Herzzeit

Ich bin so berührbar geworden
Die winterkahlen Bäume
mit den blühenden Haseln dazwischen
stehen im Nebel
Wo Kyrill vor fast genau 15 Jahren tobte
sieht es immer noch apokalyptisch aus
(umgerissene Monokulturen)
aber nicht halb so sehr wie in den Städten
Ich stehe als eine Beobachterin
auf der Brücke meines inneren Schiffes
und teste
wo kann ich sein
wo darf ich rein
wer erkennt wie es mir nach 2 Jahren
Machenschaften geht
Die Spreu trennt sich vom Weizen
sagt Sieglinde die Künstlerin
und sie hat recht
es ist nur verdammt viel Spreu
und wir werden das nicht vergessen
da werden 15 Jahre nicht reichen
länger als bei Kyrill wird die Heilung dauern
Erinnern werde ich immer
die freien und
die zugewandten Menschen
die überraschend auftauchenden Freundlichkeiten.

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„Und was macht ihr so?“

Die Familie lässt sich „boostern“ und ich demonstriere für die Grundrechte. Auch damit sie sich bald trauen, mit der Boosterei aufzuhören.

Ansonsten sehe ich viele Kormorane. Höre Meisen die ersten Frühlingstöne singen (und ich singe auch wieder, nachdem mir fast 2 Jahre lang die Stimme im Hals steckenblieb). Stand auf einer winterlichen Wiese.

„You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one“

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Alles kann ein verwunschener Ort sein,
auch eine Bank in einem Winkel
am Wasser.
Ich habe heute den ersten Specht hämmern gehört,
die ersten aufblühenden Krokusse gesehen
und ein Kormoran flog in einem wichtigen Moment
über mich hinweg,
Zeichenvogel. Vogelzeichen.

Wie die Fettaugen auf der Brühe
schwimmen heute versunkene Worte oben
an einem Tag voll Kommunikation.

„Verve“ ist eines dieser Worte.

Lieder mischen sich dazu,
gerade höre ich Degenhardt
„ich lebe hier und lebe gern, schon weil die andern Vaterländer auch bloß Vaterländer sind“.

Havellandpläne regen sich wieder,
Meisen singen oben in die Büschen
und mein Herz erzählt mir vom Leben.

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Und ich hatte als Kind einen Flummi,
der war orangesonnenrot
und wenn ich ihn auf den Boden knallte,
dann waren alle Ängste tot.
Ich hatte auch einen,
der sah aus wie die Erde,
ein Miniglobus,
und den verschoss
ich eines Tages in die wilde Böschung,
steil und vernesselt und verbrombeert.
Und in den Hang stieg,
weil ich weinte,
ein Nachbar
mit der Sense
und sichelte,
bis er den Flummi gefunden hatte.
Ich glaube,
deswegen schreibe ich ihm morgen mal eine Karte.

Vor vier Jahrzenten,
ich war noch ein Kind,

träumte ich:
mein Herz läge außerhalb meiner Körperin
und ich hielt es pochend und warm in meiner Hand

(ich mag nicht gerne den Puls fühlen)

und jemand kam

bis heute weiß ich nicht, wer,

und sagte:

gib es mir, ich trage es für dich. Und ich vertraute.

Erpressen lasse ich mich nicht,
auch Nötigung kommt nicht in Frage.

Und Höflichkeit ist außer Sicht
bei denen, die, wenn ich es sage,
wie es mir geht, von meiner Not,
nur lachen und ganz lapidar
Ergebung mir empfehlen.

Das ist dann Freundschaft, die mal war,
ist Trauer, als sei jemand tot
wie um verlorne Seelen.