Der Herr der Ringe?

Als Sam Gamdschie unter dem Fenster von Herrn Frodos Arbeitszimmer lauschte und hörte, wie Gandalf der Graue Frodo von der Gefährlichkeit des Ringes und von der Notwendigkeit, ihn nach Mordor zu bringen, um ihn in die Schicksalsklüfte zu werfen, erzählte, legte er seine Rasenkantenschere ins Gras und rannte zur weisen Ahne, die in einem Häuschen unter Heckenrosen im Schatten der Holunderin wohnte. Sie hörte seinen aufgeregten Bericht an, zuckte die Achseln und sagte: „Ich dachte mir so etwas, als schon Bilbo Beutlin gar nicht altern wollte und Frodo nun auch anfängt, so konserviert auszusehen. Sie sind von dem Ring so besessen, dass sie die Spuren des gelebten Lebens nicht zeigen, die sonst in Hobbit- wie Menschengesichtern entstehen. Bring mir den Ring am besten her, Sam.“ „Ich glaube nicht, dass ich ihn Herrn Frodo abnehmen kann.“ Sams Stimme wankte. „Na gut“, sagte die Ahne, „dann komme ich mit dir. Dabei kann ich direkt ein Wörtchen mit diesem alten Zauberer reden, der immer mit einer Kopie von Gannas Stab herumfuchtelt.“ Sie lehnte den Reisigbesen, der außen neben ihrer Türe gestanden hatte, in der Küche an die Wand, zog die Haustür hinter sich ins Schloß, öffnete sie noch einmal, da ihre Katze Karla ins Haus wollte, und ging mit dem hinterhertrottenden Sam zügig auf Beutelsend zu. Im Arbeitszimmer waren Gandalf und Frodo immer noch tief ins Gespräch versunken und schmiedeten gefahrvolle, düstere Pläne, um den Ring aus dem Auenland fortzubringen. Sie schraken zusammen, als die weise Ahne das Zimmer betrat. Gandalfs Nackenhaare richteten sich auf, er spürte die Präsenz von etwas Größerem. Dann legten sie sich wieder an, die Präsenz war nicht unangenehm. Ohne sich mit einer Einleitung aufzuhalten, streckte die Frau die Hand aus und sagte mit ihrer ruhigen Stimme „Ich bin die Mutter der Mütter und gekommen, um euch zu helfen. Gib mir den Ring, Frodo. Ich will ihn dir für die Reise einpacken.“ Gandalf bewegte sich unruhig auf der Stuhlkante. „Es ist eine dumme Idee, einen Ringträger loszuschicken, während der Ring ihm wie ein Magnet für alle bösen Kräfte um den Hals baumelt.“ Frodo löste zu seinem eigenen Erstaunen den Ring vom Kettchen, an dem er in seiner Hosentasche hing, und reichte ihn der Ahne.

Sie nahm den Ring in die Hand und zog einen Klumpen Harz aus ihrer Tasche, weichgeknetet und warm und rötlich getönt. „Das ist Harz der Tanne aus meinem Garten, ab und zu sammele ich die Tropfen, die sich an ihrem Stamm zeigen. Es ist verknetet mit dem Blut, das ich bei meiner letzten Blutung aufgefangen habe.“ Gandalfs Nackenhaare stellten sich wieder auf. Als die Frau anfing, das Harz sanft zu kneten und dazu kehlig zu summen, dann zu knurren und zu zischen, schließlich einen jodelnden Gesang anstimmte, der den anderen vertraut vorkam ohne ihnen wirklich bekannt zu sein, durch den sie spürten, dass die Erde selbst zuhörte und ihre Kraft mit der Sängerin teilte, sahen sie zu, wie der Ring in das Harz gebettet wurde, von ihm umschlossen, darin gewendet und bewegt, bis er darin lag wie eine Fliege, die seit Millionen von Jahren im Bernstein liegt, nur unsichtbar, denn das Harz war nicht klar. Noch immer summend nahm die Ahne einen Leinenbeutel aus ihrer Tasche, der an einer stabilen Kordel hing und gab den Harzklumpen hinein, nachdem sie einmal kräftig auf ihn gespuckt hatte. Dazu steckte sie eine getrocknete Holunderblüte, eine Krähenfeder („Erzählt mir nicht, Krähen wären Spione irgendwelcher Feinde – Krähen sind kluge, neugierige Vögel, die das menschliche Treiben beobachten und sich sicherlich ab und zu wundern, Vögel, von denen ihr viel lernen könnt. Wie von allen Wesen, denen ihr unterwegs begegnet. Auch du, Zauberer. Der einzige von eurer Zunft, der das begriffen hat, ist Radagast. Wenn ihr ihn seht, könnt ihr ihm sagen, ich würde mich über seinen Besuch freuen.“) und einen kleinen Kristallsplitter. Dann zog sie den Beutel zu, verknotete die Schnur und schwang den Beutel an der Kordel ein paarmal im Kreis herum.

Nun reichte sie ihn Frodo, der ihn sich verdutzt umhängte. Dann brach er mit Sam auf, um ungehindert den Ring zum Orodruin zu bringen, während die Ringgeister sich orientierungslos herumtrieben, Sauron einen Zusammenbruch erlitt und die Elben in Bruchtal verwundert begannen, Lieder über die plötzlich und unerklärlich verschwundene Gefahr zu singen. Die einzige, der den Ring noch wahrnehmen konnte, in seinem Säckchen im Harz, war Goldbeere, aber die hat es nicht einmal Tom Bombadil verraten.

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