Ich liebe Birken und Heckenrosen. Hier wachsen zwei gemeinsam auf einem Fleck. Gestern und heute waren zwei warme, duftende Frühlingstage, an denen ich den Blättchen beim Öffnen zussehen konnte, während aus der Mirabelle ein überwältigendes Bienensummen dröhnt und ein zarter Blütenduft durch den Garten weht. Heilsam.

Als es in der späteren Phase der Grippe wieder möglich war, im Bett am Laptop etwas zu schauen, habe ich in einem Anflug von Nostalgie „Löwenzahn“ mit Peter Lustig, der ja leider vor 3 Jahren gestorben ist, angesehen. Es gibt enorm viele Folgen und viele davon machen sehr viel Spaß. Dieser Mann mit Glatze und Latzhose, der voll Neugier steckt und unkonventionell lebt (Bauwagen) und handelt (Verbotsschilder und „man macht aber doch“ gibt es für ihn nicht), ist eine ganz sympathische Identifikationsfigur, und in der Sendung vermittelte er von 1979 bis 2005 zeitlos Wissen über alle möglichen Themen. 

Wenn dann auch noch die Konsequenzen des Forschens deutlicher wären, wäre es noch besser gewesen, so bleibt immer ein Rest von Idylle, sei es Landwirtschaft, Industrie oder Zoo – ok, es ist eine Kindersendung, z.B. die Massentierhaltung hätte viel drastischer gezeigt werden können/müssen und so ist es bei vielen Punkten aber es ist halt eine Kindersendung.

Bei allem Vergnügen (und aller Melancholie, gerade bei den frühen Folgen) stellt sich mir die Frage: Wie würde eine Frau in dieser Rolle wahrgenommen? Praktische, „alternative“ Kleidung, bastelnd, forschend, zwischen 40 und 65 Jahren alt, nachhaltig lebend, WissenschaftlerInnen hinterhersteigend und sie ausfragend, spielend, nicht regelkonform, begeistert laienhaft alles ausprobierend, keine Peinlichkeit fürchtend. Ich nehme mal an, es wäre keine Kultsendung geworden. Aber warum nicht? 

Mädchen und Jungen, Männer und Frauen kommen in der Sendung völlig gleichberechtigt daher, es gibt sehr viele Expertinnen mit großer Autorität, allerdings „benehmen“ die Frauen sich glaube ich alle regelkonformer als Peter, die Männer allerdings auch, er ist ein Einzelstück.

Wäre die entsprechende weibliche Figur als nicht authentisch angesehen worden? Wäre sie als unpassend empfunden worden? Zu dicht an der „Weisen Alten“? Wäre ein so freies und unabhängiges Leben bei einer Frau beängstigend für die Gesellschaft?

Geduld…

Diese Grippe ist eine richtige Geduldsprobe. Tag 13 ist heute. Ich habe es eben geschafft, ein Weilchen im Garten in der Sonne zu sitzen, der Sturm hat nämlich endlich aufgehört und es war eine Weile schön warm. Jetzt erhole ich mich davon auf dem Sofa mit Kirschkernkissen und Katze. Gestern habe ich wieder einmal die Frau Jenny Treibel gelesen und gehört (librivox, gelesen von Hans Hafen, ein Genuss). Was für ein köstliches Buch, immer wieder. Außerdem habe ich mehrere Staffeln „Löwenzahn“ mit Peter Lustig auf youtube angeschaut. Ein bißchen geschrieben, eine Collage geklebt (das war schon sehr anstrengend). Und draußen blüht allmählich alles, die Mirabelle, die Blutpflaume, die Forsythie.

post flu

Ich hatte die Grippe und war 10 Tage lang wie aus der Welt genommen. Was mir gut getan hat, der Welt vielleicht auch. Sie könnte viel mehr herausgenommene und innehaltende Menschen sicher gut vertragen. Ich hatte, nachdem die Schmerzen und das hohe Fieber vergangen waren, das klare Gefühl einer Gelegenheit, die ich nutzen kann und will. Eine Hier und Jetzt Blase, in der nichts zum Ablenken war. Besinnen. Sein. Atmen. Träumen. Das, was ich tun konnte (wenig war es, ab und zu, so ab dem 5. Tag ein Wort schreiben, ein paar Zeilen lesen, immer wieder einschlafend ein bißchen meditieren), ganz tun, ohne ständig den Kopf nach anderen Aktivitäten zu drehen. Fragen und Ahnungen stellten sich ein. 

War wirklich meine Hauptaktivität in den letzten Monaten die auf Facebook? Mich darüber aufzuregen, was wildfremde Menschen an Blödsinn ins Internet schreiben und mich mit ihnen darüber zu streiten? (Nein, war es nicht, ich habe schließlich zuhause auch gelebt, ich habe gearbeitet, ich habe gelesen, aber: Es war ein großer Anteil meiner Freizeit, der bei Facebook versickert ist.) Will ich direkt wieder, sobald ich wieder aufrecht stehen kann, losrasen und ein mehrtägiges Projekt bei der Arbeit stemmen, nur weil ich die flexible Springerin bin? Vielleicht bin ich vor lauter Flexibilitätsanspruch schon ganz gefangen. Will ich Mitfrau bei Terre des Femmes sein, wenn die die Väterrechtler am Frauentag mit Preisen ehren? Will ich eine neue Seminar- und Workshopreihe ersinnen und anbieten? Ich kann nicht mal das Wort Workshop so richtig gut leiden. Will ich dafür sorgen, dass die neue Patriarchatskritik Facebookgruppe nicht zu viel Verwirrung in der Sache anrichtet? (Das ging schnell: Ich habe die Gruppe einfach verlassen: Warum sollte ich mich gezwungen sehen, eine Gruppe, die eine mir unbekannte Person gründet, immer wieder in die richtige Richtung zu lenken? So könnte man mich ja leicht beschäftigen und völlig wirkungslos werden lassen.) 

Das Buch, das mich während der Krankheit am meisten beeindruckt hat: „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, es fasste meine Gedankenfäden irgendwie mit auf, genau wie Luisa Francia wieder mal mit ihrem Blog auf www.salamandra.de. Wir tun unspektakuläre Dinge an unspektakulären Orten, verbinden uns mit Leben, das in diesen Formen von unserer derzeitigen Gesellschaft gar nicht wahrgenommen oder erkannt wird, weben die Fäden der Alten und bestärken trotzdem unsere jungen Leute in ihren Demonstrationen für Erde und Klima, gewebt wird auf vielen Ebenen. („Die Fäden der Alten“, ja, ich weiß, dass ich nicht alt bin, aber die Junge und auch die Mutter sind, abgesehen davon, dass alle 3 Formen immer in jeder Frau leben, definitiv nicht mehr die, die bei mir im Vordergrund stehen, das hat mit alt sein oder sich alt fühlen, gar nichts zu tun, es geht eher um Sichtweisen und Prioritäten.) 

Eine kleine Reise, auf die ich mich seit Monaten gefreut hatte, fiel grippebedingt aus, und nicht einmal das hat mich gestört oder empört. Jetzt, wo ich es schreibe, fällt mir auf, dass ich offensichtlich in einem „The Work“ Zustand in Reinform war. Was ist, ist. Kein Widerstand, kein, „Ich sollte, andere sollten“, es war komplett friedlich in mir. Wenn das in Krankheit möglich ist, sollte es ja bei Gesundheit auch möglich sein. In dieser Friedlichkeit wieder ins Tun kommen, das ist mein nächster Schritt. 

Die ganze Zeit haben übrigens zwei meiner Katzen mich begleitet und mit ihrer heilsam schnurrenden Gegenwart den Kontakt zur Welt für mich gehalten.

Neues Kleid





Ich web ein Kleid aus Heiterkeit
Erinnerung und Träumen
aus Schätzen der Vergangenheit
und Frühlingswind in Bäumen.

Ich web ein Kleid aus Knochenweiß
und Radikalität
ein Kleid, das schön ist (und nicht „nice“)
ein Kleid aus „nie zu spät“.

Ich web aus Frauenkraft mein Kleid,
aus Unverschämtheit auch.
Aus Neumondmärzenfeierzeit
und aus Orakelfeuerrauch.

Ich web ein Kleid aus Zuversicht
aus Singen Tanzen Spinnen
aus tiefer Nacht und hellem Licht
ein Kleid aus allen Sinnen. 

Sonntagmorgen,
Becher Kaffee,
Husten aus den Zimmern der Kranken –
vor dem Fenster
fliegt der Regen quer vorbei,
ja, März, ich weiß,
kalt und graulig kannst du sein.
Aber trotzdem lächeln die Primeln
und Zwergosterglocken
und die Holunderin hat die ersten Blättchen.