Sturmfrau

Die Sturmfrau braust ums Haus
und fährt mir in die Glieder.
Das Ofenfeuer flackert,
in seinem Schein sehe ich die aneinandergekuschelten Hunde im Korb.
Auf meinen Beinen macht die Katze es sich bequem.
Ich lehne an einem dicken Kissen
und schaue alte Folgen von Rosins Restaurants.
Sonntag nach Weihnachten…
Eigentlich wäre morgen Alltag aber es ist ja nur ein weiterer Lockdownmontag.

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W. nachrichtlich.

Was ich mit Genuss gelesen habe: Die Pastorin.

Was mich gefreut hat: Sehr gutes Essen. Die liebevoll ausgewählten Geschenke meiner Kinder.

Was mich traurig gemacht hat: Eine kalte E-Mail.

Was ich deswegen mache? Achseln zucken Schultern küssen.

Was mich stärkt: Der Freundinnenkreis.

Was ich vermisse: Das Reisen.

Was ich zu tun habe? Den Abszess des roten Katers behandeln. Dem großen Hund seine Medikamente geben. Den kleinen Hund erziehen. Versuchen zu schlafen.

Erinnerung

Die Caprifischer.

Sommer 1977. Das Sauerland ist grün. Meine Knie sind ebenso braun wie der Rest und dazu frisch verkrustet, weil ich mit dem Roller gefallen bin. Im Wald duftet es nach warmen Fichtennadeln. Im Bach darf ich nicht baden, weil die Fabriken im Ort oberhalb etwas einleiten, das die Nachbarskinder mit Quaddeln aufblühen ließ. Durchwaten, ganz schnell, geht aber, an den flachen Stellen, um ins Heu auf der großen Wiese zu gelangen. Da liege ich und halte die Schnur meines Drachens in der Hand, es ist ein Bussard, steht wunderbar still im Wind, und ich liege dort und bin selig. Wiese und Heu unter mir, die Greifvogel Silhouette vor dem blauen, blauen Himmel. Abends wate ich wieder zurück. Über den Bach. Bevor der kleine steile Weg zu den Häusern beginnt, muss ich den Grillplatz überqueren. Hier stehen eine riesige Eiche und eine genau so große Buche. Am Rand, zum Wasser hin, wachsen Erlen. In die Erlen kann ich schon lange klettern, in die großen Bäume habe ich mich erst diesen Sommer hinaufzuhangeln gelernt. Der Grillplatz gehört den Caprifischern. Sie machen dort Kartoffelfeuer und grillen Würstchen und Brot, wenn sie zuhause sind. Für mich heißen sie die Caprifischer. Eigentlich sind sie 3 Brüder, ihnen gehören die drei Häuser am Ende der Straße, im letzten wohnen meine Eltern und ich zur Miete. Gebaut hat die Häuser ihr Vater, der „Oppa“. Er spricht Platt, ist Maurer, gottesfürchtig, unglaublich fleißig, hält Kaninchen zum Schlachten in kleinen Käfigen an der Schuppenwand, und obwohl er durchaus bereit ist, seine Enkel zu ohrfeigen, wenn sie wieder mal eine Scheibe eingeschossen haben (manchmal war auch ich es, aber die Tochter des, wenn auch zugereisten, Herrn Lehrers wurde damals keineswegs geohrfeigt) und obwohl ich ein ängstliches Kind bin, fürchte ich mich vor ihm nie und folge ihm tagelang wie ein kleiner, dünner, braungebrannter Schatten, in alle Winkel seines Reiches. In den seltsamen Raum unter den Garagen, in den Hühnerstall mit den braunen Hennen, die immer kahlgerupfte Hinterteile haben, zu den Kaninchen, in den Schuppen, der so sehr nach Mäusen riecht wie seither nie wieder etwas. Wir sprechen nicht miteinander, ich beobachte ihn einfach und er lässt mich sein. Die Caprifischer sind seine Söhne. Der Jupp, der älteste, im mittleren Haus, in dem auch der „Oppa“ und die „Omma“, das perfekte, kochende, backende, gottesfürchtige, fleißige, Pendant, seine Frau und die beiden Kinder wohnen, und in dem ich genauso ein und aus gehen darf wie die anderen Kinder bei uns. Der Willi, unser Vermieter, noch heute, über 40 Jahre später, ein guter Freund meines Vaters, im letzten Haus der Straße, so an den Hang gebaut, dass es dauernd interessante Risse im Mauerwerk zeigt, so günstig gebaut, dass man beim neu Tapezieren immer die halbe Wand mit den alten Tapeten abzupft, mit einer Tochter, die mich böse sekkiert und beißt und kratzt und einem Söhnchen, das dauernd mit dem Krankenwagen abgeholt wird, weil es irgendeinen Reiniger geschluckt hat. Der Bruno, das Nesthäkchen, dem das neueste Haus gehört, er hat auch zwei Mietparteien im Haus, die genau solche Außenseiter sind wie wir. Er wird später zum Skandal, und seine Eltern sprechen nicht mehr mit ihm, weil er eine Geschiedene geheiratet hat. Deren Tochter gibt mir auf einem Hochsitz im Wald die erste und fast einzige Zigarette meines Lebens. Ich weiß noch genau, wie alle drei Häuser geklungen und gerochen haben, wie die Stufen sich unter den Füßen anfühlten, wie es war, zum Bach hinunter oder über die Straße in den Wald zu laufen. Und ich weiß noch, wie es war, an diesen warmen Sommertagen den ungepflasterten Garagenhang hinunterzukommen, wenn die drei Brüder frei hatten und die Garagentüren aufstanden (vor unserer Garage stand die Tischtennisplatte) und die drei, der Jupp, der Willi, der Bruno, steckten unter ihren Bullis und schraubten und machten und planten den nächsten Trip zum Nürburgring, während aus einem Radio laut und unvergesslich das Lied von den Caprifischern dröhnte. Abends zogen sie auf den Grillplatz um. Wir Kinder bekamen gegrilltes Toastbrot, dünn mit Ketchup bestrichen, die Sommerköstlichkeit. 

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Balladengedanken (en me baladant).

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Diese Ballade von Agnes Miegel war eine der Lieblingsballaden meiner Mutter, deshalb konnte ich sie schon auswendig, bevor ich sie nachlesen konnte. Heute beim Hundespaziergang fiel sie mir auf einmal ein, da sie aktuell so schön passt. Die Menschen in der Ballade glauben, wenn sie es nur schaffen, die eine Todesursache zu vermeiden, wird keine andere sie je treffen, da Gott das nicht zulassen wird. Sie merken ziemlich schnell, dass das nicht stimmt. Und sie merken auch, dass die um jeden Preis zu vermeidende Todesursache sogar etwas Barmherziges gegenüber anderen Alternativen hat.

Herzensfreude.

Die Amseln finden die ausgelegten Äpfel in einer Minute, ebenso rasch werden die Meisenknödel entdeckt. Ich liege nach fröstelnder Hunderunde auf dem Sofa und beobachte meine Hunde beim Spielen. Merlin, mein Großer, mein Trost und mein Verlass. Und die letzte Fliege, die stets Frieda (James Krüss Leserinnen wissen das) heißt, trotzt dem Frost. „Frust“ schrieb die Autokorrektur, das wäre ja auch fein, eine Antifrustfrieda. A89EB4E7-A473-431E-9CCA-1C8BC70C76B6

Nachtrag zum 25.November

Ich zitiere hier aus dem Blog von Luisa Francia http://www.salamandra.de
„der 25. november ist der tag an dem sichtbar wird, was in dieser welt wichtig ist und was nicht. kaum jemand weiss dass am 25. november 1960 die drei schwestern patria, minerva und maria teresa – genannt las mariposas, die schmetterlinge –  in der dominikanischen republik als feministische freiheitskämpferinnen gegen den diktator hingerichtet wurden, weshalb der 25. november von der generalversammlung der uno zum internationalen tag zur eliminierung der gewalt an frauen ausgerufen wurde. kaum jemand berichtete über die aktionen und demonstrationen an diesem tag, den deutschen nachrichten wars wenn überhaupt einen satz wert. dafür mehrfache ausführliche berichterstattung zum tod von diego maradona, dem brillianten fussballspieler, frauenschläger, drogensüchtigen freund krimineller dealer und verbrecher, der an diesem tag gestorben ist.“

Persönlich kann ich mir das Datum gut merken, denn an diesem Tag vor mittlerweile 26 Jahren schlug ein wütender Mann mir eine Glastür ins Gesicht, ich verlor beinahe ein Auge und habe seitdem eine sichelförmige Narbe. Den Krankenwagen musste ich mir damals selber rufen, denn der Mann konnte kein Blut sehen, und davon gab es wirklich viel, und sackte halb ohnmächtig zusammen. Funfact: Er hat sich gewundert, als ich dann unmittelbar ausgezogen bin.

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Ich schaue „Lukas Lenz“ – Alte Freunde und April April, und mitten im Lachen (er war wirklich unwiderstehlich komisch) kommen mir die Tränen. Als ich das das letzte Mal geschaut habe, saß ich mit meiner Tochter vor gerade mal einem Jahr in Pau (Frankreich) in unserem für die 2 Wochen ihres Praktikums gemieteten Häuschen. Wir aßen Pizza, der Pelletofen wärmte, im Garten mitten in der Stadt leuchteten die Herbstblätter, wir genossen die Zeit mit Susan-Barbara, schlenderten durch die Markthallen, lernten viel, wie immer auf Reisen, und was immer uns Sorgen machte, die Sorge, dass uns Reisen und Treffen, Nähe, Umarmungen, Freiheit und Freizügigkeit, Kino, Essengehen und vieles mehr von einer demokratisch gewählten Regierung verboten werden könnte, wäre uns nicht eingefallen. 4 Monate später war all das geschehen und es wird immer ärger. Wenn wir das gewusst hätten, hätte ich versucht, dieses kleine Ferienhäuschen zu kaufen, in der Stadt, in einem großen Garten, von Mauern umgeben, gar nicht schlecht.

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Es ist unfassbar, dass es nicht mehr möglich sein soll, in Frankreich zu wandern, die Geier kreisen zu sehen, einen Café zu trinken, es ist unfassbar. Seit März sage ich das, und immer noch wird es schlimmer und schlimmer und schlimmer.

Ich überschlage, wie lange ich an meinen Büchern lesen kann (die ich ja seit Jahren möglichst reduziere, um nicht so viel Krempel anzuhäufen). Mindestens 18 Monate. Und noch haben sie die offenen Bücherschränke ja nicht wieder mit Ketten und Vorhängeschlössern umwickelt. Wahrscheinlich vergessen. Wenn ich dann noch bei meinem Vater stöbern gehe, komme ich wahrscheinlich auf 5 Jahre auch wenn ich nur die Bücher nehme, die ich wirklich lesen möchte. Natürlich kenne ich die schon alle, aber Gutes liest man ja gerne wieder, ich besonders. Worin ich nicht gerne lesen möchte, sind Reise- und Campingführer, die machen mich zur Zeit so traurig.

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Once upon a time…

Begleitung

Ein Eichhörnchen sprang
auf fingerdünnen Ästen
zwischen mir und dem See entlang,
begleitete mich (und den Hund)
ein Stück
mit zauberhafter Leichtigkeit.
Was sagt es mir?
Das Wandeln zwischen den Elementen
(wie meine Freundin Kormoran),
das inkonsequente Sein
(Winterschlaf, aber nur wie es passt),
das breitgefächerte Bild bei den Menschen
(Symbol für den Teufel, Ausbund der Niedlichkeit, Vogelmörder, blablabla) –
was sagt es mir?
Sei wie du sein kannst und hüpfe,
springe, nage und sammle,
klettere, schlafe, genieße.


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