16. März

72 wärst du heute geworden. Ich denke an dich, während die ersten Falter fliegen und zum ersten Mal die Sonne richtig wärmt. Ich denke an viele Jahre.

William Shakespeare
(from Cymbeline)

Fear no more the heat o’ the sun,
Nor the furious winter’s rages;
Thou thy worldly task hast done,
Home art gone, and ta’en thy wages:
Golden lads and girls all must,
As chimney-sweepers, come to dust.
Fear no more the frown o’ the great;
Thou art past the tyrant’s stroke;
Care no more to clothe and eat;
To thee the reed is as the oak:
The scepter, learning, physic, must
All follow this, and come to dust.
Fear no more the lightning flash,
Nor the all-dreaded thunder stone;
Fear not slander, censure rash;
Thou hast finished joy and moan:
All lovers young, all lovers must
Consign to thee, and come to dust.
No exorciser harm thee!
Nor no witchcraft charm thee!
Ghost unlaid forbear thee!
Nothing ill come near thee!
Quiet consummation have;
And renownèd be thy grave!

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Amseln auf Giebeln

Im März sitzen zum ersten Mal
wieder Amseln auf Giebeln und Dachfirsten
und singen so schön
dass Herzen sich fühlen
wie bröckelnder Zuckerguss.

Immer wieder vergessen sie im Winter
dass es diese Töne
die durch diese duftende Luft dringen
wirklich gibt
und immer wieder
begreifen sie neu
dass es doch so ist.

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Trancereise

Nach einer unruhigen Nacht mache ich mich am Morgen mit dem Gesang der Vögel vor dem Fenster auf den Weg zu meinem Ahninnenhaus. An kleinen Mauern entlang wie man sie auf englischen Wiesen und Feldern findet, folge ich dem Ton einer Trommel bis zu einem Zauntritt, steige hinüber, gehe weiter und komme beim Haus an. Es ist das Haus oben im Bild. Vor der Türe sitzt trommelnd Ute Manan Schiran. Ich gehe hinein und finde zu meiner Freude an einem runden Tisch hinter der Türe direkt Sieglinde, Sabine und Susan-Barbara sitzen und umarme sie. Auf der Treppe nach oben und im oberen Stockwerk, es ist nur eine kleine Galerie, sehe ich meine Mutter und viele Frauen aus meiner Familie. Auch viele andere sind da, die ich nicht kenne. Und im Mittelpunkt, bequem an die Wand gelehnt, gegenüber der Tür, sehe ich eine, die heute das erste Mal hier ist. Sie von weit gekommen. Eine halbe Million Jahre durch die Zeit, die Ahnin, die Uralte. Wir wenden uns ihr alle zu, setzen uns um sie, und sie spricht mit Bildern zu uns. Wir sind eine Nuss, die sie im Boden versenkt, tief in die Dunkelheit der Erde. Manche Nuss keimt und wächst zu einem großen Baum auf. Viele andere Nüsse werden angebohrt und Insekten werden aus ihnen geboren. Andere werden einfach gegessen. Ganz deutlich zeigt sie uns, dass es keine Wertung gibt. Der Baum wächst nicht aus einer „guten“ Nuss, die angebohrte Nuss ist nicht weniger als der Baum, die von ihnen zehrenden, Leben gewinnenden, Tiere sind weder gut noch böse. Sie sind. Die Unendlichkeit der Möglichkeiten des Lebens steht klar vor uns und dehnt sich spiralförmig und tanzend bis ins All aus. Ich fühle, wie durch die Reihen meiner leiblichen Ahninnen hinter mir eine Erleichterung weht. Keine hat durch ihr Sein, durch angebliche falsche Entscheidungen, durch Fehler, durch irgendetwas diese Spirale des Lebens gestört. Wir wollen der Uralten danken, ganz respektvoll, da breitet sie die Arme aus und lacht uns so liebevoll an. Wir drängen uns um sie und umarmen sie zu vielen auf einmal. „Meine Kinder“, sagt sie. „Meine Töchter, meine Töchter.“
Als ich das Ahninnenhaus verlasse, sehe ich, links neben der Türe einen Besen lehnen, einen Reisigbesen, den ich mitnehmen soll. Ich trage ihn in der linken Hand den Weg zurück, über den Zauntritt und stelle ihn hier außen links vor die Haustüre. Es ist Zeit durchzufegen.

Buchempfehlung: Ulrike Guérot „Wer schweigt, stimmt zu“. Eine klare Analyse, Bestandsaufnahme und Prognose der Politwissenschaftlerin (an der auch der Letzte keinen Fitzel „Aluhut“ finden wird). Es ist gut und rasch (da nicht dick) zu lesen und sollte Pflichtlektüre sein, bevor wieder polemische Platitüden rausgehauen werden. tempImage58HQ0e

Mir ist ein Gedicht wieder eingefallen, das ich vor fast 30 Jahren geschrieben habe.

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„Gefährliche Zeit, wenn der Frühlingswind weht,
gefährliche Zeit, wenn die Sonne hoch steht,
gefährliche Zeit, wenn der Stein sich erwärmt,
gefährliche Zeit, wenn die Imme schwärmt.
Dann ist es Zeit, zu suchen, zu fühlen,
Zeit sich zu paaren und auch Zeit zu spielen.
Gefährliche Zeit wenn der Frühlingswind weht.“

verzauberter Ort

An einem kleinen See
in der Nähe eines Campingplatzes,
der nur noch von Moos und Algen zusammengehalten wird,
gibt es nach dem Sandsträndchen
eine Landzunge mit Birken und Kiefern,
die mich so an Ostpreußen erinnert.
Wenn dort alles einsam ist
und nur die Bläßhühner rufen,
ist es ein wunderbarer Ritualplatz.