Rambles of Spring
Mai
Ich bin im Urlaub. Es ist ein seltsames Gefühl. Ich bin unterwegs, alleine, zum Ausruhen, Erholen, Freuen, Wandern, ok, am Ende kommt ein Seminar, aber das ist auch eine Freude. Vor zwei Jahren war ich viel unterwegs und letztes Jahr auch – die ganze Zeit hat mich das Album „Day after tomorrow“ von Joan Baez begleitet. Es sprang mich an, als ich das Radio im kleinen weißen BMW zum ersten Mal anmachte. Ich musste in Baden-Baden anhalten (und baden, neben der Autobahnkirche ist ein Badesee), weil ich nicht weiterfahren konnte. Vor einem Jahr pendelte ich zwischen der Klinik in Badenweiler und dem letzten Besuch und wieder dem Friedhof.
„I’m not fighting for justice
I am not fighting for freedom
I am just fighting for my life
And another day on this earth dear
I just do what I’ve been told
We’re just the gravel on the road
And only the lucky ones
Will come home
On the day after tomorrow“
Und nun ist nur Urlaub, pur Urlaub, vision quest. Vielleicht schaffe ich einen Besuch am Friedhof. 6 meiner Menschen sind dort begraben (plus die Erinnerung an Mama), die Störche klappern auf den Dächern, die Feuerwanzen leben an den Mauern und die Gießkannen sind grün wie überall.
Aber jetzt, jetzt fange ich mich wieder ein, wie eine Laufmasche, und mache Urlaub.

Nachtfrost
Nachtfrost hat Reif auf die Wiese gelegt
und eine kribbelnde Frische in die Morgenluft
während die Kastanien Blütenkerzen recken
und Weißdorn die Welt beduftet, dass alles riecht wie
eine Mischung aus Bergpfaden um Peñalba de Santiago
und Straßen in Gelsenkirchen
das weckt mich
wie ein Sprung in einen kalten See
und ich hüpfe die Treppen hinunter
singend und pfeifend
ein Potpourri aus Moyland (Rambles of spring) und Konstantin Wecker (Wenn der Sommer nicht mehr weit ist)
gleichzeitig die Endzeitszenariennachrichten betrachtend
und die Sinfonie des Lebens mitfühlend
die um mich braust.
Entgrummelt.
Grummelig in den Graupel geschaut
der von den Dächern ins grüne Maigras rollte
und unter den Büschen liegenblieb.
Den Kragen hochgezogen
gegen den kalten Wind
und die Hände warmgepustet
nach dem Eiersuchen im Efeu.
Auf einmal
die Schultern sinken lassen
den Blick gehoben
tief geatmet
all die Vögel gehört
Sonne auf der Stirn gefühlt
und das Grün gesehen, das Blau und die weißen Fahnen der Wolken –
Leute, es ist wirklich Mai.

Mai.
Es duftet.

Ich liebe den herben, einmaligen Geruch von Weißdorn, der sich mit Fliederduft und dem Geschmack von Hirtentäschelkraut vermischt.
Frühlingswochenende.
Da ja eine Reihe von Feiertagen ansteht, ist heute schon so etwas wie Wochenendbeginn. Ich feiere das Wetter mit meinem schönen Kleid aus der Schweiz (genäht von SASA, findet ihr bei facebook) und freue mich, dass ich am Frühstückstisch vor der Zeitung gewarnt werde, dort ist eine ganze Seite dem Pfarrer gewidmet. Es steht nämlich Ostern an.
Ich habe als Frühlingssymbole meine 3 wunderschönen Keramikeier aus Seelbach hingestellt und ans Wohnzimmerfenster das Riesenei in Grün, Gelb und Weiß. Allerdings bestimmt nicht wegen Ostern. Ich fasse mal zusammen:
Da wird ein Fest von der Kirche annektiert, das Fruchtbarkeit (Lebensweitergabe durch Mütter), Leben, Zyklen im Mittelpunkt stehen hat, wird aus dem Zyklischen herausgenommen in eine lineare Geschichte aus Leiden und Darben im Irdischen (während dabei die Erde untertan und kaputt gemacht wird), um in eine lineare Ewigkeit (im Himmel oder in der Hölle) einzumünden. Dann wird diesem Fest ein festes Datum zugewiesen (der erste Vollmond nach Frühlingsanfang) und dieses Datum dann nicht einmal eingehalten, da die Kirche sich immer noch nach den alten Berechnungen richtet, geleitet vom Aberglauben, dass Karfreitag auf keinen Fall Schwarzmond sein dürfe – deswegen gibt es einen gewissen Sicherheitsabstand zum ersten Frühlingsvollmond, der dieses Jahr zu einem viel zu späten Ostern führt. Details gibt es bei artedea hier auf WordPress im Artikel zum Osterparadoxon.
Kritiklos werden sich auch dieses Jahr wieder unglaublich viele Menschen das Urbi et Orbi „spenden“ lassen (Greta T. will den Papst mit in den Klimaschutz einbeziehen, allmählich lässt sie sich wirklich in den Einheitsbrei rühren) und dann Osterfeuer entzünden, auf denen mit nicht umgeschichteten Gartenabfällen direkt ein paar Vögel, Igel und sonstige kleine Tiere verbrennen. Das ist Tradition, und Tradition darf alles.
Aber es gibt zum Glück auch Gegenbewegungen, spiralige, zyklische Wege und Strömungen. Und es gibt die Erde, die, auch wenn Menschen noch so sehr an der Oberfläche kratzen, viel größer und lebendiger ist als die Hybris des Patriarchats sich vorstellen kann, und um sie, um uns herum, diesen ganzen fantastischen Kosmos.
zwischen
Zwischen Schreiben, Schweigen und Schwelgen rappele ich mich allmählich auf. Ein bißchen Pausenmodus gönne ich mir noch.
Rekonvaleszenz
Zwischen kaltem Regen und Nebel leuchten gerade 2 sonnige, warme Tage hervor. Ich sitze auf der Schaukel und schaue der Felsenbirne beim Aufblühen zu.
Luisa Francia (www.salamandra.de) hat völlig Recht, was die Klimawandeldebatte zur Zeit angeht.

