Dutt.

Da ich ja wegen der „Maßnahmen“ nicht mehr zum Frisör gehe, kann ich mittlerweile einen Dutt machen. Als ich mich heute im Spiegel ansah, erinnerte ich mich an meine Tante Liesel. Sie war eine Cousine meines Großvaters mütterlicherseits und außerdem seine zweite Frau. Als Kind besuchte ich sie regelmäßig mit meiner Mutter, immer wenn wir in E. waren. Sie wohnte in dem schönen alten Stadthaus, das mein Großvater ihr vererbt hatte, seine Kinder bekamen kein Geld mehr von ihm, seit er sich hatte scheiden lassen, das Haus bekamen sie genausowenig. Er war gestorben, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht mehr kennengelernt. (Kennengelernt habe ich ihn viel später, als ich einen großen Kasten Briefe aus der Zeit der Scheidung und den Jahren danach fand, aber das gehört nicht hierher. Er schrieb auch wunderschöne Märchen.) Ich war sehr gerne dort: Das Haus war spannend, der Garten wild und schön, mit einer krummen Teppichstange zum Turnen und einem Mirabellenbaum, dessen Früchte in der Sommerhitze köstlich waren. Meist waren wir zum Abendessen da und es gab Wienerle oder badischen Wurstsalat. Im Wohnzimmer, an einem runden Tisch mit einer Tischdecke, die mit Drachen bestickt war. Und diese Tante Liesel hatte also immer ihre Haare zu einem Dutt frisiert. Allerdings war ihr Dutt im Gegensatz zu meinem lackschwarz, denn bis zu ihrem Tod färbte sie konsequent ihre Haare. Ihr Gesicht war rund, faltig und so liebenswert wie das einer typischen Bilderbuchoma, dabei hatte sie den Beinamen „das Ripp“, was kein Kompliment ist. Ich mochte sie gern und sie war immer sehr lieb zu mir, ich habe sie auch oft alleine besucht, viele, viele Jahre, bis sie starb (sie stürzte die Treppe hinunter). Allerdings durfte ich als Kind nicht zeigen, dass ich sie wirklich gern hatte: Ich musste sie mögen und mich gut benehmen, allerdings sollte ich auch die hässliche Scheidungsgeschichte meiner Großeltern im Hinterkopf haben und immer ein bißchen wütend auf sie sein. Es ist mir nicht gelungen. Auf meinen unbekannten Großvater sollte ich nicht wütend sein, da wurde immer lachend über seine Affairen Wilhelm Busch zitiert – so sehr meine Mutter darunter gelitten hat, dass sie wegen fehlender Unterhaltszahlungen eine Kindheit weit unter der Armutsgrenze hatte und später nicht zuende studieren konnte (obwohl sie immer in den Semesterferien gearbeitet hat), so sehr liebte sie ihren Vater und nahm mehr seiner jungen, verliebten Cousine übel, dass sie ihn geheiratet hatte als ihm, dass er über die ganze Ehe hinweg schon seine Affairen hatte (mit allen Hausmädchen, so etwas gab es damals noch in gutbürgerlichen Haushalten). Ich habe kein einziges Foto von ihr, deswegen kann ich außer in meiner Erinnerung nicht nachforschen, ob ich ihr wirklich ähnlich sehe, das wäre Familienähnlichkeit über eine große, große Entfernung hinweg, oder ob es nur die Haare waren, die heute Morgen dieses Kaleidoskop der Erinnerungen brachten.

P1180929

Andantino ist mein Tempo.

51328528140_0b75729c18_o

Wenn ich das Gras unter meinen Füßen fühle, an allem rieche, was es im Garten gibt, mich zu den Schnecken und Käfern setze und stillhalte, damit die Vögel und Schmetterlinge nicht erschrecken, wenn ich liebe alte Bücher wiederlese (und wieder und wieder), wenn ich den kleinen Sandameisen zuschaue, die unter den Pflastersteinen wohnen und bei schönem Wetter nach oben kommen, dann dehnt sich die Zeit, wird lang und breit und tief wie in der Kindheit.

anstrengende Pause

Ich war 3 Tage unterwegs und hatte eigentlich Erholung erwartet. Mit extrem vollen Autobahn(baustell)en und Test- und Impfstationschildern überall, Masken von den Innenstädten bis an die Waschbecken auf dem Campingplatz war es das weniger als gedacht. Trotzdem hatte ich zwei gute Begegnungen mit Freundinnen und etliche schöne Spaziergänge mit dem Hund. Juni ist einfach ein wunderbarer Monat.

51275745670_8d1bdb513a_o

Die Sache mit der Logik.

In der Zeitung wird heute der Horror-Herbst angekündigt. Wegen der Delta Variante, die heimtückischerweise als laufende Nase und Halskratzen daherkommt. Ebenso wird mitgeteilt, dass in der Disko im Nachbarort keine Maskenpflicht mehr herrscht, dafür müssen alle sich testen lassen, auch Geimpfte, da diese auch noch anstecken können. Gleichzeitig teilt eine Rentenberatungsstelle mit, dass sie ab Mitte Juli wieder Präsenztermine anbietet, jedoch nur für Geimpfte, ein negativer Test reicht nicht aus. Außerdem häufen sich die Studien, dass die PCR Tests wirklich (wie von etlichen WissenschaftlerInnen seit über einem Jahr gesagt) nicht dazu dienen, Krankheit oder Infektiosität festzustellen. Trotzdem bleibt der Inzidenzwert der Leitstern. Es häufen sich die Studien über die Untauglichkeit, Unnötigkeit und Schädlichkeit der Masken. Trotzdem will die CDU FFP2 Masken in Kindergröße bestellen. Es summieren sich die Nachweise über die Gefährlichkeit der Impfungen, und trotzdem freuen sich die Leute auf ihre Zweitimpfung „wie auf Weihnachten“. Ich habe mal wieder den Payk aufgeschlagen und unter „Wahn“ nachgelesen: Symptome erfüllt, der Massenwahn geht weiter.

Geborgenheit.

Könnt ihr euch an die Geborgenheit erinnern,
auf dem Rücksitz des Käfers,
natürlich ohne Gurt, liegend, eine Jacke als Kissen unter dem Kopf,
von Mutter oder Vater über die Autobahn gefahren zu werden,
Duisburg konnte man noch riechen,
dann die Abfahrt, in der ersten Sauerländer Kurve aufwachen,
Wald riechen,
wieder einschlafen.
50008629043_851a923726_o

IMG-5849

Für die Steine sind wir nur Geflimmer vor einem langsam atmenden Hintergrund. Wie es sich für sie wohl angefühlt hat, so aufgestellt zu werden? Seitdem stehen sie schon 6000 Jahre da und atmen langsam. Um sie herum werden Bäume uralt, Schmetterlinge auch, nur anders.

The moment of the rose and the moment of the yew tree are of equal duration. (T.S. Eliot)