Ostersonntag, 04. April 2021

Ich hatte immer noch ein bißchen Hoffnung, dass die Menschen maßnahmenkritischer werden. Einerseits werden sie es auch – aber in einer destruktiven Art und Weise. Sie kritisieren die Einschränkung der eigenen Komfortzone. Sobald ihnen diese freigegeben wird, sind sie mit allem anderen einverstanden.

So sind EinzelhändlerInnen bereit, nur noch getestete und/oder geimpfte KundInnen, mit Maske und Abstand, einzulassen – die anderen sollen sehen, wo sie bleiben. So sind Leute bereit, mehrfach getestet zu werden, um mit Maske und Abstand in so eine Art Urlaub zu fliegen – wer das nicht kann oder will, soll sehen, wo er bleibt. Da lassen Leute sich impfen, um die Familie besuchen zu können, ob ich als Ungeimpfte (ohne Test, Maske und Abstand) da wohl noch mal zum Kaffee kommen darf? Menschen, die (zu Recht) ihr eigenes Wohnmobil benutzen wollen, sind voller Hass auf die DemonstrationsteilnehmerInnen, diejenigen, die eben nicht nur den eigenen Tellerrand wahrnehmen. Menschen in Gegenden, die seit Jahrzehnten und Jahrzehnten vom Tourismus leben, beschimpfen TagesausflüglerInnen, ZweitwohnsitzbesucherInnen, die sollten wegbleiben, sie bräuchten den Platz selber. Leute, die sich seit Jahrzehnten für Geflüchtete einsetzen, nehmen ohne mit der Nase zu wackeln in Kauf, dass es letztes und dieses Jahr zig Zehntausende mehr Hungeropfer weltweit durch die Maßnahmen gibt. Die, die sich impfen lassen, interessieren die kritischen Stimmen nicht, die davor warnen, dass durch das Impfen in eine Infektwelle hinein Mutationen und Immunflucht gefördert werden.

Es ist wieder April. Vor einem Jahr kamen die Masken auf. Und ich war entsetzt. Es ist wieder April. Und es wird geplant, dass Geimpfte bald (mit Abstand und Maske) Zutritt zu Geschäften haben sollen und vielleicht sogar ungetestet reisen dürfen. Mit Maske und Abstand natürlich. Überall liegen und fliegen weggeworfene Masken herum, vom Vorgarten bis zu den Meeren. Es gibt Hasskampagnen gegen klimabewusste Jugendliche. Es werden E-Autos angepriesen, ohne die Produktion der Batterien zu bedenken. Jegliche Grenzen zwischen den politischen Farben verschwimmen, Grüne propagieren Umweltsünden und fördern mit falsch verstandener Toleranz Misogynie, die SPD hat lange das von Degenhardt kritisierte Stadium „bist du noch Sozialist oder schon Sozialdemokrat“ hinter sich gelassen. Die Linke entwickelt wenigstens einen Nebentrieb namens „freie Linke“. Die Afd tut so als interessiere sich sich für die Grundrechte. Die FDP sagt ab und zu was und verlangt danach, dass die Parlamente mal wieder mit einbezogen werden. CDU und CSU bleiben sich treu, aber das ist ja nun auch nichts Gutes.

Nebenbei bleiben Vergewaltiger aus den Kirchen wie üblich ungestraft, Lobbyisten verdienen sich krumm und dumm, die Reichsten der Welt werden exponentiell (das mögt ihr doch so, das Wort) reicher. Kinos, Restaurants, die reizenden individuellen Geschäfte, nach denen doch immer alle so verlangt haben, werden durch Streaming, Lieferservice und Onlineshopping ersetzt, das scheint den Leuten gar nichts auszumachen. Es scheint immer noch so zu sein wie vor einem Jahr, dass die meisten Menschen sich sehr wohl damit fühlen, durch eine schiere Geste (Maske und andere Maßnahmen) all ihre Pflicht erfüllt zu haben – nun kann niemand mehr etwas von ihnen verlangen, schließlich tun sie ja alles, was möglich ist. 

Ostersonntag, 04. April 2021

Ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage, was fehlt mir denn, wenn der Lockdown nochmal 4 Wochen verlängert wird? Als hätte ich zum Teil schon vergessen, dass es vor gut 12 Monaten noch normal war, ohne Maske einkaufen zu gehen, mit der Bahn zu reisen, ans Meer zu fahren, in ein Restaurant zu gehen, ins Kino, zwischendurch in einem Café zu sitzen, ein paar Tage in einem Hotel an einem schönen Ort zu verbringen, dass Planen möglich war, dass Arbeiten möglich war, dass ich eine Hose im Laden anprobieren konnte, wenn ich eine brauchte, dass ich sogar zum Frisör konnte, wenn ich, selten genug, dazu mal Lust hatte, dass ich genüsslich durch einen Buch- und Schreibwarenladen bummeln konnte, ohne Termin und Test und Maske. Dass ich ins Schwimmbad konnte. Aquajogging hat viel Spaß gemacht. Ausflüge und kleine Reisen mit meinem Vater waren immer schön. Alles weg. Und jetzt verbieten sie wahrscheinlich sogar noch den „kontaktarmen, autarken Urlaub im Inland“.

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Morgen ist wieder Konferenztag.
Wenn man nichts erwartet und schon von den Vorankündigungen weiter ent-täuscht wird.
Wir bekommen morgen eine Notbremsung verpasst.
Wie man etwas notbremsen soll, dass eh nur gaaaaanz langsam rollt (eher gar nicht),
ist mir nicht klar.
Und wirklich weh tut mir die Dankbarkeit der Leute,
die dort ein bißchen einkaufen dürfen,
da ein bißchen wegfliegen (Quarantäne bei Rückkehr bahnt sich bereits an)
und hier ein bißchen Hoffnung auf
Urlaub
im eigenen Bundesland
in autarken Unterkünften
mit strengem Testregime und AHA-Regeln und Corona-App haben.
Jämmerlich.
Vor einem Jahr bin ich ganz viel im Dunklen spazierengegangen,
weil im Hellen die Leute so auf Abstand gesprungen sind.
Jetzt wird eine nächtliche Ausgangssperre angekündigt.

Türkentaube
Feenhaft zauberhaft sind sie. Und nisten in der zart blühenden Blutpflaume.

Warum ist „Hair“ und „Wiedersehen mit Brideshead“ bei mir so eng verknüpft? 

Vielleicht weil beides Vergangenheitsutopien sind.

Zeiten, die mir verschlossen sind.

Nach denen ich mich trotz aller Traurigkeit sehne

und in die ich reisen würde

weil in ihnen zumindest die Schlupflöcher

größer waren

die analoge Freiheit noch über grüne Grenzen

erreichbar war.

Am liebsten aber würde ich in die Zeit reisen,

in der Emma und August Kaschewitz

glücklich waren in ihrem gelben Haus

an der Dorfstraße,

in dem Haus mit dem Apfelgarten,

als noch niemand daran dachte,

dass alles durch wahnsinnige Politiker

und wahnsinnige Mitläufer zerstört werden würde,

meine Urgroßmutter und mein Urgroßvater.

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So sieht das Haus heute aus. Naja, heute, 2011. Da war ich 10 Jahre jünger als jetzt und wahrscheinlich 10 Kilo leichter und meine Haare waren auch beim Frisör gewesen. Das ist nun alles anders. Und ich sehne mich nach dieser Reise mit meinem Vater so sehr, dass ich sie gerne als „Und täglich grüßt das Murmeltier“- Reise buchen würde. Ich könnte polnisch lernen. 

März

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Ich habe Veilchen gesehen
und einen Hauch von Schnee
auf den Bergen
habe seit Monaten mal wieder Pommes Frites gegessen
eine Freundin umarmt
bin an einem der Seen meiner Kindheit spazieren gegangen
mit Milan am Himmel
und Schwanzmeise im Gesträuch,
habe die Bauernhöfe an den grünen Hängen gesehen,
die schon immer dort waren,
viele neue Lagerhallen, Firmen und Häuser,
die die Täler verhässlichen,
bin zweimal an dem Haus vorbeigefahren,
in dem ich aufgewachsen bin
und bin nicht in die Stadt gegangen,
weil ich sie nicht in diesem Zustand sehen wollte.
Und dann bin ich wieder zurückgefahren.