Mit Magen- und Rückenweh sitze ich auf der Terrasse, da flattert es im Busch, der Zaunkönig setzt sich neben mir aufs Geländer und schaut mir ein Weilchen in die Augen. Ich fühle mich beschenkt.

Juni

Ohne die Motorräder, die in endloser, lärmender Kolonne durchs Sauerland ziehen, wäre es ein ruhiger Sommertag. Die Radieschen sprießen, die Fingerhüte blühen noch, Margeriten ebenfalls, Natternkopf bereichert die Wiesen und Wege um sein intensives Blau, oranges Habichtskraut strahlt genauso wie das gelbe. Wegwarte habe ich noch nicht viele gesehen. Die Schwebfliegen besuchen den Pippau in unserem Gärtchen. Endlich richtig Sommer.

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Hier ist uns ein Gefleckter Schmalbock (leptura maculata) begegnet.

Diesen Text von Rilke habe ich heute Morgen gelesen:

„Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, daß dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch !!
Aber – er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…..
Man muß Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Es handelt sich darum alles zu leben !

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich -ohne es zu merken – eines fremden Tages in die Antwort hinein.“

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Die Natur scheint den kalten, verregneten Juni mit eingestreuten Sonnenstunden zu genießen, es ist so grün und üppig, es gibt so viele Fingerhüte wie ich noch nie gesehen habe. Aber ich, ich möchte endlich in der Sonne liegen, Wäsche aufhängen, spazierengehen, ohne nasse Füße und immer einen Blick zu den Wolken, wann es wieder losschüttet, möchte an den langen, hellen Abenden, die es nur zu dieser Zeit im Jahr gibt, draußen sitzen. Licht und Wärme wären gerade so wichtig und tröstlich.

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Helferwesen

In den letzten vier Wochen habe ich sie fast jeden Tag aufgesucht. In der Zeit haben sie vor allem in die Höhe gebaut. Ihre Kraft und Ausdauer, ihr Sinn dafür, was die Gemeinschaft braucht, ihre Balance zwischen Eifer und Ruhe, all das waren nährende und helfende Botschaften für diese Zeit. Eben habe ich mich verabschiedet. Morgen ziehen wir weiter.

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Ich habe neulich ein neues Wort gelernt:

to spuddle*)

Als Illustration möchte ich am liebsten das Bild einer ehemaligen Chefin zeichnen, die nie anders anzutreffen war, selbst draußen beim Rauchen, als mit zerrauftem Haar, einem Telefon am Ohr und mehreren Ordnern unter dem Arm, aus denen hier und da wichtige Papiere herausschauten. Beim Rauchen stand sie auch mal still, ansonsten bewegte sie sich im Geschwindschritt und lauthals ins Telefon sprechend, durch den ganzen Betrieb oder fuhr mit ihrem Schreibtischstuhl durchs Büro, dessen Türe natürlich offen stand, damit ihr Eifer auch wahrgenommen werden konnte. Sie war ein lieber Mensch (und ist es sicher noch, sie hat sich ja nicht in dem Moment in Luft aufgelöst, als ich aufhörte, dort zu arbeiten) und auch in diesem chaotischen Verhalten sympathisch.

*) „To spuddle“ is a word from 17th century that means to work ineffectively; to seem extremely busy whilst achieving absolutely nothing with the utmost hustle and bustle.

Sonnenbank

„Graf Douglas spricht’s, am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh.
Er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.“
(natürlich Fontane, Archibald Douglas)

Naja, fast. Ich habe mal wieder die Schachnovelle gelesen und mich dabei auf einem dieser Betondinger gesonnt, ohne dass mich mehr als 2 sehr kleine Ameisen gebissen hätten. Lerchen sangen, Heuschrecken sprangen, und in der Stadt duftet alles nach Liguster.

So wie mir ein Grundgefühl von Freude innewohnt, existiert auch eine Grundtraurigkeit. Beides ist unabhängig von äußeren Gegebenheiten, wird manchmal durch einen Traum oder einen Sinneseindruck in den Vordergrund gerückt. Heute macht die Grundtraurigkeit sich bemerkbar, ganz milde und fast wie eine Art Mitgefühl, dabei ist noch gar nichts passiert außer zwei Tassen Kaffee hier am Fenster. Ich habe sogar schon meditiert. Vielleicht wurde sie durch nächtliche Gedanken aufgeweckt, halbwache Gedanken zu den Themen Freundschaft und Familie und die Entwicklung in den letzten 4 Jahren und fast 3 Monaten.

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Und jetzt schlucke ich den letzten Kaffee hinunter und schaue, was die Grundfreude macht, die ja durchaus auch bei den nächtlichen Themen reichlich Nahrung findet. Sogar mehr als die Trauer, die, bei Tageslicht betrachtet, mir viel zu viel Sentimentales hat. Man kann auch mal einfach „Good riddance.“ sagen und die Achseln zucken.