„Du bist jetzt so alleine.“, sagte mein Vater gestern bekümmert. Aber ich konnte ihn beruhigen. Hoffe ich. Ich bin nicht alleine, ich bin all-ein. Da gibt es so ein hübsches Gedicht von Rilke, das das ganz gut beschreibt, das Eins-Sein mit dem All. In Meditationen gehen wir gerne in den Kosmos, und auf einmal fällt uns ein, dass wir doch die ganze Zeit im Kosmos sind. Auf dieser wunderschönen Erde, die durch das All tanzt. Der Kater ist mit der Decke im Mäulchen eingeschlafen, auf der er herumgekaut und -gepfötelt hat. Und ich habe heute ein wirklich gutes Wort bekommen: „Nicht strampeln, Du gehst nicht unter, Du schwimmst von allein.“ Jetzt aber der Rilke:

„Überfließende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hin drängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
dass du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau!  Wieder.  Leicht und gesichtslos
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht giebt dem deinigen Raum.“

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Schwarzmondin

Nächtliche Erkenntnis,

wegen der ich um 5.18 Uhr aufstehe. Ich habe immer wieder als persönliches Thema, das meine Eltern mich Einzelkind so im Beobachtungsfokus hatten. Gerade meine Mutter wollte immer genau wissen – und glaubte auch, genau zu wissen – was ich denke, fühle, mache, plane, bin. Das ist für ein Kind so anstrengend, dass ich immer noch Strategien entwickle, um Beobachtung zu entrinnen. Und eben rutschte ich im Halbschlaf in eine Art Dialog mit meiner Mutter, die ja 1998 gestorben ist. Dabei stellte sich heraus, dass sie das getan hat, weil sie als Kind völlig uninteressant für ihre Eltern war. Die waren mit ihrer Scheidung (die erste Scheidung in der badischen Kleinstadt, im Jahr 1939 ein Skandal ohnegleichen) und dem gegenseitigen Hass beschäftigt, ihrer großen Schwester wurde sie als zu hütendes Anhängsel angehängt. Sie hätte sich gewünscht, dass jemand sich für sie, ihre Gedanken und Pläne interessiert hätte. Und so hat sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings hat sie mich radikal damit überschwemmt. Ob ich es balancieren konnte bei meinen Kindern? Ich werde sie mal fragen. Vielleicht hätten sie wieder lieber mehr „Beobachtung“ gehabt? Ich glaube nicht, aber ich werde sie fragen.

Oh, wow, der Regen lässt etwas nach. In den letzten Tagen sieht das Land grauer aus als im Januar, als unter dem Schnee erstaunlich grüne Wiesen erschienen. An den Straßenrändern überall „Baumpflege“. Vielleicht, wenn das Wetter nun etwas lichter wird, merkt man endlich besser, dass die Tage länger werden. Das täte gut. Und wieder in der Sonne sitzen…

Schneeregen

Und trotzdem liegt in der Luft und in der Erde ein Hauch von Frühling.

Ich lese Ute Schiran:

Was bleibt nach einem Sturm:
geh langsam übers Land;
sieh die Veränderungen und das,
was aus ihnen entstehen kann.
Hab keine Eile.
Manches fügt sich ohne dein Tun.

„Ghosting“.

Interessante Erfahrung.

Kaltgestellt, alleingelassen, abgeschaltet, ungehört, ungesehen, unbedacht (?).
Was macht das mit einer?
Trauer. Einsamkeit. Fassungslosigkeit. Ohnmacht.

„Du bist so radikal.“ Ich hatte etwas Kritisches über Lauterbach gesagt. Habe dann erklärt, dass mir in den letzten 4 Jahren radikal mitgespielt wurde. Job, Familie, Haus, Garten, Tiere, Sport, Freizeit, Reisen… alles weg. „Ja, aber das war ja deine Entscheidung.“ Klar, hätte ich mich halt spritzen lassen und brav eine Maske aufgesetzt und den Mund gehalten. Ach je.

„Du kritisierst einfach Menschen.“ Eine Frau mit Maske kam aus dem auf dem Supermarktparkplatz aufgebauten Mammographiemobil und ich hab mich über das dystopische Bild erschreckt. Ich solle „den Menschen doch ihre Freiheit lassen“. Welche Freiheit nehme ich dieser Frau, wenn ich im Auto still für mich zusammenzucke? Welche Freiheiten wurden mir genommen? Mein Zusammenzucken ist anscheinend definitv schlimmer.

Und was hat mich heute gefreut? Der Geburtstag meines Sohnes, meine Meditation am Vormittag, das gute Essen, der Hund und die Kater, denen es hier so gut geht, ein Spaziergang mit Hund (uh, so ein kalter Wind!), dass der „Streit“ friedlich abgelaufen ist, die neuen Triebe am alten Efeu, ich habe wieder mal „Die unendliche Geschichte“ gelesen, und jetzt werde ich schlafen und morgen wieder in den Zug steigen.

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„Ich fühle mich bedroht.“ ist der brandaktuelle Satz des Tages. Der Sagende fühlte sich bereits in den 90ern bedroht, von Stürmen, die das Dachfenster umklappen könnten, vom Russen und von Friedensdemonstrationen. Nun ist die Bedrohung Corona (trotz vieler Spritzen), Pazifisten (weil die nicht wollen, dass „wir“ Krieg führen), Putin und Hamas (natürlich sei es unschön, dass täglich so viele Kinder ohne Betäubung amputiert werden müssten, aber…). Ich stelle fest, obwohl das Patriarchat uns wirklich alle täglich bedroht, habe ich keine Angst. Meine Angst habe ich in den 80ern abgearbeitet, als uns kalter Krieg, Tschernobyl, Kindermörder und (sobald man aus der für diese attraktiven Altersgruppe heraus war) Aids und BSE täglich zu den Mahlzeiten serviert wurden.

Abgesehen davon fuhr ich heute ziemlich erfolgreich mit der Bahn – natürlich blieben wir öfters mitten auf der Strecke stehen, einmal auf einer ziemlich hohen Brücke, ganz spannend – und wurde von einem meiner Söhne am Bahnhof abgeholt, das war schön. Die anderen Hausgenossen, meinen Hund, die Kater und meine Bäume und Sträucher zu begrüßen ist auch schön. Das Tochterkind ist leider nicht da, aber wir haben uns gehört und gelesen.

Ich habe ein bißchen an meinen Haaren herumgeschnippelt, mal gespannt, wie es aussieht, wenn sie trocken sind.

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MA – Werk von Sieglinde Maul

Ich konnte mit dem dicken Kater auf dem Schoß eine ganze Weile in vorfrühlingshafter Sonne sitzen und schnurren. Das hilft mir, den Satz des Tages, der mir wirklich heute von einer Frau aus meinem Heimatort um die Ohren gehauen wurde, mit dem nötigen Darüberbleiben zu betrachten:

„eine solche Pandemie hatten wir in jüngerer Geschichte nicht. Ich möchte nicht wissen, was sie gesagt hätten, wenn Millionen gestorben wären, weil die Regierung NICHT reagiert hätte. Im Nachhinein ist man immer schlauer.“

Da verweigert jemand seit knapp 4 Jahren (und wahrscheinlich vorher schon) jede Information außerhalb des Mainstreams. Dass die Fallzahlen bereits SANKEN, als die Maßnahmen angeordnet wurden, dass der R-Wert, sobald er zu niedrig war, durch die jeweils passenden Werte (z.B. positive Tests, die ja nie zur Feststellung tatsächlicher Infektionen in lebendigen Menschen konzipiert waren) ersetzt wurde, dass die seelischen, sozialen und körperlichen (und finanziellen) Folgen der Maßnahmen einer direkt ins Auge springen mussten (ich vergesse nie die Menschen im Altenheim neben der Wohnung meines Vaters, die keinen kleinen Spaziergang um den See mehr machen durften, sondern in ihren Zimmern eingesperrt, das ganze Heim in Flatterband eingewickelt, genau wie die Spielplätze, dass es AUSGANGSSPERREN gab, dass die Intensivstationen nie überlastet waren, dass im Gegenteil auch in der Zeit kräftig Betten abgebaut wurden, dass die Zahl der verhungernden Menschen, vor allem Kinder, in der Maßnahmenzeit weltweit enorm gestiegen ist, dass Menschen mit den „Bergamo“-Bildern in Angst und Schrecken getrieben wurden, von denen mittlerweile sicher nachgewiesen ist, dass sie nichts aber auch gar nichts mit Corona zu tun hatten, dass Masken propagiert wurden (erst war alles erlaubt, dann Stoffmasken, dann diese OP- Masken, dann FFP2), die zur Virenabwehr gar nichts taugen), und dass die Begründung für die Zeit bis April 2020, in der die Politik noch sagte, dass man keine Masken bräuchte, lautete, man hätte halt damals keine Masken vorrätig gehabt, die Bevölkerung aber nicht verunsichern wollen… Die Liste ist endlos. Und: „Im Nachhinein ist man immer schlauer“ – Warum gebt ihr es dann nicht zu? Und: Warum wart ihr wie „wir“ nicht auch schon vorher schlauer? Die Daten, Informationen und Schlussfolgerungen waren nicht schwer zu bekommen. Zumal die eigene Wahrnehmung schon alles aufklären konnte.