Ich finde es ein bisschen zu kalt, aber dem Gemüse gefällt es anscheinend.

Ich finde es ein bisschen zu kalt, aber dem Gemüse gefällt es anscheinend.

Das Buch ist genauso alt wie ich. Ich habe es jetzt auf dem Dachboden wieder ausgegraben. In meiner Erinnerung gehört es zu einem Buch über den Zirkus, in dem ich heftig herumgemalt habe, sobald ich einen Stift halten konnte, und zu einem Buch über zwei Kinder auf dem Jahrmarkt. Diese Bücher hat meine Oma, die Mutter meiner Mutter, in Gelsenkirchen mit mir angeschaut, vor und nach dem gemeinsamen Mittagsschlaf. Außerdem hat sie mir noch beigebracht, mit einem Strich, ohne abzusetzen, einen Vogel zu zeichnen, einen Specht.

Die Lebensspirale ist Realität. Manche Dinge begegnen uns immer wieder. Linear und eindeutig ist gar nichts. Stimmungen und Themen sind manchmal einfach da und später klärt sich, was dahinter lag.
Ich fahre ins Sauerland, eine spontane Idee, nach vielen, vielen Jahren wieder einmal im Ort der Kindheit zum Schützenfest zu gehen (nur samstags und das war schon fast zu viel katholische Folklore), und höre dort, dass jemand gestorben ist, mit dem ich noch ein Ablöseritual offen hatte. Das konnte ich nun heute machen.

Auf einmal, beim Blick in die Büsche und Bäume,
kommt mir eine Vision von der Erde,
wenn die Menschen wieder verschwunden sind
(oder zumindest die Zivilisation des Patriarchats) –
Stille
Wachsen
Überwuchern
Wurzeln die Asphaltdecken sprengen
Stille
kein Werten
kein Benennen
Natur balanciert sich wieder
und die wunderschöne Erde
tanzt weiter gelassen durch den Kosmos.
Mein Macbook ist aus der Werkstatt zurück. Ich freue mich. Darüber, dass ich wieder anständig tippen kann, darüber dass es zu reparieren ging und über den fairen Preis und den begeisterten Bericht, wie es geklappt hat. Leute, die eine nützliche Arbeit gerne tun, wunderbar.

Ich gehe auf die morsche Brücke und balanciere auf dem Ast, steig auf die halb versunkene Wurzel und wate durch den Schlamm. Immer noch und wieder.
Wenn das MacBook in der Werkstatt ist, seit 8 Tagen, vermisst man es gar nicht mehr.

Die Felsenbirnen sind schon reif, früh dieses Jahr. Natur und die Ahnbindung an sie, sind so wichtig, um uns zu spüren und der Ahnung von der Zeit vor dem Patriarchat, vor der Beschneidung, wie Ute Schiran es nannte, wieder näher zu kommen.
Schlaf war auch Thema im Seminar Ende Mai, und auch bei mir in den letzten Jahren, da ich oft gar nicht gut geschlafen habe. (Seit dem Seminar übrigens schlafe ich wunderbar.)
Bei librivox höre ich gerne Hörbücher, die ein Hans Hafen vorliest, z.B. einiges von Fontane und auch die Märchen der Brüder Grimm*. Bei den Märchen ist eines, das mir besonders gefällt: Sechse kommen durch die ganze Welt. Es beginnt mit „Es war einmal ein Mann, der verstand sich auf viele Künste…“, und im ganzen Märchen kommt keine einzige Sache vor, die dieser Mann gut geschweige denn kunstvoll kann. Er kann lediglich total gut delegieren, heuert sich 6 Diener an, die alle eine Spezialität haben und gewinnt so das Geld und Gold eines ganzen Königreiches. Die Stelle, die ich besonders mag ist die, wo der „Laufer“ gegen die Königstochter um die Wette läuft. Auf dem Rückweg „überkam ihn eine Müdigkeit“ und da legt der Kerl sich mitten im Wettrennen hin und macht ein Schläfchen. Das nenne ich ein Schlaftalent.

* Zu Märchen allgemein ist natürlich zu sagen, dass sie allesamt patriarchal verdreht sind, weise Frauen zu bösen Stiefmüttern und hässlichen Hexen gemacht wurden und das Erwachsenwerden junger Frauen zu Geschichten um Einsperren und Verzaubern, wie bei Rapunzel oder Jorinde und Joringel. Bei „Sechse kommen durch die ganze Welt“ fällt das weg, da die Geschichte ganz anders und eben keine typische Märchengeschichte ist. Da kann eine sich höchstens fragen, warum will der Jäger einer Fliege, die 2 Meilen weiter auf dem Ast eines Eichbaums sitzt, ein Auge herausschießen – das ist typisch patriarchal bös-dumm.
Abschiedsbesuch und quirliger Frühsommer. Regen und Sonne und Temperaturen im Achterbahnwechsel. Ich bin nach der Reise so sehr im Sein, dass ich gar nicht kommentieren mag, ich schaue bloß und lese Christine Nöstlinger. Was für eine kluge Frau sie war, was für eine gnadenlose Beobachterin.
