch. Und dass kaum freie Strandabschnitte zu finden sind, ohne Asphalt und Souvenirbuden, ohne dass einem Lenkdrachen um die Ohren zischen und Zombies mit Rollkoffern zur nächsten Fähre hasten. Einfach am Meer sitzen und schauen wie das Wasser kommt oder geht, das ist wunderschön. Und diese Luft. Und die Möwen und die Wattvögel. Zwischen diversen Terminen haben wir es geschafft, drei Tage Urlaub zu haben. Und Fischbrötchen zu essen.

Wenn ich zeitreisen könnte…

Vor einigen Jahren hätte ich noch gesagt, ich schaue mir die Zwanziger Jahre an, besuche Hildegard von Bingen und lerne in der Steinzeit, wie man in matrifokalen Sippen lebt. Heute wäre ich ganz bescheiden und würde mal wieder in die 70er und 80er Jahre hineinspickeln oder ins Jahr 2019 reisen, um zu schauen, ob sich nicht doch noch etwas abwenden ließe oder vorbereiten, absichern oder planen. Und um nochmal mit meiner Tochter in Pau vor dem Ofen sitzen und Lukas Lenz schauen zu können, während wir Pizza essen.

Abgesehen davon gibt es in meinem Hier und Jetzt viele Gründe, um hier und jetzt und glücklich zu sein.

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Seit fast drei Monaten blüht die Malve im Gärtchen,

Starkregen, Wind, Hitze, alles ist ihr einfach Sommer und Lebenszeit.

Und immer noch macht sie neue Blüten.

Es gibt diese Spaziergänge, dieses Schlendern, bei denen jeder Schritt Seligkeit ist. In der Üppigkeit des späten Juli an den Feldern entlangzugehen, den Spatzen zuzusehen, die aus den kleinen Ebereschen, deren Beeren sich röten, und aus den Schrebergärten rechts des Weges in Scharen in die Mitte des Weizenfeldes fliegen und wie Tropfen auf die Ähren fallen, kurz picken und wieder zurück in die Deckung schwirren. An den Brennesseln stehenzubleiben und die Tagpfauenaugenraupen bewundern. Richtung Berge blicken. Schwitzen. Mich auf die kalte Dusche freuen. Seligkeit.

Ein guter Tag.

Auch wenn es heute nicht so heiß war, ist eindeutig Hochsommer, überall staubt es von den Mähdreschern. Wir haben viel gesehen, Störche und Milane, Stare und Rehe, einladende Orte, sind versehentlich mit dem Auto in eine Warteschlange für ein Festival geraten, das wir dort weder vermuten konnten noch besuchen wollten, und zum Schluß haben wir noch fein gegessen.

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Sind die Gedichte in mir 
verstummt und verblichen?
Oder sind sie nur
ungeschriebenen Worten gewichen?
Statt naiv überzeugt
in Verse zu fassen
kann ich nun auch
Dinge Ding sein lassen.
Nur manchmal werden die Worte laut
wollen ausgedrückt werden
wie Pickel unter der Haut.

Mit der Prosa geht es mir ebenso. Ich schreibe viel und lösche dann das allermeiste wieder. Worte sind so drastisch, und geschriebene Worte wirken manchmal wie Fußabdrücke in Zement. Vielleicht läutet sich einfach eine neue Phase des Schreibens ein. Warum sollte auch gerade das Schreiben von neuen Phasen, Zwischenwelten und Übergangszeiten unberührt bleiben? Was mir übrigens in der letzten Zeit mit am besten gefallen hat, waren Auszüge aus den Werken von Erich Mühsam, die im MDR Kulturradio vorgelesen wurden. 

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Wegwarte. Aus ihren Wurzeln wird Zichorienkaffee gemacht, sie ist ein wertvolles Heilkraut, bei den Bachblüten kennen wir sie als Chicory. Die Begegnung mit ihr erinnert uns daran, uns selbst treu zu bleiben, bringt uns ins berühmte Hier und Jetzt, weist darauf hin, keine Bedingungen für liebevolles Tun zu stellen. Außerdem erinnert sie an Hagazussa, die Zaunreiterin, sie steht an und auf der Grenze, ist weder Weg noch Wiese.

Wieder im Haus mit dem Hinterhof, in dem die Wäsche bei diesem Wetter wunderbar trocknet. Ich habe die Ameisen besucht, deren Hochhaus durch den Starkregen nur ein klein wenig platter geworden ist, sie wimmeln und wuseln wie gehabt. Vielleicht fahren wir heute Abend noch zum See.

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Viele leerstehende Häuser hier, in deren Vorgärten langsam Wildnis wächst. Danach sind die Fassaden dran, Birken wachsen auf bröckelnden Balkonen und Geißblatt schlängelt sich durch Fenster. 

Wir erleben eine Zwischenzeit in dieser seltsamen Welt. Wie mit Scheuklappen hasten die Menschen in den Städten aneinander vorbei, rempeln sich an, kaum jemand blinkt, wenn er aus einem Kreisverkehr rausfährt, man kommt sich vor wie bei einem ziemlich niveaulosen Jump-and run-Spiel. Dieses Jump-and-run-Spiel-Gefühl hatte ich zum ersten Mal, als 2020 die Abstandsregelung ausgerufen wurde und die Leute vom Weg sprangen, wenn ich ihnen entgegen kam. Jetzt ist es eher so, dass ich ausweiche, weil sich eben zu Fuß, mit Fahrzeugen oder Einkaufswagen so bewegt wird, als wäre niemand anderes da. Das große Thema ist wieder mal Fußball; was die Weltpolitik derweil betreibt, um die Reise in den Abgrund zu beschleunigen, ist den allermeisten Leuten offensichtlich komplett egal. Ein Foul im Strafraum ist wesentlich empörender und mit mehr Emotionen besetzt als so etwas wie Grundrechtsverluste.

Und was ist schön? Was ist gut? Die Menschen, die geblieben sind. Der (wenn auch bisher wirklich nasse und kühle) Sommer. Der Gesang des Zaunkönigs am Morgen und die flötende Amsel am Abend, der unverwechselbare Ruf des Milans, wenn er dicht über uns kreist.

Gut ist, wenn ich mich ins nasse Gras knie, um festzustellen, dass die kleine Nelke trotz des ganzen Regens unglaublich fein duftet.

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