
Im Winzigen liegt die gleiche Unendlichkeit wie im ganz Großen.

Im Winzigen liegt die gleiche Unendlichkeit wie im ganz Großen.
Ich steige in Papenburg in den Zug und fahre bis in den Hochschwarzwald. (Bevor jemand meckert: so wenig touristisch wie möglich, ich fahre, um eine Sterbende noch einmal zu besuchen.) Es wird eine Reise durch Zombieland. Die ersten drei Stunden habe ich ein Abteil für mich alleine. Der Zugbegleiter sagt, ich soll halt die Vorhänge zuziehen, damit niemand sieht, dass ich keine Maske trage. (Bevor jemand meckert: ich habe eine Befreiung und auf der Bahn-Corona-Seite steht explizit, dass man dann auch ohne Bahnfahren darf.) In Köln habe ich eine gute halbe Stunde Aufenthalt und mache, was ich immer mache, wenn ich in Köln bin, ich gehe die Stufen hoch zum Dom. So ein Köln habe ich noch nicht erlebt. Still, grau, leer, es sind nicht einmal die üblichen Taubenscharen da. Auf der Domplatte und dem Bahnhofsvorplatz ein halbes Dutzend Menschen, alle mit FFP2 -oder „OP“-Masken. Keine Kinder, keine Gespräche, alles ist geschlossen, das Museum Ludwig steht genau wie der Dom da wie ein Zeugnis vergangener Zeit. Es erinnert mich an die Filme aus den 80er und 90er Jahren, in denen die Tage nach einem atomaren Schlag oder Unfall geschildert werden. Im Bahnhof selber bewegen die Leute sich wie Figuren in einem Computerspiel, still und mit abgewandten Blicken weichen sie einander aus. Im Großraumabteil ist höchstens jeder 7. Platz besetzt, hier fühlt es sich fast normal an, fast: Normalerweise wäre ich hier umgeben von telefonierenden, am Laptop arbeitenden Menschen, normalerweise gäbe es bei den Durchsagen, was alles wieder nicht geklappt hat (von Wagenreihung bis zu den fehlenden Wagen, natürlich ausgerechnet denen mit den Platzreservierungen) die üblichen Bahnwitze. Still und mit abgewandten Blicken lassen die Menschen sich von A nach B fahren, auf den Bahnhöfen sehe ich Menschen mit 2 übereinandergezogenen Masken. In der Regiobahn von Freiburg prägt sich mir besonders ein Bild ein: Ein Friedhof im Schnee, ein kleiner Friedhof, von einem Mäuerchen umgeben, darauf ein Mann. Ein einzelner Mann, der vor einem Grab steht. Weißer als der Schnee leuchtet seine Maske. Verschneite Wege im Höllental, einzelne Langläufer, ich bekomme nicht einmal Lust auf eine Schneewanderung, denn es gäbe keine Gelegenheit, sich danach aufzuwärmen, etwas Warmes zu trinken, keine Tür, die sich öffnen würde, wenn ich klopfe. Im Hotel (das einzige im Ort, das für nicht-touristische Übernachtungen öffnet) bin ich die einzige Gästin. Ich bekomme ein Zimmer im dritten Stock mit Blick auf die Sparkasse und ein Stück Geisterstadt. Frisör, Souvenirladen, Kneipe, Restaurant, eine Boutique mit ganz tollen Taschen im Fenster, alles wie tot. Nur ab und zu rauscht eine Dachlawine auf die leeren Gehsteige. Am nächsten Tag fahre ich zurück; als ich in Freiburg auf den verspäteten Zug warten muss, hat der Bahnhof etwas Feindliches: Es gibt keinen Platz zum Sitzen, draußen ist es nass und kalt, dort kann man auch nicht warten. Was geht: Kaffee bei Starbucks holen, das will ich aber nicht. Ich zahle einen Euro fürs Bahnhofsklo und lese dort in einer Kabine, bis der Zug kommt. Wieder ein verwaister Großraumwagen. Einmal hält der Zug und es wird gebeten, jemand der Arabisch oder Italienisch dolmetschen könne, solle in Wagen 7 kommen. Mannheim. Umsteigen. Wenn ich mit der Maske gehe, bin ich desorientiert und unsicher, halte mich an Treppen am Geländer fest wie eine alte Frau. Ohne Maske traue ich mich nicht auf die Treppe, zu aggressiv fühlt die Umgebung sich an. Im nächsten Zug habe ich wieder ein Abteil für mich alleine. Ich setze mich, nehme die Maske ab, esse ein in Mannheim gekauftes Baguette. Die Zugbegeiterin klopft sich mit dieser neuen Deppengeste für „setzen Sie die Maske auf“ auf den Mund und scannt dann mit 2 Armlängen Abstand meine Fahrkarte. Später gehe ich ins Bordbistro, seltsamerweise darf man auf dieser Strecke dort sitzen, trinke einen Espresso und schaue auf den Rhein, das ist eine meiner Lieblingsstrecken und besonders gerne sitze ich schreibend mit Kaffee im Speisewagen und schaue die bunt bebauten Ufer an, die Schiffe, die Burgen. Heute fällt mir auf, wie sehr die Bebauung auf Begegnung angelegt ist. Wenn auch nicht auf die natürliche Gemeinschaft wie in den 500.000 Jahren Matrifokalität, so doch auf Begegnung (Handel, Raub, Verteidigung, Sozialkontakte). Wäre es für Menschen natürlich und dem Überleben dienlich, Kontakte zu anderen, zu Fremden, zu mehr als einer Person außerhalb des „Haushalts“ zu meiden, Abstand zu halten und sich etwas über den Kopf zu ziehen, sobald ein anderer in die Nähe kommt, wären sie niemals an dieses Flußufer gezogen, jede Gruppe hätte sich ihre eigene Nische in einem der Bergtäler dahinter geschaffen und eingezäunt. Der Eindruck bleibt natürlich erhalten, als die Städte wieder größer werden, die Hochhäuser, die Mietskasernen, die an sich schon eine lebensfeindliche Umgebung sind, werden bei Kontaktverbot, bei geschlossenen Begegnungsmöglichkeiten – von Café bis Schule, von Museum bis Buchhandlung – zu Gefängnissen. Der Zug hält und eine Durchsage kommt, ob zufällig ein Polizist an Bord sei, der solle dann bitte in Wagen 10 kommen. Das Zugpersonal wechselt und ein Zugbegleiter, der mich an Alfred Tetzlaff erinnert, sagt, ich habe die Maske auch alleine im Abteil zu tragen. Ich frage nicht warum und sage nichts vom Attest, denn es ist klar, dass die Diskussion nicht angenehm würde. Am Essener Bahnhof (manchmal steige ich hier aus und gehe ein Stück in die Stadt, liebe Erinnerungen aus vielen Jahren des Lernens hängen hier, im Frühling, wenn in Rüttenscheid die japanischen Kirschen blühen, ist es besonders schön) ist alles leer, wie ein geschlossenes Freilichtmuseum, so als hätte sich eine Kuppel wie aus Marlen Haushofers Buch „Die Wand“ über die Stadt gesenkt. Ab Münster wird die Atmosphäre leichter, Platz zwischen den Häusern, SpaziergängerInnen in den weiten Feldern, eine Zugbegleiterin, die freundlich sagt, „Sie haben sicher eine Befreiung“. Mit trockenem Hals und mit Kopfschmerzen steige ich aus dem Zug. So kann es nicht weitergehen. Diese Episode muss eine Episode bleiben und nun enden. Es geht nicht nur darum, dass Menschen krank werden (durch Masken, Einsamkeit, ausfallende Therapien und fehlende Bewegung etc) oder pleite gehen. Es geht darum, dass die letze verbliebene soziale Struktur ausdörrt und zwar schneller als ich je gedacht hätte. Wenn Menschen Orte besuchen, an denen sie Essen gehen, durch kleine Läden stöbern, sich mit einem Eis auf eine Bank setzen, geht es nicht nur um Konsum. Der Konsum steht in unserer Gesellschaft als Ersatz für bio-logisch eingegangene Kontakte. Sport, Stammtische, Ehrenämter, Tratsch über den Gartenzaun, Picknick, Schwimmbäder, Theater, Kinos, all das sind die Behelfskonstrukte, die über den Verlust der ursprünglichen Sippen ein bißchen hinweggeholfen haben. Nun fallen sie weg und übrig bleiben vereinzelte Menschen, die in kleinsten „Zellen“ (Paare, Kleinfamilien, Singles) einsam sind, sich daran gewöhnen, auf Kontakte zu verzichten, die draußen hastig das Notwendigste erledigen, ohne Wort, ohne Blick, die verlernen, frei zu atmen.
aus dem Jahr 2009 von der 2013 verstorbenen Schamanin Ute Schiran:

Damals ist nur einen Wimpernschlag her. Um den Lago Maggiore zu sehen, mussten wir nur hinfahren (was für eine Tour, ich mit 4 Teenies).
Heute sitze ich mit Tränen in den Augen vor einem meiner Lieblingsfilme, um den Ortasee zu sehen.

Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können. (Jiddu Krishnamurti)
2013 in Galicien, an der Praia da Lanzada, es ist bestimmt noch ein bißchen Sand im Buch.
Es gibt genügend Studien darüber, dass Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktsperre, Isolierung nichts bringen als die sogenannten „Kollateralschäden“. Trotzdem wird es immer irrer. Der Landkreis Gifhorn hat jetzt auch den 15 km Radius und plant ein absolutes (!) Kontaktverbot, das heißt, Alleinlebende treffen überhaupt niemanden mehr. Ein berührungs-, begegnungsloses Leben. Ich unke seit März wie Kassandra persönlich und ernte immer noch (!) Antworten wie: „Ach, das machen die doch nicht.“ „Das ginge ja rechtlich gar nicht.“ „Warum sollten sie das denn tun?“ und alles und viel mehr als ich mir vorstellen konnte, passiert. Das Patriarchat erntet gerade, was es 6.500 Jahre lang gesät hat, und es stört sich kein bisschen daran, im Gegenteil, es dreht nochmal richtig auf. Da werden schnell noch ein paar Pestizide genehmigt, der Regenwald unauffällig weiter gerodet, die Kriegsmaschinerie läuft weiter, die Liste ist leider sehr lang.

Das war am ersten Tag des ersten Lockdowns.
2020 war das Jahr, in dem die Menschen ihre Gesichter abgaben.
Hoffentlich vergessen sie nicht, wo sie sie hingelegt haben, falls sie sie irgendwann wiederhaben wollen.
Feuersprung und Wandelkraft
Erinnerung an Eigenmacht

01.01.2021, das hat die Quersumme 7 – „fruchtbare Fragen, Fragen deuten, statt schnelle, fertige Antworten zu benutzen, Aufhorchen, Lauschen auf den eigenen Rhythmus “ (Luisa Francia, „Dunkle Spiegel“)

Donkey, donkey, old and gray,
Ope your mouth and gently bray;
Lift your ears and blow your horn,
To wake the world this sleepy morn.
(Mother Goose)
