Und nun?

Natürlich kenne ich alle Kriegs-, Bunker- und Fluchtgeschichten, seit ich hören kann. Natürlich habe ich viel nachgefragt und erzählt bekommen. Und trotzdem trifft es mich heute wieder mit Wucht, wenn ich die aktuellen und historischen Bilder sehe. Wie kann eine das nicht treffen?

Meine Mutter musste jede Nacht in den Bunker, sie, ihre Mutter und ihre Schwester hatten Angst vor Vergewaltigung, ihr retteten die einquartierten Soladaten nach Scharlach und Diphterie das Leben, indem sie aus der Feldküche oder wie es hieß, für sie stahlen. Mein Vater lief als Kind alleine aus Ostpreußen übers Eis. Sie hatten nichts. Nichts mehr. Zogen durch eins, zwei, drei, vier Bundesländer. Und schon eine Generation später ist davon nichts mehr zu merken. Wie besorgt soll ich denn nun sein?

Chopin

Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit habe ich das Radio angemacht, als gerade Etude Opus 10 Nr. 3 von Chopin anfing. Auf einmal war da das Bild meiner Mutter am Klavier, ihrer Hände auf den Tasten, sie hatte so wunderschöne Hände, der weiche Ton unseres alten, immer ein bißchen verstimmten Klaviers, ein Römhildt Weimar, gleichzeitig mit dem Bild ihrer Hände, ganz blass nach der großen OP auf der weißen Decke im Krankenhaus. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich ruhig weiterfahren konnte. Wie es eine nach so vielen Jahren noch schüttelt, manchmal. Wie unmittelbar Klänge mit Bildern verknüpft sind. Nächste Woche würde sie 80.

P1060465
„nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre Blut im Munde.“

Tuppence

„Mrs. Beresford had once had black hair, a vigorous curling mop of it. Now the black was adulterated with streaks of grey laid on, apparently at random. It made a rather pleasant effect. Mrs. Beresford had once thought of dyeing her hair, but in the end she had decided that she liked herself better as nature had made her. She had decided instead to try a new shade of lipstick so as to cheer herself up.“

Ich liebe sie und Tommy. Neulich habe ich mal eine Verfilmung gefunden bei youtube und habe sofort wieder ausmachen müssen, so neben meiner Vorstellung (und der Beschreibung) waren die DarstellerInnen.

P1050408
Herbst schmeckt bunt

Warm ist es.

Ich stehe im T-Shirt draußen und schaue dem Gesumm im Efeu zu. Die Blüten sehen aus wie kleine Antennen auf Comic-Marsmännchen. Heute ist sie endlich da, die Hornissenkönigin. Ihr tiefer, beruhigender Ton mischt sich mit dem aufgeregten der vielen Fliegen, dem gleichmäßigen Sirren der Schwebfliegen, dem vertrauten Bienensummen und dem plusterigen Brummen einer Hummel, die aussieht wie ein fliegender Bommel. Ich stehe, höre und schaue und bin selig.11666262_956303737741799_4955098463199569490_n

November

Nachdem der Nebel uns zwei Tage lang eingepackt hatte, kam heute mühelos die Sonne durch. Den ganzen Tag begleiten mich Vögel, am Morgen schwingt eine Möwe sich eine ganze Weile parallel zum Auto übers Wasser, unterbrochen von einem schnellen Herabstoßen, quasi rückwärts über die Schulter, um dann ebenso geschmeidig weiterzufliegen. Am Nachmittag hüpft eine Drossel mir vor die Füße, die Eichelhäher rufen in den bunten Bäumen, und zwei Kleinspechte turnen zwischen zwei Wiesen herum. Beschwingter Tag.

22125859224_a6e2f342db_o

Samhain/Halloween

Letztes Jahr um diese Zeit war ich in Cornwall. Wanderungen zu Steinkreisen und an der Steilküste, Kaminfeuer am Abend im Chymorgen, dem B&B nur für Frauen.

http://www.chymorgen.co.uk/

Dieses Jahr in Ostfriesland, die Blätter fallen unter einem milden Hochnebel, der meist am Nachmittag einem strahlen blauen Himmel weicht. Mond nimmt ab, gerade. Das heißt, die Zeit ist besonders günstig für ein Loslass- und Loswerderitual heute Abend. Abschütteln, Ausspucken, Wegwerfen, was eine nicht mehr haben/tun/wo sie nicht mehr anhaften will und dann das rufen, was gewollt, gebraucht, gewünscht ist für das kommende Jahr.

15247599394_58d18909ff_z