Oha.

Da habe ich mich aber aus dem Fenster gelehnt 🙂 Die Frauenfiguren bei Christine Nöstlinger sind dermaßen komplex, das passt nicht in einen Blogeintrag. Daher gibt es mal ein paar skizzenhafte Gedanken:

Das erste Nöstlingerbuch, das ich gelesen habe, war „Ein Mann für Mama“. Darin finden sich schon sehr viele typische Figuren, andere typische fehlen. Wir haben die Erzählerin Su, ein ideenreiches, rebellisches Mädchen, das sozialisierungsbedingt in pariarchalen Kategorien denkt und die getrennt lebende Mutter erst mit ihrem Deutschlehrer und dann mit ihrem Nachbarn zusammenbringen will. Ihre große Schwester I erinnert ein bißchen an eine Ilse Janda, die es mit dem Zuhause etwas besser getroffen hat, sie ist frustriert aber noch nicht verzweifelt. Die Mutter: Hier treffen wir eine der verstörten Mutterfiguren, die uns bei Nöstlinger immer wieder begegnen. Dem Unsinn der Kleinfamilie (damals waren sogar berufstätige Frauen noch selten und auffällig) ausgeliefert versuchen sie, jung und schlank zu bleiben, was ihnen nicht gelingt, empfinden die Männer als rücksichtslos und egoistisch (was die oft sympathischen aber sehr schwachen und ineffizienten Vaterfiguren meist sind) und leiden unter den Regeln, die Mütter, Schwiegermütter, Chefs, das Schulsystem etc. ihnen aufdrücken und kompensieren mit Essen, Putzen, Schimpfen („Keppeln“), Depression. Die Großmutter (mütterlicherseits) in diesem Buch ist eine unerträgliche Tyrannin, ihre Schwester eine schwache, dauerputzende und Sprichwörter hersagende Gehilfin. Die Großmutter steckt die Kinder bei sich im Haus und beim gemeinsamen Urlaub in scheußliche Zimmer, während sie selbst es sich schön macht, sie sorgt dafür, dass das Geburtstagsessen für Su etwas ist, was sie nicht mag. Das ist bio-unlogisch, denn natürlicherweise sorgt gerade die Großmutter mütterlicherseits für bessere (Über)lebensqualität der Enkel. In den meisten anderen Büchern sind auch gerade die Großmütter sehr positiv besetzt, genauso rebellisch und durchschauend wie die Kinder. Der Nachbar, mit dem die Mutter sich zusammentun soll, ist, entblättert man ihn, eine Luftnummer, genau wie der Vater und wie der Onkel. Trotzdem versöhnen die Eltern sich am Ende, was wohl ein Happy End sein soll. Die Klischees, die sich die Eltern beim Streiten an den Kopf werfen, machen betroffen. Su schreibt darüber: „Die Mama verpatzt gar nicht jeden Knödel.“ Aha: Die Mama arbeitet in einer Boutique, der Vater hat eine Werbeagentur, die Mama kocht. „Der Papa bekommt gar nicht jedes Mal Glubschaugen, wenn ein blondes Fräulein vorbeigeht.“ Ok…

Der Altersfaktor ist auch interessant (mehr als Zeitphänomen): Genau wie Michels Eltern sind auch Sus Eltern gerade mal Mitte 30. Die Beschreibung ließe uns heute an Menschen von mindestens Mitte 50 denken.

Die vielen Eltern in „Achtung, Vranek sieht ganz harmlos aus“, sind eine frustrierende Katastrophe, in „Pfui Spinne“ und „Ilse Janda, 14“ würde man die Kinder ab liebsten herausholen. Im „Austauschkind“ erfahren die Eltern eine positive Entwicklung und in der Gretchen Sackmeier Trilogie ist die Mutter eine sehr bewusste Frau, die sich aus dem Kleinfamiliensumpf herauszieht, wenn sie auch immer wieder Rücksicht auf den dauerbeleidigten Ehemann nimmt.

Wenn ich mir aussuchen müsste, wer ich im Nöstlinger Universum sein sollte, dann würde ich Gretchen Sackmeier nehmen, sie ist eine durch und durch sympatische, hinterfragende, liebevoll agierende junge Frau, die sich selbständig von einem großen Teil des patriarchatsinduzierten Stockholm Syndroms befreien kann.

Noch ein Lieblingsbuch von mir ist der „Lukilive“ – dort sind die Eltern lieb, bemüht und trotzdem so hilflos. Da sie aber mit ihren Kindern gemeinsam agieren, geht es wenigstens halbwegs gut aus.

Mit dem Beitrag können wahrscheinlich nur solche Nöstlinger Fans und ImmerwiederleserInnen wie ich etwas anfangen, ich schreibe ihn trotzdem.

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Das zerfledderte „Ein Mann für Mama“ steht links von „Achtung Vranek“, die beiden waren die ersten. „Zwei Wochen im Mai“ (autobiographisch und sehr erhellend, was die Elternfiguren in vielen Büchern angeht) hatte ich auch schon als sehr junges Kind, die sind über 40 Jahre bei mir. Die anderen habe ich später dazugekauft, da ich sie nur aus der Bücherei geliehen und immer wieder gelesen hatte, manche, wie „Wetti und Babs“ oder „Der Denker greift ein“ habe ich auch als Erwachsene zum ersten Mal gelesen.

Ein Gedanke zu “Oha.

  1. Wieder was Neues kennengelernt. Ich kannte sie bisher nicht, den Namen wohl mal gehört, aber nie was von ihr gelesen. Vielleicht, weil ich fast keine Kinder- oder Jugendbücher im eigentlichen Sinn gelesen habe … obwohl ich Vielleserin bin! Gab es vermutlich nicht in unserer Stadtbücherei.
    Und jetzt habe ich richtig Lust bekommen, da mal reinzuschauen!
    Danke fürs Teilen!
    Angharad

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